Russischer Trawler vor Spitzbergen
Larissa Beumer
12.07.2016

Auge in Auge mit dem Fischerei-Trawler

Auf der Arctic Sunrise unterwegs vor Spitzbergen - Teil 3

Es ist ein grauer trüber Morgen, die See wogt geruhsam. Wir sehen den Fischtrawler auf dem Radar, bevor er vor unseren Augen aus dem Grau auftaucht. „Mirakh, Mirakh – this is the Arctic Sunrise“ – unser Kapitän Mike informiert die Crew der Mirakh, dass wir nur hier sind, um ihre Fischerei zu dokumentieren. Wir werden einen sicheren Abstand wahren und weder ihre Aktivitäten stören noch ihre Navigation behindern.

Die Mirakh ist einer von 189 Fisch-Trawlern, die lizensiert sind, in der Barentssee Kabeljau zu fischen. Dabei werden vor allem Grundschleppnetze eingesetzt, die – mit schweren Gewichten beschwert – eine Schneise der Zerstörung am Meeresboden hinterlassen: sie zertrümmern alles, was ihnen in den Weg kommt. Jetzt, da das Meereis der Arktis schmilzt, rücken diese Trawler immer weiter gen Norden vor, in bislang unberührte Gebiete.

Arctic Sunrise-Kapitän Mike Finken im Gespräch
Kapitän Mike Finken spricht mit einem Trawler-Kapitän und informiert ihn über unsere Absichten.

Schlauchboote zu Wasser!

Auf dem Radar sehen wir, dass der Trawler die Geschwindigkeit reduziert – normalerweise ein klares Zeichen dafür, dass die Fischer in Kürze das Netz einholen werden. Wir lassen die Schlauchboote ins Wasser und nähern uns der Mirakh von hinten. "Ruuummms!" – mit lautem Geklapper werden die ersten Teile des Netzes eingezogen. Bis das hintere Netzteil mit dem Fang kommt, dauert es aber noch eine Weile. An uns vorbei ziehen viele Meter an Seil, bunte Boien, ein langes Netz. Die Grundschleppnetze können so groß sein wie ein Fußballfeld, hoch wie ein dreistöckiges Haus. Viele solcher Boien und Netze haben wir in der vergangenen Woche von Stränden in Spitzbergen eingesammelt.

Schließlich sehen wir das Zappeln: Die Köpfe der Fische, wie sie aus dem Netz gucken – der Tiefe entrissen und hilflos nach Wasser schnappend. Um uns herum kreisen Scharen von Eissturmvögeln – sie freuen sich über die leicht zu erbeutende Mahlzeit. Die bedrückende graue Atmosphäre passt: Was wir sehen, ist kein schöner Anblick. Doch vor allem sind wir besorgt um das, was man von der Oberfläche aus nicht sieht.

Grundschleppnetz-Trawler "Kirkella" vor Spitzbergen
Die Netze von Grundschleppnetz-Trawlern (hier: der Trawler "Kirkella") hinterlassen auf dem Meeresboden eine Spur der Zerstörung.

Als Greenpeace 2010 anfing, mit einer Dropcamera (eine Kamera, die man von Bord an einem langen Kabel herunterlässt) und einem Unterwasser-Roboter den Meeresboden rund um Spitzbergen zu untersuchen, wurde uns von Fischern und Beamten des norwegischen Fischereiministeriums prophezeit, dass wir nichts außer Schlamm und Sand finden würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Die Kameras am Meeresboden ließen auf dem Bildschirm Kaltwasserkorallen, Seeanemonen, Seesterne, Schwämme, Seefedern und viele weitere Arten erscheinen. Doch wie sieht es am Meeresboden aus, nachdem ein schweres Grundschleppnetz darüber gezerrt wurde?

Wir zeichnen den Kurs der Mirakh auf und queren ihn anschließend, um mit der Dropcamera die Folgen der Grundschleppnetzfischerei zu filmen. Die Bilder sind erschreckend: Der ganze Meeresboden sieht aus wie umgepflügt. Schwämme sind herausgerissen, Korallen liegen abgerissen am Boden. Die Netze werden an beiden Seiten von zwei schweren Eisenplatten offengehalten: Ihre Spuren ziehen sich kreuz und quer wie Narben über den Meeresboden. Diese Gegend hier wird seit etwa 10 Jahren regelmäßig befischt. Man sieht es ihr an.

Gavin Newman mit Unterwasser-Roboter bzw. ROV
Mein Kollege Gavin Newman macht seinen ROV flott. Die Abkürzung steht für "Remotely Operated Vehicle": Das mit Kameras ausgestattete Fahrzeug wird zu Wasser gelassen und dann im Trockenen mit einer Fernsteuerung manövriert.

Norwegen muss Meeresschutzgebiet rund um Spitzbergen einrichten

Wir sind hier, um diese Schäden zu dokumentieren – und ebenso die Artenvielfalt und Schönheit jener Gebiete, die noch nicht befischt und entsprechen noch nicht zerstört wurden. Erst kürzlich konnte Greenpeace eine Selbstverpflichtung großer Fischerei- und Handelsunternehmen erreichen, die unterschrieben, ihre Kabeljau-Fischerei nicht weiter in bislang unbefischte Gebiete der norwegischen Arktis auszuweiten. Das ist ein erster und wichtiger Schritt, doch letztendlich kann nur die norwegische Regierung langfristigen und rechtlichen Schutz gewährleisten, indem sie ein Meeresschutzgebiet in den Gewässern rund um Spitzbergen einrichtet. Für die Umsetzung der Selbstverpflichtung wurde ein runder Tisch eingerichtet, an dem sowohl die betroffenen Unternehmen, als auch Vertreter norwegischer Fischereibehörden und Forschungsinstitutionen sowie Greenpeace teilnehmen werden. Bei diesem Prozess wird es zunächst darum gehen, zu bestimmen, welche Gebiete schon länger regelmäßig befischt wurden (und wo der Meeresboden schon entsprechend stark geschädigt ist) und welche Regionen noch gänzlich unangetastet sind. Hier werden wir unsere Aufnahmen als Anschauungsmaterial einsetzen.

Die Mirakh ist Teil der russischen Trawler-Flotte, die die Vereinbarung unterschrieben hat. Sie wird also ihre Suche nach Kabeljau nicht weiter in bislang unberührte Gebiete der norwegischen Arktis ausweiten. Die Arktis bietet uns die Chance, nicht die gleichen Fehler zu begehen, die wir in fast allen anderen Meeresgebieten der Erde bereits gemacht haben. Riesige – zum Teil noch gänzlich unerforschte – Gebiete der Arktis waren bisher durch das Meereis geschützt und sind unangetastet. Wir müssen nun für den rechtlichen Schutz sorgen, den das schmelzende Eis nicht mehr bieten kann. Noch können wir hier die Grenze ziehen: bis hierhin und nicht weiter.

Larissa Beumer ist vor der Küste Spitzbergens unterwegs auf der Arctic Sunrise, um dort die Bedrohungen eines einzigartigen Lebensraums zu dokumentieren. Dies ist ihr dritter Blogbeitrag von der Expedition (hier geht's zu Teil 1,2 und 4)

Topic
Arktis

Larissa Beumer

Larissa Beumer

Larissa Beumer (*1987) hat Geographie in Berlin und Global Change Management in Eberswalde studiert.


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