Gedenken an die Opfer von Fukushima
Heinz Smital
23.02.2016

Fukushima: Einreise mit Hindernissen

Als mein Flieger um 11.15 Uhr nach elf Stunden Flug landet, ist die Schlange vor der Einreisekontrolle im Flughafen Tokio-Haneda nicht sehr lang. Ich zeige meinen österreichischen Pass und der Beamte hinter der Plexiglaswand nickt mir freundlich zu. Er tippt meine Daten in seinen Computer, liest die Informationen auf dem Bildschirm – und dann greift er zum Hörer. Lächelnd winkt er mich zur Seite, ich soll Platz machen und auf einen Kollegen warten. 

Nichts deutet zu diesem Zeitpunkt darauf hin, dass es sieben Stunden dauern wird bis ich die Einreisezone verlassen werde. 

Arbeitsgerät Geigerzähler: Heinz Smital beim Messen in Fukushima
Seit fünf Jahren komme ich regelmäßig nach Japan, um mit einem internationalen Team die Kontamination in den betroffenen Regionen zu dokumentieren. Die offiziellen Messstationen weisen das Strahlungsrisiko für die Bevölkerung vielerorts als zu niedrig aus.

Ich bin es gewohnt, bei der Einreise nach Japan vom Zoll und Grenzschutz befragt zu werden. Als Greenpeace-Radioaktivitätsexperte hat die Einreisebehörde ein dickes Aktendossier über mich angelegt, möglicherweise seit meinem ersten Besuch in Japan im Jahr 2011 nach der Atomkatastrophe im AKW Fukushima Daiichi.

Ein zweiter Beamter führt mich in ein Wartezimmer der Einreisebehörde. Leere Stühle, Schreibtische. Einige Mitarbeiter tippen in ihre Computer. Ein Übersetzer wird kontaktiert und steht nach einer Stunde am Telefon bereit. „Was tun Sie in Japan? Wen treffen Sie hier? Wie sieht Ihr Zeitplan aus?" 

Der Beamte will genaue Informationen, die ich ihm nicht geben kann. Ich besuche das Land als Teil eines internationalen Teams von Greenpeace Strahlenschutzexperten. Zum fünften Jahrestag der Fukushima-Katastrophe wollen wir erneut in die kontaminierte Zone einreisen, um dort Betroffene zu treffen und Messungen anzustellen. Wir unterstützen die Arbeit des japanischen Greenpeace-Büros, das sich seit 2011 sehr intensiv um Evakuierte kümmert. 

Ich muss sämtliche Unterlagen präsentieren: Hin- und Rückflugticket, Hotelbuchung, Namen und Adressen meiner japanischen Kollegen. Ich versuche zu erklären, dass sich mein Zeitplan in Japan noch ändern kann. Das gefällt dem Beamten gar nicht. Das Lächeln in seinem Gesicht gefriert, immer drängender wird sein Ton. 

Video aus dem Jahr 2015: Keine Entwarnung für Fukushima

Außer mir sind nur noch wenige weitere Einreisende hier, die allermeisten können sofort weiterreisen. Meine KollegInnen im Tokioer Greenpeace-Büro haben inzwischen die österreichische Botschaft verständigt, die zugesichert hat, mein Einreise zu unterstützen. Auf Fragerunden folgt immer wieder zermürbendes Warten. Die Behörde hat alle Freiheiten bei der Befragung: Tagelange Verhöre sind möglich, auch sehr private Informationen werden abgefragt. Der Gast kann natürlich freiwillig die Rückkehr nach Hause antreten. Doch genau das will ich nicht!

Die Dauerbefragung führt mir vor Augen, wie mächtig die Atomindustrie in Japan ist. Kritische Experten oder Politiker werden vom dem sogenannten "Atomdorf" - einer Lobbygruppe aus Atomkraftbetreibern, Wirtschaftsverbänden, Behörden und Parteien - systematisch geächtet und ins Abseits gestellt. Zwei Jahre lang ist Japan ohne Atomstrom ausgekommen und hat gezeigt, wie verzichtbar Atomkraft ist. Ggegen den Willen einer großen Mehrheit in der Bevölkerung, sorgt das Atomdorf jetzt dafür, dass wieder AKW in Betrieb genommen werden. 

Am Ende zeigen die Nachfragen der österreichische Botschaft und Greenpeace Japan Wirkung: Nach knapp sieben Stunden Befragung händigt mir der Beamte ein 90 Tage-Visum aus und ich darf endlich weiter. Sein grimmiger Blick macht unmissverständlich klar: „Wir haben dich im Auge!“ Als mir die Einreise schließlich gewährt wird, bin ich guter Dinge. Ich bin überzeugt, dass sich auch das mächtige Atomkartell in Japan auf Dauer nicht gegen die Energiewende behaupten kann: Die Zukunft ist Erneuerbar!

Topic
Energiewende
Format
Analyse

Heinz Smital

Heinz Smital

Heinz Smital (49) studierte Kernphysik an der Universität in Wien.


Weitere Beiträge zum Thema


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.