Häuser mit Greenpeace-Banner vor dem Start der COP22 in Marrakesch
© Roman Pawlowski / Greenpeace
15.11.2016

Klimakonferenz in Marrakesch: An der T-Kreuzung

Nach der Wahl von Trump: Ist die mit dem Pariser Abkommen entflammte Dynamik wieder beendet?

Ein Gespenst geht um in Marrakesch. Die Sicherheitsschleusen am Eingang zur 22. UN-Klimakonferenz konnten es nicht aufhalten und auch die Wärter vor den großen weißen Konferenzzelten konnten es nicht stoppen. Es taucht in jeder Fragerunde nach jeder Pressekonferenz auf, schleicht sich in jedes Gespräch. Donald Trump ist noch gar nicht vereidigt und seit seiner Wahl zum nächsten US-Präsidenten noch nichts Konkretes zu seiner künftigen Klima- und Energiepolitik erklärt - und doch ist sein Name allgegenwärtig. Setzt Trump seine Ankündigung aus dem Wahlkampf tatsächlich um und zieht sich die USA aus dem Pariser Abkommen zurück? Steht der weltweite Klimaschutz an der T-Kreuzung? Ja, das tut er, lautet die schlechte Nachricht. Die gute: Beide Straßen führen in die Zukunft - sie sind nur unterschiedlich lang.

COP22 in Marrakesch
Eingang des Konferenzgebäudes in Marrakesch. Was ändert sich für den Klimaschutz durch die Präsidentschaft Trumps?

Kohle ist ein schlechtes Geschäft

Als Jonathan Pershing, der oberste Klimadiplomat der USA am Montag in Marrakesch spricht, drückt es so aus: "Es ist keine Frage mehr, ob das Paris Abkommen umgesetzt wird, sondern lediglich wann und wie." Das bisherige Engagement der Verhandlungsparteien und der allgemeine Schwung seien schlicht zu stark, um den Prozess jetzt noch zu stoppen.

Nun kann man denken, „Klar, was soll der Mann sonst sagen?“ Aber es gibt Zahlen, die neutraler von Lösungen für die wachsenden Herausforderungen des Klimawandels sprechen. 109 Staaten haben das Pariser Abkommen inzwischen ratifiziert. Keine zwölf Monate nach dem Beschluss in Paris eine unerhörte Zahl in einem so komplexen Prozess. Die Preise für Erneuerbare Energien sinken so schnell, dass Strom aus Sonne und Wind in weiten Teilen der Welt von einem ökologischen zu einem ökonomischen Projekt geworden sind. Jemand unter dessen Namen ein Buch mit dem Titel „The Art of the Deal“ veröffentlicht wurde, wird kaum ignorieren: Investitionen in Kohlekraftwerke sind heute ein schlechter Deal.

 Rainbow Warrior III in Tanger zur COP22
Begrüßung der Rainbow Warrior III, die zur Klimakonferenz im Hafen von Tanger angelegt hat.

Was, wenn die USA aus dem Pariser Abkommen aussteigen?

All das sollte helfen, das Gespenst aus der marokkanischen Wüste zu vertreiben. Es sollte dazu beitragen, dass Donald Trump sich gut überlegen wird, wie wörtlich er sein eigenes Wahlkampfgeheul als künftiger Präsident nehmen darf. Weil aber dabei niemand sicher sein kann, muss auch die andere Abzweigung betrachtet werden: Der Weg eines Pariser Abkommens ohne die USA. Auch dieser Weg ist keine Sackgasse, aber er erfordert einen neuen Anführer. Bislang rollte der Prozess auf der Achse zwischen Peking und Washington. Wird diese zerschlagen, muss sich eine neue formieren. Dabei wird China schon alleine aus innenpolitischen Gründen nicht von der Stange gehen. Die Luft ist zu schlecht in Chinas Städten für mehr Kohlekraftwerke, die Energieversorgung zu unsicher, um nicht auf eine Modernisierung zu setzen und die Preise für Solarenergie und Windkraft zu niedrig, um diese Erneuerung mit fossilen Kraftwerken zu gestalten.

Die Rolle des neuen Partners für China sollte dann eine EU einnehmen, die sich auf ihren zuletzt vernachlässigten Anspruch als Klimavorreiter zurückbesinnt, die ihre Ambitionen verstärkt und jene Führungsrolle übernimmt, vor der Europa sich zuletzt gedrückt hat. Vielleicht wäre es dieses europäische Projekt, das der Union den dringend gesuchten neuen Geist einhauchen könnte. Ein neuer Geist, der ein Gespenst mit orangefarbenen Haaren verjagt. Eine schöne Vorstellung.

Topic
Klimawandel
Format
Analyse

© Roman Pawlowski / Greenpeace

Martin Kaiser

Martin Kaiser ist Geschäftsführer Kampagnen bei Greenpeace Deutschland.


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