Kirsten Brodde
23.01.2017

Vintage: Die Inszenierung macht's

Wer Mode-Alternativen cool und sichtbar machen will, konnte sich auf der Berliner Modewoche ansehen, wie es geht.

Die Revolution gegen die schnelllebige Mode begann mit einem Gongschlag. Dann liefen Models in Vintage-Styles gehüllt über den alternativen Laufsteg in den Berliner Spreewerkstätten. Vor den Augen des Publikums drapierte Modedesignerin Joyel Doshi sie zur Menschenpyramide, zauberte ihnen noch ein Lächeln aufs Gesicht und  ließ sie dann wie antike Statuen stillhalten. 

Die Szene stand in der Tradition lebender Bilder aus dem 18. Jahrhundert und faszinierte ein junges, modebewusstes, junges Publikum, dass darüber hinweg sah, dass der Ort – eine alte Münzerei - den Charme eines Heizungskellers hatte und es bitterkalt war. Der Clou: Am Ende der Show fiel der schwarze Vorhang hinter den Models und zum Vorschein kam eine bunte Wand aus aneinander geknoteten Secondhand-Schätzen.

Noch am selben Abend und an den nächsten zwei Tagen pflückte sich das junge Publikum rustikale Norweger-Pullover, karierte Flanellhemden oder amerikanische Lederjacken regelrecht von der Wand. Ganz zwanglos wurde hier aus dem Vollen geschöpft und man fühlte sich ein bisschen wie beim Stöbern auf dem Dachboden. 

Während es auf der Berliner Modewoche um neue Trends ging, war hier das Gestrige der Star. 

Hinter dem Event steckt die Firma „VinoKilo“, die Container mit überschüssiger und weggeworfener Kleidung kauft, sorgfältig sortiert und sie zum Kilopreis von 15 Euro anbietet. Sie touren durch ganz Deutschland und Europa und ziehen pro Veranstaltung um die 2000 Leute an. Natürlich gibt es bereits gut gemachte Secondhand-Läden, aber wie die junge Truppe um Gründer Robin Balser eine Community aufbaut, für die Secondhand zum Lifestyle gehört, ist neu und anders. Balser selbst sieht ein bisschen aus wie Thomas Gottschalk – inklusive des Dress-Codes eines Zirkusdirektors, aber nicht brav und bieder zu sein, gehört dazu.

Der Kilopreis konterkariert ein bisschen die Idee eines anderen Respekts für Kleidung, aber gekauft werden im Schnitt 1,1 Kilogramm und mit einer Jeansjacke und einer Bluse hat man das Gewicht bereits erreicht. Gekauft wurde eher ein Souvenir als Masse. Ob das Modell sich also rechnet, ist fraglich, aber es bereitet den Boden für einen anderen Umgang mit gebrauchter Kleidung und als solches fand ich es echt innovativ. Natürlich sollte ich „Vintage“ schreiben, denn das klingt bereits nach Portwein, oder?

Secondhand, Vintage aber auch Tauschen, Leihen und Teilen, können den Konsum von neuer Kleidung deutlich senken. Denn die Produktion von Kleidungsstücken hat sich durch den Aufstieg von schnelllebiger Billig-Mode in den letzten 15 Jahren verdoppelt, die Tragedauer jedoch halbiert, wie die Greenpeace-Recherche „Time out for Fast Fashion“ (PDF) der Detox-Kampagne unlängst zeigte. Secondhand bringt auch neue Looks in den Schrank, aber man schöpft aus dem Pool des Bestehenden. Das spart Ressourcen, schont die Umwelt und kreativer ist es allemal. Wer einmal sehen will, wie gut man mit Secondhand-Ware angezogen ist, konnte dann bei Bloggerinnen wie Vreni Jäckle von Jäckle&Hösle schauen, die sich mit Gleichgesinnten am Rande des Events zur Fair-Fashion Blogger-Lounge trafen. Sie repräsentieren eine Vorhut von jungen Leuten, die keine Lust mehr haben sich mit Massenware vom Textil-Discounter auszudrücken oder viel Geld auszugeben für den teuren, aber ebenso banalen Markenlook. Ganz schöne Sensation für die Berliner Modewoche.


Kirsten Brodde

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde hat Journalistik, Germanistik und Medizin studiert und arbeitet als Textilexpertin der Detox-Kampagne für Greenpeace.


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