Gläser mit Chemikalien
Dirk Zimmermann
17.02.2017

"Biohack the planet": Der Gentechnik-Baukasten aus dem Internet

„CRISPR“, diese Abkürzung bekommt derzeit medial große Aufmerksamkeit. Mit der neuen Gentechnik-Methode kann Erbgut gezielt verändert werden. Sie soll Krankheiten heilen und Pflanzen mit besonders wünschenswerten Eigenschaften "züchten" - das zumindest versprechen sich ihre Befürworter. CRISPR und andere Verfahren des „genome editings“ (wie ODM, Zinkfinger-Nukleasen oder TALEN) haben eine Goldgräberstimmung unter Gen-Forschern ausgelöst, wie sie vor 30 Jahren auch in der „klassischen“ Gentechnik herrschte. Hier hat sich die Euphorie mittlerweile deutlich gelegt: Zwei Jahrzehnte Gentechnik auf dem Acker sind eine einzige Enttäuschung.

Die rechtliche Einstufung der neuen Verfahren wird heiß diskutiert. Für Greenpeace fallen CRISPR und Co. klar unter die Gentechnik-Definition und müssen entsprechend reguliert werden. Nur so kann eine Risikoprüfung und Kennzeichnung gewährleistet werden! Die EU traut sich bisher keine Einschätzung zu und wird wohl auf eine Entscheidung europäischer Gerichte warten. Damit könnten vollendete Tatsachen geschaffen werden; in Kanada und den USA stehen die ersten „Gen-editierten“ Pflanzen und Produkte kurz vor der Marktzulassung.

Das DIY-Gentechnik-Labor: Einfach im Internet bestellen?

In Deutschland ist die Situation deshalb ungeklärt – und brisant. Denn: CRISPR wird auch als „demokratische“ Technik bejubelt, die jeder in der heimischen Einbauküche nutzen kann. Im Internet kann der Hobby-Forscher tatsächlich Baukästen bestellen, um damit in seiner Freizeit Antibiotika-resistente Bakterien „herzustellen“. Ich habe ein Kit in den USA bestellt, das genau das kann. In dem Experiment wird mittels CRISPR ein Buchstabe im DNA-Code der Bakterien verändert. Ich war gespannt, ob das Paket geliefert wird: Sollte es tatsächlich möglich sein, diese umstrittene und rechtlich ungeklärte Technik einfach per Mausklick nach Hause zu bestellen und jenseits jeder Kontrolle anzuwenden? Was sagen die zuständigen deutschen Länderbehörden dazu?

Der CRISPR-Baukasten aus dem Internet
So sieht er aus, der Gen-Baukasten aus dem Internet.

„Biohack the planet“ lautet die verheißungsvolle Botschaft im Paket, das ich am Zoll entgegennehme. Kein Problem an dieser Stelle, außer der Einfuhrsteuer. Als nächstes schreibe ich der Hamburger Umweltbehörde, frage, ob es sich um Gentechnik handelt oder ob ich bedenkenlos losexperimentieren kann. Die Antwort ist eindeutig: Finger weg, mit dem Kit wird ein gentechnisch veränderter Organismus (GVO) erzeugt. Klare Sache – oder eine Einzelmeinung? Ich bitte Kollegen, entsprechende Anfragen in anderen Bundesländern zu stellen. Auch die weiteren, insgesamt acht Einschätzungen decken sich mit meiner und der der Hamburger Umweltbehörde: Die meisten Länder sehen in CRISPR glasklar Gentechnik, einige wenige verweisen auf Unsicherheiten oder das Vorsorgeprinzip. Alle sind sich einig, dass das Kit nicht angewendet werden darf, oder sogar unbedingt zurückzuschicken ist. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit BVL warnt mittlerweile auch vor der Nutzung solcher Kits.

Mein Kit steht weiter ungenutzt im Büro. Ich werde es natürlich nicht benutzen, vielmehr erwarte ich, dass es hochoffiziell auch von der EU als genehmigungspflichtige Gentechnik eingestuft werden wird. Es ist bedenklich, dass es noch lange möglich sein dürfte, im Heimlabor mit CRISPR herumzuspielen. Die wenigsten Anwender solcher Baukästen werden sich an ihre zuständige Behörde wenden. Also liebe EU und Bundesbehörden: CRISPR ist Gentechnik! Bitte schnellstmöglich entsprechend regulieren und unkontrollierte Nutzung verhindern.

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Gentechnik

Dirk Zimmermann

Dirk Zimmermann

Dr. Dirk Zimmermann ist Kampaigner im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland.


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