Bialowieza Forest in Poland
Gesche Jürgens
15.08.2017

Von Wisenten – und Hornochsen

Gesche Jürgens - Kampaignerin für Wälder - war in Polen um sich für den Erhalt des Bialowieska-Waldes einzusetzen

Eigentlich halte ich mich für einigermaßen sprachbegabt – aber Polnisch stellt mich vor Herausforderungen. Letzte Woche war ich in Polen, um mich für den Erhalt des Puszcza Białowieska einzusetzen. Dem Waldgebiet, das derzeit über die Grenzen Polens hinaus die Gemüter erregt. Aussprechen kann ich das zwar immer noch nicht einwandfrei: trotzdem habe ich meine Stimme für den Wald erhoben – gemeinsam mit Aktivist*innen aus ganz Polen und den Niederlanden, mit denen ich gegen die Abholzung protestierte.

Blockade Bialowieza Forest in Poland

Es ist nahezu täglich ein Katz und Maus-Spiel mit den Sicherheitskräften, die die Fällarbeiten bewachen. Meist schaffen es die Aktivist*innen, die Forstmaschinen zu blockieren und die Einschläge vorübergehend zu stoppen. Laut rufen die polnischen Aktivist*innen ihre Forderungen: „Ganz Bialowieska soll ein Nationalpark werden“ und „Stoppt den illegalen Holzeinschlag“. Nicht nur bei den Forstarbeiten direkt wird protestiert, auch außerhalb dieses mit Flatterband abgesperrten Gebiets, das etwa alle 30 Meter von einem Sicherheitsbeamten bewacht wird, sammeln sich Menschen. Auch Familien. Zwei Mütter haben ihre Töchter dabei. Irgendwann beginnen die Mädchen zu singen. Wow. Da zuckten selbst die teils sehr toughen polnischen Forest Guards.

Ein weiterer toller Moment: zwei Aktivisten haben sich auf einem Harvester so angekettet, dass die Sicherheitskräfte sie den ganzen Tag nicht entfernen können. Sie werden nicht nur mit Wasser und belegten Broten versorgt, irgendwann rufen ihnen alle Unterstützer außerhalb der abgesperrten Zone im Chor zu: „Wir sind mit euch!“ Ich gebe zu, das hörte sich auf Polnisch irgendwie schöner an. Aber es war wirklich berührend und die Solidarität und Entschlossenheit greifbar, weiter gemeinsam für den Erhalt des Waldes zu kämpfen.

Und warum das alles? Dieses Waldgebiet im Staatsgebiet Polens und Weißrusslands zählt zu den wenigen alten, naturnahen Flachland-Waldlandschaften Europas. Das Wahrzeichen: die Population von rund 450 Wisenten, die in den ausgedehnten Wälder einen Zufluchtsort finden.

Wisent at Bialowieza Forest

Den UNESCO-Weltnaturerbe Status hat der Wald bereits – bzw. noch. Auch gehört er zum europäischen Natura 2000-Schutzgebietsnetz. Zudem sind Teile des Waldes Nationalpark und in dessen Kernzonen streng geschützt. Außerhalb der Gebiete, in denen der Holzeinschlag untersagt ist, lässt die polnische Regierung jedoch massiv Bäume fällen. Und dies, obwohl es von unterschiedlichster Seite Proteste und Einspruch gibt. Die UNESCO hat Polen Anfang Juli aufgefordert, den Einschlag unverzüglich zu stoppen, um den ökologischen Wert des Waldes nicht weiter zu zerstören.

Ende Juli erklärte dann der Europäische Gerichtshof den Holzeinschlag der alten Bäume für illegal und mahnte die polnische Regierung ebenfalls an, die Baumfällungen sofort zu stoppen.

Und die polnische Regierung? „Umwelt“minister Jan Szyszko hält unbeirrt an den Einschlägen fest – obwohl er sie nahezu täglich anders begründet. Mal müssen vom Borkenkäfer befallene Fichten gefällt werden, mal geht es um die Sicherheit der Waldbesucher. Seine Scheinargumente laufen allesamt ins Leere: zahlreiche Wissenschaftler, aus Polen und auf internationaler Ebene, haben klar begründet, warum die Entnahme der Bäume dem Ökosystem Wald großen Schaden zufügt und warum selbst Fichten, die der Borkenkäfer zum Absterben bringt, im Wald verbleiben sollten. Darüber hinaus fallen nicht nur kranke Fichten der Säge oder dem Harvester zum Opfer – auch gesunde Fichten und andere Baumarten werden gefällt. Auch die Sicherheit der Waldbesucher ist nur vorgeschoben: zum einen finden die Einschläge meist weit ab von Waldwegen statt, zum anderen könnten die gefällten Bäume dann im Wald verbleiben, wo sie zumindest als Totholz noch eine wichtige Funktion im Ökosystem erfüllen würden. Doch die teils über 100 Jahre alten Fichten werden verkauft. Kein Wunder, dass sich lauter Protest in ganz Polen und darüber hinaus regt.

Dieser wird ungebremst weitergehen, da bin ich mir sicher! Ich bin froh und dankbar, dass ich zumindest für ein paar Tage ein Teil dieser tollen Bewegung sein durfte.

An dieser Stelle verabschiede ich mich für’s Erste: um mein berufsbegleitendes Studium der Umweltwissenschaften abzuschließen, bin ich seit Anfang August im Sabbatical. Ein paar Tage davon habe ich bereits mit den sehr praktischen Studien in Polen verbracht – für meine Masterarbeit nicht allzu hilfreich, aber für mich persönlich sehr. Ich sage danke - Dziękuję! - und bis bald! Im Februar 2018 bin ich zurück, um mich weiter gemeinsam mit euch für eine lebenswerte Zukunft auf diesem wunderbaren grünen und blauen Planeten einzusetzen.

 

 

 

Topic
Wälder

Gesche Jürgens

Gesche Jürgens

Gesche Jürgens (*1979) ist studierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet seit Juni 2011 bei Greenpeace als Kampaignerin für Wälder.


Weitere Beiträge zum Thema


Diskutiere mit uns

Bitte einloggen oder registrieren, um Kommentare zu schreiben.