Pressekonferenz zu den TTIP-Enthüllungen
17.07.2017

Professionelle Standards gelten auch für NGOs

Ein Blick hinter die Kulissen der Greenpeace-Arbeit / Teil 2: Greenpeace und die Medien

Die Debatte um „Fake News“ und die Glaubwürdigkeit der Medien ist auch für eine Organisation wie Greenpeace wichtig. Denn zivilgesellschaftliche Organisationen sind auf eine funktionierende öffentliche Debatte angewiesen (lest dazu auch Teil 1 dieses Beitrags!). Die umweltpolitischen Forderungen, die Greenpeace erhebt, muss letztlich die Politik aufgreifen und umsetzen – und das funktioniert im Falle der NGOs klassischerweise über den Hebel der öffentlichen Debatte, die am besten durch eine vielfältige, freie Presse gewährleistet wird. Greenpeace kann ja nicht auf die Politik einwirken, indem wir wie ein Unternehmen mit dem Arbeitsplatzargument drohen. Wir müssen inhaltlich überzeugen und dadurch, dass sich viele Menschen diese Position zu eigen machen.

Das Verhältnis von Greenpeace zu den Medien ist aber weit mehr als nur instrumentell. Journalisten sind keine Transporteure der Greenpeace-Botschaften, wie in einem falsch vereinfachenden PR-Modell. Greenpeace lebt als NGO davon, dass eine Gesellschaft sich mit Hilfe der Medien über ihre Werte und Ziele verständigt. Das lässt sich gut an  Beispielen zeigen: Die Kehrtwende in der Atompolitik nach dem Reaktorunfall in Fukushima war auch deshalb möglich, weil in Deutschland eine intensive, kritische Berichterstattung bei den Regierungsverantwortlichen zu einem ganz neuen Nachdenken über die Risiken der Atomwirtschaft führte. Als NGO, die oft vom Spielfeldrand aus kritische Kommentare abgibt, muss man mal darauf hinweisen, dass eine solche Fähigkeit zur Korrektur die deutsche Demokratie auszeichnet. Wir können uns glücklich schätzen, nicht von ideologischen Betonköpfen regiert zu werden, wie sie die Tea Party-Fraktion der US-Republikaner repräsentiert. Wir können uns darüber freuen, dass kritische Berichte der Qualitätsmedien bei uns nicht von höchster Stelle als „Fake News“ in den Dreck gezogen werden, wie es Trump bei Berichten der New York Times oder der Washington Post praktiziert, wenn sie ihm nicht gefallen. Um diesen Standard zu erhalten, muss allerdings auch Greenpeace etwas beitragen.

Reaktorunfall von Fukushima
Die kritische Berichterstattung nach dem Reaktorunfall von Fukushima führte zu einem Umdenken in der Atompolitik.

Öffentlichkeit als Schutzschild

Weniger in Deutschland mit seinem stabilen Rechtssystem, wohl aber in den Ländern, in denen Korruption und Polizeiwillkür häufiger vorkommen, profitiert eine Organisation wie Greenpeace auch noch in anderer Hinsicht von freier Medienberichterstattung: Sie schützt vor staatlichen Übergriffen oder Misshandlung von Aktivisten durch private Sicherheitsdienste. Diese scheuen die schlechte öffentliche Wirkung, die ein massiver Knüppeleinsatz gegen friedliche Demonstranten haben könnte. Die gewaltfreien Aktionen von Greenpeace sind somit in vielen Ländern mit schwacher Beachtung demokratischer Rechte nur möglich, weil Medien vor Ort auch eine Schutzfunktion haben.

Gezi Park-Proteste
Proteste am Gezi-Park in Istanbul im Jahr 2013: Freie Medienberichterstattung kann vor willkürlicher Polizeigewalt schützen.

Kritik mit Lösungsangeboten

Greenpeace sieht sich bei aller Kritik an der Bundesregierung in der Pflicht, zwar hart in der Sache zu sein, dabei aber nie verletzend und pauschalisierend. Diese politische Kultur ist uns wichtig. Es wäre fatal, würde eine NGO mit ihrer Kritik die Entfremdung vom politischen System befördern. Wir schimpfen nicht über „die Politiker“, denn anders als viele Fundamental-Kritiker sind wir grundsätzlich vom Funktionieren der politischen Institutionen in Deutschland überzeugt und wollen sie stärken, nicht an ihrer Zerstörung arbeiten. Daher legt Greenpeace auch immer wieder Lösungsvorschläge für Umweltprobleme vor. So hat Greenpeace bereits lange vor Fukushima mit einem durchgerechneten „Plan“ ein von Wissenschaftlern erstelltes Szenario für den Atomausstieg präsentiert – eine Studie, die nach dem Reaktorunglück in Japan plötzlich eine ganz neue Dringlichkeit gewann. Gleiches gilt für andere Greenpeace-Themen: Konzepte für Meeresschutzgebiete, für eine umweltschonende Textilproduktion oder für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Keine verdeckte PR

Im Umgang mit Journalisten gilt für Greenpeace Deutschland gleichfalls der Grundsatz, einen Berufsstand, den wir wertschätzen und der für die Öffentlichkeit unverzichtbar ist, möglichst zu stärken. Das ist nicht selbstverständlich, denn Greenpeace bekommt ständig verlockend klingende Angebote von Agenturen, verdeckte PR-Botschaften zu platzieren: Man bezahlt Journalisten für einen selbstgewählten Beitrag, in dem man natürlich in bestem Licht erscheint oder eine Geschichte einseitig darstellt, ohne die Gegenseite zu hören. Dies wird dann wiederum Redaktionen angeboten – aber nicht als erkennbare Werbung, sondern als angeblich journalistisches Stück. Für die Hörer oder Zuschauer bleibt dann unklar, dass es sich nicht um einen unabhängigen Bericht, sondern um verdeckte PR handelt. Gerade für private Hörfunksender ist so etwas attraktiv, denn sie können mit pseudojournalistischen Beiträgen ihren Anteil an Informationen scheinbar erhöhen und so einer Erwartung ihrer Aufsichtsbehörden, der Landesmedienanstalten, nachkommen. Greenpeace Deutschland lehnt solche Agenturangebote ab, denn bei uns gilt der Grundsatz, dass Werbung als solche gekennzeichnet werden muss. Für journalistische Beiträgen geben wir natürlich gerne Interviews. Aber die Entscheidung über den Zuschnitt des Beitrags muss bei der Redaktion liegen. Auch darf hier kein Geld fließen. So gehen Greenpeace ein paar Möglichkeiten der öffentlichen Präsentation verloren. Aber die Vermischung von PR und Journalismus würde das Mediensystem aushöhlen, auf das Greenpeace angewiesen ist und das wir erhalten wollen.

Professionelle Standards

Damit ein professioneller Umgang mit den Journalisten gewährleistet ist, beschäftigt Greenpeace in der Pressestelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aus dem klassischen Journalismus kommen und die Spielregeln an einschlägigen Ausbildungsstätten wie der Henri-Nannen-Schule oder der Axel Springer Akademie gelernt haben. Bei Presseerklärungen gelten gleichfalls die üblichen Standards: Sie müssen so verfasst sein, wie es auch eine Agentur machen würde, also nachrichtlich, nicht agitatorisch. Natürlich spiegeln sie die Greenpeace-Sicht auf ein Umweltthema wider, aber Journalisten können damit umgehen und berichten in der Regel auch über andere Positionen. Zu den Standards für Pressemitteilungen ist die Greenpeace-Presseabteilung zudem in einem ständigen Austausch mit Fachleuten. 

Pressekonferenz Detox Outdoor
Auch Pressekonferenzen - wie hier im Jahr 2016 im Rahmen unserer Detox-Kampagne - gehören zur Arbeit von Greenpeace.

Vergleichbare Standards gelten auch für die anderen Arbeitsbereiche der Kommunikationsabteilung von Greenpeace Deutschland: Bilder und Filmaufnahmen, zum Beispiel von Umweltkatastrophen oder auch von Greenpeace-Aktionen, dürfen nicht verändert werden, um eine dramatischere Wirkung zu erzielen oder störende Elemente zu entfernen. Das Bildmaterial, das Greenpeace Redaktionen zur Verfügung stellt, enthält zudem geprüfte Begleitinformationen, etwa über Anlass, Ort und Zeitpunkt der Aufnahme. Das ist relevant, damit Medien den Zusammenhang korrekt wiedergeben können. Jede Bearbeitung, z.B. bei satirischer Verfremdung, muss kenntlich gemacht werden, denn auch dies ist eine Frage der Glaubwürdigkeit – sowohl von Greenpeace als auch der Medien, die das Material später nutzen.

Keine „Deals“

Sofern Greenpeace den Journalisten exklusives Material anbietet, gibt es zwar die üblichen Absprachen über den Zeitpunkt der Veröffentlichung, damit beide Seiten entsprechend planen können. Aber die Journalisten behalten die Hoheit über die Interpretation. Das zeigt der Fall der TTIP-Papiere: Greenpeace hat den bis dahin streng geheimen Vertragstext, der der Organisation im Frühjahr 2016 zugespielt wurde, exklusiv dem Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung angeboten. Wie die beteiligten Redaktionen mit dem Material umgingen oder wen sie interviewten, haben wir nie mit ihnen diskutiert – das entschieden die Journalisten anhand des Materials. Es war nur klar, dass sie Greenpeace als Übermittler der Texte korrekterweise nennen. So entschied die ARD, einen Greenpeace-Sprecher für die ersten Berichte zu interviewen, während die Süddeutsche Zeitung andere Experten befragte. Wer die Glaubwürdigkeit des Journalismus schützen will, darf ihn nicht durch „Deals“ aushöhlen, die jenseits der professionellen Spielregeln liegen. Für Greenpeace war dieses Vorgehen in der Rückschau ein voller Erfolg: Die journalistischen Profis haben die Sprengkraft des Materials für die Verhandlungen des umstrittenen Handelsabkommens erkannt. Die Aufmacherberichte in der ARD-Tagesschau und den Tagesthemen sowie der Titelseite der SZ verliehen der TTIP-Enthüllung eine öffentliche Bedeutung, an der auch die Politik nicht mehr vorbei konnte.

TTIP-Leseraum
TTIP-Leaks-Leseraum am Brandenburger Tor: Wer die Glaubwürdigkeit des Journalismus schützen will, darf ihn nicht durch „Deals“ aushöhlen.

Glaubwürdigkeit als zentrales Gut

In Fällen wie der TTIP-Veröffentlichung profitiert Greenpeace mehrfach von einem professionellen Umgang mit den Journalisten: Einerseits durch die Breite der öffentlichen Wahrnehmung, denn die Millionen Zuschauer der Tagesschau wären mit einem Hochladen auf der Greenpeace-Website oder allein über die sozialen Medien nicht zu erreichen. Es macht aber auch einen qualitativen Unterschied, ob Greenpeace diese Geschichten von großer öffentlicher Relevanz selbst veröffentlicht , über eigene Kanäle, oder ob die öffentlich-rechtlichen Sender sie verbreiten: Mit den eigenen Kanälen erreichen wir bei Greenpeace hauptsächlich diejenigen, die ohnehin schon mit unseren Zielen sympathisieren, nicht die Unentschlossenen oder die Kritiker. Ferner kommt Greenpeace die Glaubwürdigkeit zugute, die eine Verbreitung durch Qualitätsmedien genießt: Was von unabhängigen Journalisten nochmals geprüft und für wichtig erachtet wurde, hat ein größeres Gewicht in der öffentlichen Debatte als das, was Greenpeace aus der Sicht einer spezialisierten NGO für relevant erklärt.

Zugleich schätzt Greenpeace auch die skeptischen Nachfragen der Journalisten, selbst wenn sie im Alltag anstrengend sein können. Wer klare umweltpolitische Forderungen stellt, muss sie auch gut begründen, belegen und im Streitgespräch verteidigen können. Insofern verbessert der professionelle Austausch mit kritischen Journalisten sogar den öffentlichen Auftritt von Greenpeace. Was wir brauchen, ist eine professionelle Arbeitsbeziehung, die die unterschiedlichen Rollen respektiert.

 

Gastbeitrag von Dr. Manfred Redelfs: Teil 1 (u.a. über "Fake News") findet Ihr hier!

Manfred leitet die Rechercheabteilung von Greenpeace Deutschland. Er hat in Hamburg, Washington, Berkeley und Oxford Politikwissenschaft und Journalistik studiert, über investigativen Journalismus in den USA promoviert und ist nach einer Ausbildung zum Hörfunk- und Fernsehjournalisten beim NDR sowie einigen Jahren journalistischer Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu Greenpeace gewechselt. Neben seiner Tätigkeit für Greenpeace ist er als freiberuflicher Recherchetrainer aktiv und hat Professuren an den Universitäten Hamburg (in Politikwissenschaft) und Leipzig (in Journalistik) vertreten. Ehrenamtlich engagiert er sich seit 2001 im Vorstand der Journalistenorganisation Netzwerk Recherche.

 

Tags
Greenpeace
Format
Analyse

Manfred Redelfs

Dr. Manfred Redelfs leitet die Rechercheabteilung von Greenpeace Deutschland.


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