Larissa Beumer mit Gavin Newman auf der Arctic Sunrise
Larissa Beumer
18.07.2016

Entdeckungsreise ins Unbekannte

Auf der Arctic Sunrise unterwegs vor Spitzbergen - Teil 4

Um uns herum dröhnt es. Wir sitzen auf dem sogenannten „poop deck“ im hinteren Bereich des Schiffes, unter dem Helikopter-Deck. Die Arctic Sunrise ist hier nach hinten raus offen – und entsprechend ohrenbetäubend ist der Lärm der Schiffsmaschinen. Durch die Öffnung können wir die Dropcamera an einem langen, laut quietschenden Kabel ins Wasser lassen und hinter dem Schiff herziehen.

Gavin Newman lässt Dropcamera in Ozean vor Spitzbergen
Mein Kollege Gavin Newman lässt die Dropcamera ins Wasser.

Wir nutzen die Dropcam, um einen ersten Eindruck vom Meeresboden zu bekommen. Wenn wir etwas interessantes sehen und uns genauer anschauen wollen, kommt „Nemo“ ins Spiel – ein Unterwasser-Roboter, der es uns erlaubt, im Wasser hochauflösende Aufnahmen in brillianter Qualität zu machen. Mit Nemo machen wir eine Entdeckungsreise in eine unbekannte Welt, die schlechter erforscht ist als die Oberfläche des Mondes.

Bislang haben Wissenschaftler die Organismen am Meeresboden in dieser Gegend hauptsächlich untersucht, indem sie kleine Grundschleppnetze für etwa 15 Minuten über den Meeresboden ziehen. Dann analysieren sie an Deck, welche Arten sie mit dem Netz gefangen haben – nur um dann alles wieder über Bord zu schmeißen. So gewinnen sie einen Eindruck, was sich in den Tiefen tummelt: Welche Arten, in welcher Anzahl und Größe. Nur selten können sie all diese Arten unberührt und unversehrt in ihrem natürlichen Umfeld am Meeresboden beobachten. Zum Glück können wir es mit Nemo anders zu machen.

Sune Scheller mit ROV Nemo vor Spitzbergen
Sune Scheller, Campaigner bei Greenpeace Dänemark, prüft "Nemo", bevor er ins Wasser abgeseilt wird.

Eine Welt in Pink

Wir lassen „Nemo“ ins Wasser. Auf den Monitoren wird es dunkler: Wir beobachten, wie der Roboter langsam zum Meeresboden absinkt. Partikel und Sedimente schweben durch das Bild auf den Monitoren. Dann können wie den Grund erahnen. Vor unseren Augen taucht eine faszinierende Welt auf. Zunächst sehen wir vor allem viele kleine Steine und Muscheln. Es ist bunt – und erstaunlicherweise ist ausgerechnet Pink die vorherrschende Farbe. Das Pink stammt von einer Algenart, die die Steine bewächst. Irgendwie stimmt es mich fröhlich: Im Winter dominiert die Überwasser-Arktis das Weiß des Schnees, im Sommer herrschen die grauen und braunen Tönen der unbedeckten Berge vor. Wer hätte gedacht, dass es, ungesehen von den meisten, unter Wasser in allen Farben leuchtet?

Anemone am Meeresboden in der Arktis
Ein Traum in Pink: So sieht der unversehrte arktische Meeresboden aus.

Dann tauchen im Kegel von Nemos Scheinwerferlicht größere Steine auf. Und mit ihnen ganze Lebensgemeinschaften: Korallen, Seeanemonen, Seesterne, Seeigel, Krebse, Einsiedlerkrebse, Seegurken, Röhrenwürmer, verschiedene Quallenarten. Ich bin aufgeregt wie ein kleines Kind und will immer mehr sehen, immer mehr entdecken. Überall krabbelt und bewegt sich etwas, ist es bunt und wunderschön. Manche Organismen wirken fragil, zerbrechlich, geheimnisvoll wie aus einer anderen Welt, andere - wie die Einsiedlerkrebse - ulkig und geradezu verschmitzt.

Und alles sieht unberührt aus: Jeder Stein liegt hier schon seit Ewigkeiten an seinem Platz. Durch die Kälte der arktischen Gewässer wächst alles sehr langsam. Hier hat sich lange nichts bewegt – noch hat kein Netz diesen Meeresboden umgepflügt. Wie anders waren doch die Bilder, die wir vom Meeresboden gemacht haben, nachdem Grundschleppnetze dort breite Schneisen der Zerstörung hinterlassen haben! Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Spuren von Grundschleppnetz-Trawler am Meeresboden in der Arktis
Der Meeresboden, nachdem ein Grundschleppnetz-Trawler einmal drüber gepflügt ist.

Wenn wir Menschen früher die gleichen technischen Möglichkeiten, das gleiche Wissen gehabt hätten – und solche Bilder von anderen Meeresregionen gesehen hätten, BEVOR sie durch Grundschleppnetz-Fischerei zerstört wurden: Hätten wir die Schönheit der Meere mehr geschätzt, das Ausmaß der Zerstörung besser begriffen, schneller gehandelt und mehr Gebiete unter Schutz gestellt?

Hier in der Arktis, in diesen Gewässern, die bislang durch das Eis geschützt waren, haben wir eine zweite Chance! Ich hoffe sehr, dass diese Bilder helfen werden, die norwegische Regierung von der Notwendigkeit zu überzeugen, diese Gebiete unter Schutz zu stellen - helft uns dabei, Norwegen zu überzeugen.

ROV Nemo an der Wasseroberfläche
"Nemo" taucht auf - erwartet von einer Schar Eissturmvögel. Zu ihrer Enttäuschung hat der Roboter allerdings keinen Fisch mit an die Wasseroberfläche gebracht.

Larissa Beumer ist vor der Küste Spitzbergens unterwegs auf der Arctic Sunrise, um dort die Bedrohungen eines einzigartigen Lebensraums zu dokumentieren. Dies ist ihr vierter Blogbeitrag von der Expedition (hier geht's zu Teil 1, 2 und 3)

Topic
Arktis

Larissa Beumer

Larissa Beumer

Larissa Beumer (*1987) hat Geographie in Berlin und Global Change Management in Eberswalde studiert.


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