Kirsten Brodde
21.11.2016

Heute Trend, morgen Müll? Auszeit von Fast Fashion!

Black Friday und Cybermonday werden Milliarden von Dollar einspielen – unter anderem mit Unmengen billiger Kleidung. Aber der Kaufrausch führt auch zu Unmengen Textilmüll und das ist schlecht für die Umwelt. Und wen das noch nicht überzeugt: Weniger Kaufen schafft auch mehr Raum für Glück.

Die unerbittlichste Beutejagd findet heute nicht mehr in Wäldern statt, sondern an den Wühltischen. So erklären sich die Szenen, die sich alljährlich am letzten Freitag des Novembers in amerikanischen Einkaufszentren abspielen. An diesem Tag beginnt die Geschäfte die Weihnachtssaison mit Rabatten. Wie Raubtiere stürmen Kunden dann Kaufhäuser, weil dort Waren, die sie nicht brauchen, im Preis abgesetzt sind. Jedes Jahr werden Dutzende Menschen niedergetrampelt, wahrlich ein schwarzer Tag. 

Längst sind die „Black Friday“-Aktionen zu uns herübergeschwappt. Kunden ziehen los, um das eine Must-Have-Outfit der Saison oder ein aktuelles Smartphone zu ergattern. Mode ist billig und wird deshalb besonders viel gekauft, obwohl die Kleiderschränke längst proppenvoll sind. Trotzdem leisten wir uns immer mehr. Glücklich macht uns dieser exzessive Konsum nicht. Sobald die Beute erlegt und das neue Kleid gekauft ist, lässt der Kitzel schon nach und es stellt sich ein Gefühl der Leere ein. Und so zieht man von neuem aus, um sich noch mehr und noch bessere Dinge zu beschaffen. Der Nachteil: Während also das Feuerwerk der Erregung beim Modekauf schnell nachlässt, bleiben die Folgen für die Umwelt lang. 

Die Greenpeace-Recherche „Auszeit für Fast Fashion“ zeigt: Weil die Trends sich immer schneller abwechseln, kaufen und besitzen wir mehr Kleidung. Gleichzeitig hat sich die Tragezeit halbiert und wir sortieren ruckzuck wieder aus. Was heute Trend ist, ist morgen schon Müll. Zwar stimmt, dass sich aussortierte Kleidung oft noch Secondhand weiter tragen lässt, aber die Kanäle und Märkte für Altkleider sind überladen. In der EU kommen jährlich 1,5 bis 2 Millionen Tonnen Altkleider zusammen, nur 10 bis 12 Prozent werden lokal weiter verkauft, der Löwenanteil wird in den globalen Süden transportiert. Weil die Kleiderberge überhand nehmen, haben inzwischen 42 Ländern Einfuhrbeschränkungen erlassen oder Altkleider-Importe ganz gebannt. Der Secondhand-Markt ist am Rande des Kollaps. 

Und echtes Recycling von Kleidung ist momentan noch eine Illusion. Trotz großem Interesse von Designern und Modemarken und einer Menge Forschung, wie sich etwa Mischgewebe aus Natur- und Kunstfasern trennen lassen, ist kaum etwas davon marktreif, geschweige denn im großen Stil einsetzbar. Deshalb braucht es dringend eine „Auszeit von Fast Fashion“ wie Greenpeace jetzt fordert. 

Die einzige Lösung ist, die eigenen Abwehrkräfte zu trainieren, nicht der Versuchung des nächsten billigen Fummels zu erliegen und einfach weniger zu kaufen. Und dann das Glück der Befreiung genießen. Klar, das ist eine Herausforderung: Glück nicht darin zu finden, in dem wir unseren Wunsch nach immer mehr ausleben, sondern indem wir ihn zügeln. 

Das wiederum liegt total im Trend. Bei einer repräsentativen Umfrage in Deutschland zum Konsum von morgen, gaben 63 Prozent der Befragten an: „In Zukunft gilt als cool, wer nicht alles haben muss“.  Eine Vorhut von Konsumenten setzt das schon heute in die Tat um, und immer mehr prominente Rollenmodelle, denen man nacheifern kann, gibt es auch. Ex-Germany´s Next Topmodel Marie Nasemann, führt jetzt unter www.fairknallt.de einen Fair-Fashion-Blog und erklärte im Interview: „Ich glaube, dass wir uns in einem Umbruch befinden. Wir merken, dass uns zu viel Konsum belastet, statt gut tut. Und wir stellen fest, dass ein Leben mit weniger Dingen befreiend sein kann. Ich hoffe, dass sich dieses Verhalten auch auf die Mode überträgt.“

Etwas drastischer formuliert: Zeit mit Shoppen vertrödeln, trennt uns vom wirklichen Leben: Gute Gefühle erwachsen nicht daraus, dass wir etwas kaufen, sondern aus der Zuwendung zu anderen Menschen und intensiven Wahrnehmung der Gegenwart. Weniger ist Glück oder wie die Beatles schon wussten: „All you need is love“.


Kirsten Brodde

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde hat Journalistik, Germanistik und Medizin studiert und arbeitet als Textilexpertin der Detox-Kampagne für Greenpeace.


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