Landwirt besprüht Felder mit Dung in der Nähe der Schlei
Portrait Martin Hofstetter
23.09.2016

Wie das Geschäft mit der Scheiße unser Trinkwasser gefährdet

Läuft, denkt man sich. Das Wasser kommt wie verabredet aus dem Rohr, wenn man den Wasserhahn aufdreht. Sieht sauber aus und ist es in den allermeisten Fällen auch.

Und dennoch hat Deutschland ein Trinkwasser-Problem, das im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel stinkt: Immer mehr Nitrat gelangt durch die Überdüngung unserer Äcker ins Grundwasser. Die gültigen Nitratgrenzwerte von 50 Milligramm pro Liter werden in einer steigenden Zahl von Grundwasservorkommen überschritten. Inzwischen ist fast ein Drittel der Fläche in der Bundesrepublik betroffen.

Kühe auf einem Feld in der Nähe der Schlei
Was für eine Scheiße: 300.000.000 Tonnen Gülle und 12.000.000 Kubikmeter Mist fallen in Deutschland im Laufe eines Jahres an.

Immer weniger Tierhalter produzieren immer mehr Fleisch

Die Nitratbelastung stammt vor allem aus der industriellen Tierhaltung. Zwar geht die Anzahl der Tierhalter Jahr für Jahr zurück, gleichzeitig ist aber die Erzeugung von Fleisch und Milch und die damit verbundene Tierhaltung massiv angewachsen. Inzwischen werden 15 bis 20 Prozent mehr Fleisch und Milch erzeugt als in Deutschland konsumiert werden.  

Viele industrielle  Agrarbetriebe halten so viele Tiere, dass sie den Tierdung nicht mehr sinnvoll ausbringen können. Die Folge: nur die Hälfte des Stickstoffs, der ausgebracht wird, landet in den Ackerpflanzen. Der Rest geht als Nitrat ins Grundwasser, als Ammoniak und als besonders klimaschädliches Lachgas in die Luft.

Wohin mit dem Mist?

Von Hof zu Hof gibt es gewaltige Unterschiede: Biobauern, aber auch einige konventionelle Ackerbauern, düngen so genau, dass es zu fast keiner zusätzlichen Belastung  kommt. Betriebe mit intensiver Tierhaltung und Biogasanlagebetreiber haben aber ein Entsorgungsproblem, da sie nicht genügend eigene Flächen für die sinnvolle Ausbringung haben. Da wo Gülle zum Abfallstoff wird, findet man häufig die größten Umweltschweine.
 
Weil das Problem mit der Gülle massiv das Grundwasser belastet und dadurch die europäische Nitratrichtlinie verletzt wird, hat die europäische Kommission Klage gegen die Bundesregierung erhoben. Nun berät unsere Regierung seit über drei Jahren, wie man das Problem beheben könnte. Obwohl die Fakten und die notwendigen Gegenmaßnahmen alle längst bekannt sind, können sich die zuständigen Minister nicht einigen.

NDR-Doku: Trinkwasser: Das Lebensmittel wird durch Nitrat bedroht

Wie man aus Scheiße Geld macht

Die Beispiele Dänemark und Niederlande zeigen, dass es anders geht: Als diese Länder vor 15 Jahren vor ähnlichen Problemen standen, haben sie rigoros durchgegriffen. Dort werden die Landwirte heute streng kontrolliert. Die Ausbringungszeiten wurden reglementiert, so dass die Landwirte nur dann Gülle ausbringen dürfen, wenn die Pflanzen die Nährstoffe auch aufnehmen können. Und die Landwirte müssen moderne Technik einsetzen, damit der gesundheitsgefährliche Ammoniakgestank minimiert wird.

Die meisten Landwirte in diesen Ländern haben sich angepasst, allerdings versuchen manche auch einfach, ihren Güllesee über die Grenze nach Deutschland loszuwerden. Landwirte hierzulande erhalten viel Geld von ihren holländischen Kollegen, wenn sie ihnen die Scheiße abnehmen. Ein tolles Geschäft - zumal es in Deutschland kaum Kontrollen gibt, um diese stinkende Praxis zu unterbinden

Bei uns ticken die Uhren anders: Hier verhindert eine mächtige Agrarlobby aus Bauernverband, Stallanlagenbauern, Futtermittelwerken, und Schlachthofsbetreibern, dass es zu wirklichen Lösungen kommt. Auf Dauer wird das nicht gutgehen. Schon jetzt müssen von den Wasserwerken immer mehr Brunnen stillgelegt werden. Noch scheint das die Agrarlobby einen Dreck zu scheren.

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Guten Tag Herr Hofstetter,
ich bin Mitgründer eines Startups, das einen biologischen Wasserfilter entwickelt hat, der in der Lage ist Nitrat im Abwasser kostengünstig und nachhaltig aufzubereiten.
Ich möchte diesen sehr gelungen Blogbeitrag gerne in einer Infobroschüre integrieren, die ich geraden entwerfe.
Dazu möchte ich um Ihre Erlaubnis bitten.
Bitte nehmen Sie persönlich zu mir Kontakt auf, ich finde leider keine Kontaktdaten von Ihnen.
Beste Grüße,
Jan Illmer