Munduruku mit Landschildern
Sandra Hieke
08.07.2016

"Dieses Land gehört uns" - Zu Besuch in der Tapajós Rescue Station

Ich schaue aus dem Fenster des Flugzeuges und sehe im Flussystem des Amazonas eine Bewegung an der Wasseroberfläche: Ein seltener pinker Amazonas-Flussdelfin gleitet dort tatsächlich durch das Wasser: Wenn das kein gutes Omen für meine Reise ist! Nach zwanzig Stunden Flug und einer recht rumpeligen Autofahrt sehe ich den Tapajós-Fluss dann zum ersten Mal aus nächster Nähe in seiner ganzen Pracht: Das Wasser ist warm, Felsspitzen ragen aus der Wasseroberfläche hervor, die Ufer säumt der Amazonas-Regenwald.

Munduruku-Kind schaut auf den Tapajos

Kleine Boote bringen uns in die „Tapajós Rescue Station“ – ein Camp, das Greenpeace in Sawré Mubyu errichtet hat. Die hier heimischen indigenen Munduruku haben uns um Unterstützung gebeten. Seit Jahrzehnten kämpfen sie um die Anerkennung ihres Landes. Die brasilianische Regierung plant am Tapajós-Fluss den Bau von über 40 Wasserkraftwerken. Der São-Luiz-do-Tapajós-Staudamm, der 20 Kilometer von hier entfernt gebaut werden soll, wäre der erste und größte von ihnen. Mit einer Staumauer von über 7,6 Kilometern Länge und 53 Metern Höhe bedroht er das Leben der Munduruku. Viele von ihnen würden gegen ihren Willen umgesiedelt und ihre Lebensgrundlagen und traditionellen Wurzeln verlieren. Der Bau des Staubeckens, das doppelt so groß wie München wäre, hätte viel Zerstörung zur Folge.

Paradies in Gefahr

Ich genieße die Fahrt über den Fluss. Mir wird klar, das die Schönheit, die mich gerade berührt, schon bald einem Bild massiver Zerstörung weichen könnte. Als wir im Camp ankommen, spielen Kinder am Ufer des Flusses. Einige von ihnen üben sich im Bogenschießen. Ich muss an meine Tochter denken, die darauf brennen würde, sich unter diese Kinder zu mischen und von ihnen zu lernen, mit dem Bogen umzugehen.

Munduruku-Junge mit Bogen

 

Doch noch sind wir nicht da, nicht ganz: Mit etwa zwanzig Kilogramm Gepäck müssen wir noch den Anstieg zum Dorf meistern, der zwar nicht lang, aber steil ist. Bei fast dreißig Grad und rund neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit bin ich nach kürzester Zeit nass wie ein Waschlappen und fühle mich auch ein bisschen so.

Endlich erreichen wir das Dorf. Ich blicke in die vertrauten Gesichter von Greenpeace-Aktivisten aus aller Welt. Wir alle sind hierher gekommen, um die Munduruku im Kampf gegen den Bau des Staudammes zu unterstützen. Auch etliche Journalisten sind hier. Wir wollen möglichst viele Menschen über das Schicksal der Munduruku informieren und dazu bringen, sich unserer Forderung an Unternehmen anzuschließen, sich vom Bau des geplanten Staudammes zu distanzieren.

Munduruku mit Botschaft an Siemens

Regenwaldzerstörung made in Germany?

Auch deutsche Firmen wie Siemens, Voith, oder das Joint Venture beider, Voith Hydro, könnten sich am Bau des Staudammes beteiligen. Sie alle hatten auch am Bau des Belo-Monte-Staudammes in Brasilien mitgewirkt, der Gewalt und Umweltzerstörung in die Region am Xingu-Fluss gebracht hat. Eine solche Katastrophe darf sich hier auf keinen Fall wiederholen.

Vor Kurzem hatte ich Gelegenheit mit Joe Kaeser, dem Chef von Siemens, über den geplanten Bau des Staudammes und seine Folgen für den Amazonas-Regenwald und die Munduruku zu sprechen. Er versprach mir, sich eingehend mit der Thematik auseinanderzusetzen, um eine Entscheidung darüber zu treffen, ob sich Siemens am Bau des Staudammes beteiligt. Eigentlich wollte der Konzern sich allein auf die Entscheidung der brasilianischen Regierung stützen. Doch diese Antwort reicht uns nicht: Siemens hat zahlreiche Selbstverpflichtungen zum Schutz des Klimas unterschrieben, möchte Indigenrechte gesichert wissen und bis 2030 klimaneutral werden. Eine Beteiligung am Bau des Staudammes würde absolut nicht zu diesen Vorsätzen passen.

Sandara Hieke mit Joe Kaeser
Im Rahmen einer Demo zur Einweihung der neuen Siemens-Zentrale am 15. Juni in München haben wir Siemens-Chef Joe Kaeser aufgefordert, sich nicht an dem Saudamm-Projekt zu beteiligen!

Ich wünschte, Herr Kaeser könnte sich selbst ein Bild von der Situation der Menschen hier in Sawré Mubyu machen. Ich bin mir sicher, würde er in die Gesichter der Munduruku blicken, würde seine Entscheidung gegen eine Beteiligung von Siemens fallen. Kein Mensch sollte das Recht haben, vom Schreibtisch aus zu kalkulieren, ob es sich lohnt, das Leben der Menschen hier zu zerstören. Beim Bau des Tapajós-Staudammes geht es nicht um irgendein Projekt, mit dem sich kurzfristig Geld verdienen lässt. Denn letzten Endes wird jeder drauf zahlen, wenn es umgesetzt wird.

Das Land gehört den Munduruku!

Nachmittags sind wir auf dem Fluss unterwegs und helfen den Munduruku, Schilder entlang der Grenzen ihres traditionellen Landes anzubringen. Sie sehen genauso aus wie die Schilder, die eigentlich durch die brasilianische Regierung bei der offiziellen Anerkennung hier angebracht werden sollten. Ihre Botschaft: "Dieses Land gehört uns!" 

Munduruku mit Schild zur offiziellen Anerkennung
Diese Schilder müssten eigentlich von der brasilianischen Regierung aufgestellt werden. Ihre Botschaft: Das Land gehört den Munduruku.

Der Sonnenuntergang am Fluss ist gigantisch. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende, ich bin voller Eindrücke und hundemüde. Doch Nachtruhe stellt sich keine ein: In unserer mit Palmwedeln bedeckten Hütte schlafen rund 25 Leute in Hängematten. Die für viele ungewohnte Schlafposition wirkt sich negativ auf das Schnarchverhalten einiger aus. Die Schnarcher übertönen lautstark die Geräusche des Waldes. Nicht gerade das, was man sich unter einer Nacht im Urwald vorstellt.

Als ich meine Schlafsachen aus dem Rucksack krame, mache ich außerdem Bekanntschaft mit einem äußerst haarigen Vertreter der Artenvielfalt und beschließe spontan, das Moskitonetz, das locker über meiner Hängematte hängt, unter mir zuzuknoten.  

 

Topic
Wälder

Sandra Hieke

Sandra Hieke

Sandra Hieke ist Diplom-Forstwirtin und setzt sich für den Erhalt und Schutz von Wäldern, sowie eine ökologisch und sozial verträgliche Waldbewirts


Weitere Beiträge zum Thema


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.