Schutz Rumänien Urwald Protest
Gesche Jürgens
26.08.2016

Menschen, die auf Bäume starren (und sie messen)

Vor zwei Wochen errichteten Greenpeace-Aktivisten aus verschiedenen europäischen Ländern eine Urwaldschutzstation in den rumänischen Karpaten. Ihre Mission war es, beispielhaft schützenswerte wilde Wälder zu kartieren und zur Aufnahme in ein von der rumänischen Regierung beschlossenes „Urwaldregister“ vorzuschlagen, um so ihren dauerhaften Schutz vor der Säge sicherzustellen.

Greenpeace-Aktivist im rumänischen Urwald

Die Vermessung eines Urwalds ist allerdings kein Kinderspiel, wenn die ökologische Qualität der Wälder möglichst akkurat erfasst und dokumentiert werden soll. Hier ein kurzer Überblick über die einzelnen Arbeitsschritte.

Wie misst man einen Urwald?

Gebiet durch Luftbildanalyse auswählen: Am Computer legen wir vorab das Gebiet fest. Anhand von Luftbildern lässt sich erkennen, wo noch Wälder wachsen, die nicht systematisch von Forststraßen und Rückewegen zerschnitten sind und wo noch kein Holz geerntet wurde, oder wo Bäume nur in solch geringem Maß entnommen wurden, dass die typischen Urwaldstrukturen des Waldes noch erhalten sind. In diesen Gebieten sind die natürlichen Baumarten und alle Altersgruppen zu finden, von der jüngsten Baumgeneration bis hin zu alten und toten Bäumen in großer Zahl.

Gebiet vor Ort überprüfen: Um sicherzustellen, dass insbesondere an den Rändern unseres ausgewählten Gebiets keine maßgeblichen Eingriffe stattgefunden haben, wandern wir die Außengrenzen ab. Leider stellen wir fest, dass in Teilen des ursprünglich ausgewählten Gebiets schon mehr Bäume gefällt wurden, als es die offiziellen Kriterien des Urwaldregisters zulassen. Wir müssen die Abgrenzungen nochmals verkleinern.

Messflächen festlegen: Wieder am Computer legen wir für das final ausgewählte Gebiet 15 repräsentative Messflächen von einer Größe von 100 mal 50 Metern fest - auf einem Gesamtgebiet von 140 Hektar (etwa 196 Fußballfelder). Die Methodik haben wir zusammen mit Iovu Biris entwickelt. Iovu ist ein rumänischer Forstwissenschaftler und kennt die Urwälder in den Karpaten wie seine Westentasche.

Aktivisten messen mit Hilfe von Absperrband in Rumäniens Urwald

Messflächen im Wald markieren: Um die Kartierung zu erleichtern und zu präzisieren, markieren wir die Messflächen für die Dauer der Inventarisierung mit Absperrband. So ist klar, welche Bäume vermessen werden und welche nicht.

„Baumzählung“: Jeder Baum zählt, aber manche Bäume zählen mehr als andere: Innerhalb der ausgewählten Messflächen wird bei jedem Baum mit einem Brusthöhendurchmesser von mehr als sieben Zentimetern eben dieser erfasst und zusammen mit der Baumart sowie vorhandener Biotopmerkmale vermerkt. Zu den Biotopmerkmalen zählen Spechthöhlen, große Faulstellen oder abgebrochene Kronen. Entscheidend ist, dass die Struktur einen neuen Mikrolebensraum für Vögel, Fledermäuse, Käfer, Kleinsäuger und andere Lebewesen schafft: Die Liste der Nutznießer solcher Kleinstlebensräume ist lang.

Baummessung in Rumäniens Urwald

Auch Totholz ab einem Durchmesser von mehr als zwanzig Zentimetern und einer Länge ab einem Meter wird dokumentiert: ob stehend oder liegend. Totholz ist ein wichtiger Indikator alter, naturnaher Wälder und steckt – auch wenn der Name anderes vermuten lässt – voller Leben.

Höhenmessung: Von einer repräsentativen Auswahl von Bäumen ermitteln wir zusätzlich die Höhen. Dies ist wichtig, wenn später Aussagen zum Holzvorrat und damit der Klimaschutzleistung dieser Wälder gemacht werden sollen. 

Messen der Baumhöhe in Rumäniens Urwäldern

Erfassung mit dem GPS-Gerät: Die an den Bäumen dokumentierten Informationen werden von einem weiteren Team nochmals überprüft und zusammen mit den GPS-Koordinaten des Baumes in ein Formular eines Spezial-Gerätes eingetragen.

Messen mit GPS-Gerät in rumänien Urwald

Gesamteindruck: Nicht nur die Einzelbäume werden dokumentiert, auch die gesamte Messfläche wird analysiert. Wie sieht die Baumartenzusammensetzung aus, welche Baumarten verjüngen sich, sind alle Altersstrukturen vorhanden, gibt es Sonderbiotope wie zum Beispiel Quellbereiche? 

Überprüfung der Messdaten in Rumänien Urwald

Klingt nach viel Arbeit? Ist es auch. Am Ende sind alle Zettel wieder von den Bäumen entfernt und das Absperrband eingerollt, zurück bleiben Fußspuren und viele Daten. Und zufriedene Greenpeace-Aktivisten: Auf Bäume zu starren ist zwar anstrengend, macht aber glücklich. 

Topic
Wälder

Gesche Jürgens

Gesche Jürgens

Gesche Jürgens (*1979) ist studierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet seit Juni 2011 bei Greenpeace als Kampaignerin für Wälder.


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