Schilderwald mit Diesel-Verbotsschildern
Greenpeace Gastautor
18.08.2017

2 Jahre nach Dieselgate: 5 Fakten, die man wissen sollte

Ein Skandal ohne Ende

Seit Bekanntwerden des Dieselgate-Skandals sind fast zwei Jahre vergangen. Neu aufgedeckte Abgas-Tricksereien, politisches Versagen bei der Aufklärung und illegale Absprachen unter den Herstellern sorgen seitdem regelmäßig für Schlagzeilen. Diese 5 Fakten machen deutlich: Dieselgate ist längst nicht vorbei.

Protest auf der Siegessäule
Protest von Greenpeace-Aktivisten gegen schlechte Luft in den Städten auf der Siegessäule in Berlin am 31. Januar.

1. Es gibt keine sauberen Diesel

Kaum zu glauben, aber wahr: Immer noch überschreiten neue Dieselmodelle, die die Autobauer auf die Straße bringen, geltende Grenzwerte für Stickstoffdioxid. Selbst bei einzelnen Modellen, die bei Straßentests unter den Grenzwerten geblieben sind, sind sich die Tester nicht sicher, ob die Abgasreinigung nicht doch in bestimmten Situationen abgeschaltet wird. Bei den meisten Diesel-PKW wird die Abgasreinigung bei Temperaturen unter 15°C abgeschaltet. Der ADAC empfiehlt seinen Mitgliedern deshalb; aktuell keine Diesel-PKW zu kaufen. Die Software-Updates, die von den Autobauern als vermeintliche Lösung präsentiert werden, bringen wenig bis nichts. Das haben die Nachrüstungen bei VW eindrücklich demonstriert: Auf dem Prüfstand werden die Grenzwerte eingehalten, auf der Straße immer noch um das Drei- bis Fünffache überschritten. Mit Dieseln werden wir so keine saubere Luft in Städten bekommen.

2. Dieselabgase treffen vor allem die Schwächsten

In Deutschland sterben jährlich mehr als 10.000 Menschen vorzeitig aufgrund von Stickstoffdioxidemissionen. Die höchsten Belastungen finden sich in der Nähe vielbefahrener Straßen. Dort leben vor allem Menschen mit kleineren Einkommen, die sich keine anderen Wohnungen leisten können und oft selbst nicht mal Auto fahren. Besonders betroffen sind Kinder und ältere Menschen. Für jedes Mikrogramm mehr an Stickstoffdioxidbelastung steigt das Risiko eines Kindes an Asthma zu erkranken, um 1,5 Prozent an. Auch das Risiko an Diabetes zu erkranken nimmt mit der NO2-Belastung zu, während das Geburtsgewicht von Neugeborenen abnimmt. Mehr Infos finden sich in einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Gesundheitsstudie

VCD-Protest vor Verkehrsministerium
Beim Dieselgipfel am 2. August in Berlin tagte die Bundesregierung ausschließlich mit Vertretern der Autoindustrie. Vor der Tür protestierten Umweltverbände und NROs - neben Greenpeace-Aktivisten ware auch Aktivisten vom VCD vor Ort.

3. Gesundheitsgefahrwird ignoriert

Im Abschlussbericht des Dieselgate-Untersuchungsausschusses leugnen die Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD die Gesundheitsauswirkungen von Stickoxiden, obwohl ExpertInnen in der Anhörung die Gefahren klar dargelegt haben.   Obwohl tausende Menschen durch Dieselabgase geschädigt werden, dreht sich die politische Debatte vor allem um die Belastung der Autofahrer und Autokonzerne durch mögliche Maßnahmen wie Fahrverbote und Nachrüstungen. Auf dem „Nationalen Forum Diesel“ bzw. Dieselgipfel diskutierten Verkehrsminister Dobrindt und Umweltministerin Hendricks mit der Autoindustrie über mögliche Lösungen. GesundheitsexpertInnen oder VertreterInnen von Umwelt- und Verbraucherverbänden waren nicht eingeladen. Entsprechend fiel das Ergebnis aus: Die Hersteller sollen mit freiwilligen Software-Updates Abhilfe schaffen, obwohl diese nur wenig bewirken.

4. Luftmessungen zeigen nur einen kleinen Teil des Problems

Die Landshuter Allee in München, das Neckartor in Stuttgart oder die Max-Brauer-Allee in Hamburg – die schlechte Luft scheint sich in jeder Stadt auf einzelne Straßen zu konzentrieren. Das liegt allerdings einzig daran, dass es in deutschen Städten nur wenige verkehrsnahe Messstationen gibt. Mit ganzen sechs Stationen hat Berlin die meisten. Hohe Stickoxidbelastungen finden sich aber an vielen Straßen. Nur bekommen das viele Menschen nicht mit. Wie es besser geht, zeigt das britische Umweltministerium. Die stellen für Großbritannien ein Messnetz und Modellierungen bereit, die es erlauben die Belastung an größeren Straßen abzufragen.

Alexander Dobrindt auf der Verkehrsministerkonferenz
Greenpeace-Aktivisten protestieren vor einer Konferenz der Verkehrsminister in Hamburg am 28. April 2017.

5. Deutschland verhindert Aufklärung

Die deutsche Bundesregierung ist nur mäßig an einer Aufklärung des Dieselskandals interessiert. Während VW in den USA zu Milliarden-Strafen verdonnert wurde, Autobesitzer entschädigt wurden und VW-Manager in Haft sitzen, kommt VW in Deutschland mit Software-Updates davon. Außerdem behauptet die Bundesregierung, die EU-Verordnung zu Abgasreinigung hätte Lücken und erlaubt den Autoherstellern weiterhin ihre Abgasreinigung bei Temperaturen unter 15°C abzuschalten, obwohl der wissenschaftliche Dienst des Bundestages dies nicht für rechtmäßig hält. Die EU-Kommission hat mittlerweile die Nase voll. Sie hat Aufgrund von Versäumnissen bei Aufsichtspflicht und mangelhafter Zulassungsverfahren ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland (und einige andere Mitgliedsstaaten) eingeleitet.

Autor: Benjamin Stephan, Verkehrsexperte bei Greenpeace Deutschland

Topic
Klimawandel

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Gastautoren aus der Greenpeace-Welt schreiben über die Kampagnen, für die sie sich in ihren Ländern einsetzen.


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