Ladestation in Hamburg
Benjamin Borgerding
11.08.2017

Lösen Elektroautos unsere Verkehrsprobleme?

Warum E-Mobilität und E-Autos nicht dasselbe sind

Über die Zukunft der Mobilität wird derzeit viel nachgedacht und noch mehr geschrieben. Eine beliebte utopische Prognose geht so: In nicht allzu ferner Zukunft sind die Straßen nicht mehr verstopft von lärmenden PS-Boliden, stattdessen gleiten selbstfahrende Elektroautos beinahe lautlos, abgasfrei und harmonisch aufeinander abgestimmt durch den Verkehr. Lärm und schlechte Luft gehören der Vergangenheit an - von Unfällen ganz zu schweigen.

Ich habe mich mit unserem Verkehrsexperten Benjamin Stephan über diese Versprechen unterhalten.

Porträt Benjamin Stephan vor dem BMVi
Benjamin Stephan vor dem Bundesverkehrsministerium in Berlin. An der Fassade des Gebäudes: Greenpeace-Aktivisten, die gegen die Verkehrspolitik und das Festhalten am Diesel protestieren.

Benjamin, wird mit dem Elektroauto alles besser?

Wenn wir alle Diesel und Benziner einfach durch Elektroautos ersetzen, werden wir unsere Probleme ganz sicher nicht in den Griff bekommen. Elektroautos brauchen schließlich auch jede Menge Platz und können die Straßen genauso verstopfen wie Benziner oder Diesel-PKW. Auch Verkehrsunfälle sind mit E-Autos nicht automatisch aus der Welt. Neben der Umstellung auf E-Autos ist es deshalb zunächst einmal wichtig, die schiere Masse an Fahrzeugen auf den Straßen drastisch zu reduzieren - insbesondere in den Städten. Wir brauchen weniger PKW pro Kopf.

Bringt es gar nichts, wenn Benziner und Diesel-PKW gegen E-Autos ausgetauscht werden?

Doch, tut es. Um das Klima zu schützen, müssen die Autos, die auch künftig noch benötigt werden, elektrisch betrieben werden. Es reicht allerdings nicht aus, einfach nur auf E-Autos umzustellen und zu glauben, damit wäre das Klima schon gerettet.

Warum nicht?

Weil der Strom, den die E-Autos benötigen auch klimafreundlich produziert werden muss. Deshalb ist die Umstellung auf ein Energiesystem aus 100 Prozent Erneuerbaren so wichtig. Außerdem müssen Autos leichter werden, damit im Falle von E-Autos kleinere Batterien benötigt werden. Die Autoindustrie muss dafür ihre Produktion umstellen. Wir müssen weg davon, dass Autos immer mehr PS haben und immer schwerer werden. Das bedeutet auch, dass die Autohersteller ihr Marketing ändern müssen. Der Trend zu immer größeren und PS-stärkeren Autos ist nicht zuletzt auf millionenschwere Werbekampagnen der Autokonzerne für genau diese Modelle zurückzuführen.

Es reicht nicht aus, einfach nur auf E-Autos umzustellen und zu glauben, damit wäre das Klima schon gerettet.

Stichwort Batterien: Eine schwedische Studie hat kürzlich erklärt, dass die CO2-Bilanz für einen Tesla S erst nach 8 Jahren Nutzung besser ist als die eines herkömmlichen Verbrenners, weil bei der Herstellung der Lithium-Ionen-Akkus extrem viel CO2 anfällt. Wie bewertest du das?

Solche Vergleiche sind immer schwierig. Generell ist richtig, dass für die Herstellung von Batterien viel Energie aufgewendet wird. Deshalb ist es auch hier entscheidend, woher diese Energie kommt. Viele Batterien werden heute in China hergestellt. In China ist der Anteil klimaschädlicher Kohlekraft am Strommix derzeit noch sehr hoch. Außerdem wiegt der Tesla S 2000 Kilo. Kein Wunder, dass seine CO2-Bilanz da nicht die beste ist. Die CO2 lassen sich allerdings auch dann nicht vollständig vermeiden, wenn sich eine Batteriefabrik ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgt. Deshalb müssen wir nicht nur die Stromproduktion auf Erneuerbare umstellen, sondern brauchen auch ein Recyclingsystem für Batterien. Das minimiert den Ressourcenverbrauch und die Emissionen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Batterien anders weitergenutzt werden, wenn ihre Ladekapazität für den Autoverkehr nicht mehr ausreicht.

In der Konsumgesellschaft hat das eigene Auto einen besonderen Stellenwert. War das Auto nicht in den letzten 100 Jahren ein entscheidender Faktor für Wohlstand?

Entscheidend für den Wohlstand war die Mobilität, die durch das Auto ermöglicht wurde. Die Entwicklung ist jetzt an einem Punkt angekommen, an dem wir auf eine andere Form von Mobilität umsteigen müssen, um den Planeten vor den katastrophalen Folgen des Klimawandels zu schützen. Die Zunahme von Autos auf den Straßen macht das Leben für die meisten Menschen schon längst nicht mehr lebenswerter, sondern bedeutet eine immer größere Abnahme von Lebensqualität. Klimawandel, Unfalltote, Lärm und schlechte Luft in den Städten: Der Verkehr ist für all diese Problemen entweder teilweise oder vollständig verantwortlich. Man braucht kein eigenes Auto, um glücklich zu sein. Natürlich macht es einen Unterschied, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt, aber um die Zahl der Autos auf den Straßen zu verringern, führt kein Weg an einer Umstellung des Systems vom Individualverkehr auf eine neue Mobilität vorbei.

Man braucht kein eigenes Auto, um glücklich zu sein.

Was genau meinst du mit "neue Mobilität"?

Der Verbrenner – also Benziner und Diesel - hat für die Zukunft ausgedient. Wir können uns schlicht nicht leisten, einfach unbeschwert weiter fossile Brennstoffe zu verbrennen, um uns von A nach B fortzubewegen. Die Zukunft gehört der Elektro-Mobilität, aber eben nicht dem persönlichen E-Privatauto. Intelligente E-Mobilität beinhaltet die Integration und Verknüpfung verschiedener Verkehrsmittel im Alltag, also ein Zusammenspiel von Bike-Sharing, Car-Sharing, ÖPNV und IT-Systemen. Das Elektroauto ist ein Baustein der E-Mobilität, der dort Sinn macht, wo diese Alternativen nicht zur Verfügung stehen – z.B. in ländlichen Regionen.

Projektion an das BMVi
Auch darum hat der Diesel keine Zukunft: Jahr für Jahr sterben 10.000 Menschen in Deutschland vorzeitig an den Folgen hoher Stickoxidbelastungen. Auf diesen Missstand wiesen Greenpeace-Aktivisten am 31. Juli 2017 mit einer Projektion an das Verkehrsministerium hin.

Apropos IT-Systeme. Denkst du, das selbstfahrende Autos das Unfallproblem lösen werden?

Das wird man sehen, noch ist das Zukunftsmusik. Klar ist: Die Umstellung auf eine andere Mobilität muss deutlich früher beginnen als Verkehrssysteme mit selbstfahrenden Autos wirklich eingesetzt werden können. Wenn die Technik dann eines Tages soweit ist, kommt es darauf an, sie mit Carsharing-Flotten so effizient wie möglich zu nutzen.

Ist es in unser schnell getakteten Welt überhaupt möglich, auf das Auto zu verzichten?

Ich bin überzeugt, dass durch ein verbessertes System viele Autofahrten eingespart werden können. Aber die Herausforderungen gehen über das bloße Bereitstellen von Carsharing-Angeboten und ÖPNV hinaus. Das Automobil hatte als zentrales Fortbewegungsmittel einen maßgeblichen Einfluss darauf, wie unsere Städte heute aussehen. Städte wie Kopenhagen in Dänemark machen bereits vor, dass eine andere Mobilität möglich ist – ohne dass das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben zusammenbricht. Es muss städteplanerisch ein Umdenken geben – die Städte sollten für die Menschen da sein und nicht für die Autos. Dazu gehört auch bezahlbarer Wohnraum in attraktiven und grünen Innenstädten, damit weniger Menschen zur Arbeit pendeln müssen.

Noch ist es nicht zu spät zu wenden. Aber die Zeit wird knapp.

Die Autobranche gilt als deutsche Schlüsseltechnologie. Gefährdet der Umbau der Mobilität nicht Arbeitsplätze?

Der Umbau der Mobilität wird ohnehin stattfinden. Die Frage ist, ob mit der deutschen Autoindustrie oder ohne sie. Mit Indien und China wenden sich bereits große für die deutschen Hersteller wichtige Wachstumsmärkte von Autos mit Verbrennungsmotoren ab. Außerdem ist das Auto für immer weniger Menschen heute noch ein Statussymbol. Die Konzerne verschlafen einen Epochenwandel, wenn sie sich nicht von Autoherstellern zu Mobilitätsdienstleistern weiterentwickeln. Im Festhalten an Diesel und Benziner manövriert sich die deutsche Autoindustrie derzeit geradewegs in die Sackgasse. Noch ist es nicht zu spät zu wenden. Aber die Zeit wird knapp.

Was hältst du von einer Quote für Elektroautos?

Im Prinzip keine schlechte Idee. Aber sie bringt natürlich nur was, wenn sie mit den richtigen Zahlen verbunden wird. Für uns ist klar: Wenn wir das Klima schützen wollen, dürfen in Deutschland ab 2025 keine neuen Benziner oder Verbrenner mehr verkauft werden!

Topic
Energiewende

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding

Benjamin Borgerding (*1982) hat in Frankfurt am Main Anglistik und Medienwissenschaften studiert.


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