Ölunfall im Golf von Mexiko
Benjamin Borgerding
13.12.2016

Interner Bericht offenbart desolate Sicherheitskultur bei BP

Sechs Jahre nach Deepwater Horizon: BP hat nichts dazugelernt

Im Jahr 1892 konnte Edward L. Doheny in Los Angeles mit dem angespitzten Ende eines Eukalyptusbaumes ein Ölfeld in der südkalifornischen Erde anzapfen. Das waren Zeiten! Man kann sagen, dass die Ölförderung seitdem merklich komplizierter geworden ist. Das hat einen relativ einfachen Grund: Mit Eukalyptusbäumen lassen sich nur sehr schwer Ölvorräte in 6000 Meter Tiefe anzapfen - erst recht, wenn darüber noch ein Ozean den Weg versperrt.

Bohrinseln statt Eukalyptus 

Um an das Öl in schwer zugänglichen Lagerstätten zu kommen, hat die Industrie ihre Eukalyptusstäbe gegen hochkomplexe und superteure Maschinen eingetauscht. Die Schattenseite dieser Umstellung: Ein Pfahl aus Eukalyptus kann stumpf werden oder maximal durchbrechen, auf einer 500 Millionen Dollar teuren Ölplattform kann allerhand mehr schiefgehen. Ein (kleiner) technischer Defekt oder eine Unachtsamkeit können ausreichen, um eine unheilvolle Kettenreaktion in Gang zu setzen.

Diese Erfahrung machte auch das Ölunternehmen British Petroleum am 20. April 2010. Die Plattform Deepwater Horizon hatte das Macondo-Ölfeld im Golf von Mexiko seit gerade mal zwei Monaten angebohrt, als hochexplosives Gas aus dem Bohrloch drang und eine Explosion auslöste, die elf Arbeitern das Leben kostete und eine der schwersten Umweltkatastrophen des 20. Jahrhunderts zur Folge hatte.

Schiffe bei Reinigungsarbeit nach Deepwater Horizon-Unglück
Die Schiffe auf dieser Aufnahme vom 17. Juni 2010 sind alle an derselben Herkules-Aufgabe beteiligt: Sie bergen Öl, das nach der Deepwater Horizon-Unglück in den Ozean gesprudelt ist. Die ausgetretene Ölmenge wird auf über 700 Millionen Liter geschätzt.

Neuer Report enthüllt mangelhaften Umgang mit Informationen

Nach der Katastrophe tat BP das, was Industriekonzerne nach derlei Unglücken immer tun: Besserung geloben. Und Greenpeace tat das, was Greenpeace nach derlei Beteuerungen immer tut: Zweifel anmelden. Die erweisen sich jetzt erneut als durchaus angebracht: Ein BP-interner Bericht attestiert dem Konzern eine völlig desolate Sicherheitskultur. 

Der Report - dem Greenpeace UK-Investigativteam Energydesk zugespielt - kritisiert schwere Versäumnisse bei der Dokumentation von Zwischenfällen in Raffinerien und Bohrinseln und beim Weitergeben dieser sicherheitsrelevanten Informationen.

Arbeiter bergen Öl in Port Fourchon, Louisiana
Arbeiter bergen Öl, das nach der Explosion der Deepwater Horizon einen Strandabschnitt in Port Fourchon, Louisiana, erreicht hatte.

"BP erneut gescheitert, Empfehlungen umzusetzen"

BP ließ den Bericht im August 2015 anfertigen. Der Text basiert auf der Auswertung von Interviews mit 150 Mitarbeitern und Stakeholdern an neun BP-Standorten. Insgesamt werden 75 Zwischenfälle aufgeführt, für die eine mangelhafte Weitergabe von Informationen verantwortlich war - das sind 15 Prozent aller Zwischenfälle. Der Sicherheits-Experte Robert Bea von der Universität Berkeley hat den Report analysiert. Professor Bea hatte BP vor zehn Jahren beraten und schon damals - also noch vor dem Deepwater Horizon-Unglück - auf ähnliche Probleme bei der Verarbeitung von Informationen hingewiesen. Er sagt: "Es ist deutlich geworden, dass BP erneut gescheitert ist, Empfehlungen umzusetzen und Schwachstellen zu beheben." 

Der Bericht benennt auch konkrete Folgen der Versäumnisse: In Whiting, Indiana, wo BP die sechstgrößte Raffinerie in den USA betreibt, hätten Fehler bei der Datenaufnahme im Januar 2014 zu einem Zwischenfall geführt, der das Unternehmen insgesamt 258 Millionen Dollar gekostet habe. Bei einem weiteren Zwischenfall in der Raffinerie seien unbeabsichtigt große Mengen Öl abgefackelt worden. Weitere Folgen des Info-Schlendrians: Fehlende Bau-Blaupausen und falsch eingesetzte Anti-Blowout-Bauteile. 

Ölverschmierte Pelikane in einer Vogelschutz-Station
Ölverschmierte Pelikane in einer Vogelschutz-Station in Buras, Louisiana. Für die Aufnahme, entstanden im Juni 2016 nach dem Deepwater Horizon-Unglück, wurde der Greenpeace-Fotograf Daniel Béltra im Jahr 2011 vom Londoner Natural History Museum als "Wildlife Photographer of the Year" ausgezeichnet.

Rückkehr in den Golf von Mexiko

Sechs Jahre nach der Deepwater Horizon-Katastrophe bereitet BP die Rückkehr in den Golf von Mexiko vor. 300 Kilometer vor New Orleans soll die schwimmende Bohrinsel "Mad Dog" künftig bis zu 80.000 Barrel Öl am Tag fördern. Auf seiner Homepage präsentiert BP ein paar fun facts zu dem Mega-Projekt: Die Plattform operiert bei einer Wassertiefe von knapp 1400 Metern, das - so BP stolz - sei die siebenfache Länge der berühmten Seattle Space Needle. 

Die Kosten für das "Mad Dog"-Projekt belaufen sich auf rund 9 Milliarden Dollar. Gerade bei hochkomplexen Anlagen wie Bohrinseln ist der gewissenhafte Umgang mit Informationen ein riesiger Sicherheitsfaktor. Wer Fehler und Pannen schlampig dokumentiert und nicht für einen angemessen Informationsfluss sorgt, schafft ideale Bedingungen dafür, dass dieselben Fehler noch einmal gemacht werden. Vor 120 Jahren hätte das nur jede Menge stumpfe Pfähle aus Eukalyptus zur Folge gehabt, im Falle von "Mad Dog" wären die Konsequenzen wesentlich schmerzhafter. Für die "Deepwater Horizon"-Katastrophe musste BP insgesamt 60 Milliarden Dollar berappen. Die Natur in der Region leidet immer noch unter den Folgen.

Laut geleaktem BP-Bericht hat die "Mad Dog"-Plattform schon vor ihrer Inbetriebnahme mit Informationsdefiziten zu kämpfen: Die Erstellung einer Gefahrenstudie habe aufgrund fehlender technischer Daten doppelt soviel Zeit verschlungen wie veranschlagt. Albert Einstein soll mal gesagt haben: "Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun, und andere Ergebnisse zu erwarten." Ein Motto, der "Mad Dog" wie auf die stählerne Fassade geschnitten.

Topic
Klimawandel

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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