Schönheit und Zerstörung in der Arkhangelsk-Region
Portrait Jannes Stoppel
12.12.2016

Europas letzter Urwald: Kahlgeschlagen, zerschnitten, zerstört!

Kohlenstoffspeicher oder Kohlenstoffbombe

Der Dvinsky-Urwald südöstlich von Archangelsk in Russland gehört zu den letzten verbleibenden Urwaldgebieten Europas - weitgehend unberührt von menschlichen Aktivitäten wie dem industriellen Holzeinschlag. Der Wald ist nicht durch Straßen oder andere Infrastruktur vernarbt und groß genug, um eine gesunde Biodiversität zu erhalten. Er bietet Lebensraum für Braunbären, Vielfrasse, Uhus und viele weitere Tiere und seltene Pflanzen.

Die durch eine Greenpeace-Kampagne im Jahr 2001 ausgelösten Verhandlungen zwischen Holzfirmen und Nichtregierungsorganisationen führten im Laufe der Jahre zu mehreren Vereinbarungen, das Herz des Dvinsky-Waldes vom Holzeinschlag zu verschonen und das umliegende Gebiet nachhaltig mit Hilfe des FSC-Labels zu bewirtschaften. 2011 wurde das besonders wertvolle Kerngebiet in die Liste der zukünftigen Schutzgebiete der Regionalregierung Archangelsk aufgenommen. So weit so gut?
 
Leider nein.
 
Fünf Jahre später ist der Kern des Dvinsky-Waldes noch immer nicht unter Schutz. Holzfirmen und Industrie-Lobbyisten versuchen aus Vereinbarungen auszusteigen. Sie machen Druck auf die regionale Regierung, den industriellen Holzeinschlag auch im bisher intakten und wertvollsten Bereich des Waldes zu ermöglichen. Arkhangelsk Pulp & Paper Mill, ICE Titan, Solombalales und Region-Les LLC sind die Firmenkonglomerate, die im gefährdeten Waldgebiet aktiv sind.

Wälder in der Arkhangelsk Region

 
Der Dvinsky-Urwald könnte innerhalb eines Jahrzehnts verloren gehen
 
Forstunternehmen in der Region arbeiten mit Einschlagsmethoden, die eher die Bezeichnung  "Holzraubbau" als  Forstwirtschaft verdienen. Sie nutzen Kahlschlagverfahren, ohne sich um die Verjüngung mit standortgerechten Baumarten zu kümmern, und ziehen anschließend weiter in unversehrte Waldgebiete. Dieses nicht nachhaltige Wirtschaften führt unweigerlich in die Sackgasse: Wenn die erschließbaren Holzvorräte erschöpft sind, haben die Unternehmen die Wahl zwischen Betriebseinstellung mit allen negativen sozio-ökonomischen Folgen oder weiterem Einschlag in noch intakten, schützenswerten Gebieten.
 
Die russische Waldgesetzgebung erlaubt eine kurzsichtige, nicht nachhaltige Waldbewirtschaftung und ignoriert Umweltschutzmaßnahmen. Umso mehr fordert Greenpeace Russland die Regierung auf, das Dvinsky-Schutzgebiet wie vorgesehen unter permanenten Schutz zu stellen. Falls wie gehabt weiter eingeschlagen wird, könnte der Dvinsky Urwald innerhalb weniger Jahre als nicht mehr zusammenhängendes Gebiet zerstört und innerhalb eines Jahrzehnts komplett verloren gehen.

Holzeinschlag in der Arkhangelsk-Region

 
Zertifizierter Holzraubbau
 
Das Forest Stewardship Council (FSC) Label ist keine Garantie dafür, dass Holzwaren aus nachhaltiger Bewirtschaftung stammen und nicht aus Wäldern wie dem Dvinsky-Urwald. Viele Unternehmen in der Region Archangelsk sind derzeit FSC-zertifiziert oder im Prozess, zertifiziert zu werden. Oder sie hatten Zertifikate, die suspendiert oder widerrufen wurden. Andere wiederum beziehen Holz mittels des sogenannten FSC "Controlled Holz"-Labels, das ebenfalls kein Holz aus intakten Urwaldgebieten ausschließt.
 
Die internationale FSC-Mitgliedschaft stimmte eigentlich 2014 in ihrer Generalversammlung dafür, dass die überragende Mehrheit der verbleibenden intakten Urwaldgebiete geschützt werden muss. Dies wurde in Form der FSC Motion 65 festgehalten. Die Umsetzung von Motion 65 ist jedoch zur Zeit schwer gefährdet.

Größe des Dvinsky-Urwalds

 
Ein weiteres Zertifizierungssystem, das in der Region Fuß zu fassen beginnt und beispielsweise von Solombalales genutzt wird, ist das PEFC-Label (Programme for the Endorsement of Forest Certification). Es ist noch schwächer als das FSC-Label.

Wir fordern die Holzfirmen in der Archangelsk Region auf, den Dvinsky-Urwald nicht weiter zu zerstören und Schneisen in ihn zu schlagen. Von den Labels FSC und PEFC verlangen wir, keine Einschlagskonzessionen in intakten Waldwildnisregionen zu zertifizieren. Auch auf das FSC “Controlled Wood“- Label ist zu verzichten, da auch dieses zur Urwaldzerstörung führt.
 
Es sollte auch im Interesse der russischen Regierung, der Nachhaltigkeits-Labels und der Abnehmer in Europa sein, dass die Kernzone des Dvinsky-Urwalds unter Schutz gestellt und die Forstwirtschaft in der Region nachhaltig wird. Greenpeace fordert daher die Holzeinschlagsfirmen dringend auf, nicht weiter in die kartierte Kernzone einzuschlagen. Die Regionalregierung von Archangelsk muss die kartierten Schutzgebiete in der regionalen Landnutzungsplanung verankern und den notwendigen Wandel von Holzraubbau zu nachhaltiger Forstwirtschaft unterstützen.  

 

Topic
Wälder

Portrait Jannes Stoppel

Jannes Stoppel

Jannes Stoppel, MA International Development Studies, schrieb seine Masterarbeit zu Klimaschutzinitiativen in Boliviens Wäldern.


Weitere Beiträge zum Thema


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.