08.04.2016

Warum Apples "Liam" die Welt nicht retten kann

Vor kurzem hat Apple „Liam“ vorgestellt - einen Roboter, der dabei helfen soll, aktuelle iPhones zukünftig zu recyceln. Selten war Recycling so schön und so sauber, wie in Apples kurzem Spot, der Liam bei der Arbeit zeigt. Sieht so eine nachhaltige Zukunft aus?

Wegen der gewohnt ästhetischen Aufmachung, aber auch wegen dem Versprechen, dass Liam alles in Punkto Recycling einfacher macht, gab es im Netz einen kleinen Hype um den niedlich anmutenden Roboter.

Dass die Dinge leider ein wenig komplizierter liegen, hat Kyle Wiens in seinem Beitrag bei Wired heraus gestellt. Der Hardware-Nerd und Roboter-Fan ist Gründer von iFixit.com - einer Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Leuten dabei zu helfen, unter Anleitung ihre elektronischen Geräte selbst zu zerlegen und zu reparieren. Apples neuer Roboter weckt auf Anhieb Wiens Interesse – immerhin funktioniert das Gerät wie eine kleine, präzise und saubere Recyclingfabrik. Wer einmal gesehen hat, wie klassische automatisierte Recycling-Verfahren aussehen, muss von der coolen Vorstellung, die Liam abliefert, einfach beeindruckt sein.

Endlich Bewegung bei Apple und co.

Mit Wiens bin auch ich der Meinung: Es ist fantastisch zu sehen, dass Hersteller wie Apple endlich Zeit und Ressourcen auf die Frage verwenden, wie sich ihre Produkte wieder auseinander nehmen und umweltfreundlich wiederverwerten lassen. Seit Jahren fordert Greenpeace gemeinsam mit anderen NGOs Maßnahmen, um das Müllaufkommen der Elektronikbranche zu reduzieren und Recycling effektiver und umweltgerechter zu machen. Schließlich ist es höchste Zeit, dem Elektroschrott-Drama etwas entgegen zu setzen:

Knapp 42 Millionen Tonnen Elektroschrott fielen im Jahr 2014 weltweit an - 90% davon wurden illegal weiter verkauft oder entsorgt in Entwicklungsländern. Immer noch verrotten Elektrogeräte auf Deponien, giftige Substanzen versickern, gasen aus oder vergiften Menschen beim ungeschulten Rohstoffrecycling.

Elektroschrott-Verbrennung in Ghana
Elektroschrott-Verbrennung in Ghana

Leider, so meint auch Wiens, ist Apples neuer Roboter nicht die Recycling-Revolution, die Apple darin sehen möchte. Das liegt zum einen an der fehlenden Skalierbarkeit, wie Valerie Volcovici in einem Artikel für Reuters vorgerechnet hat: Liam kann zwar eindrucksvolle 1,2 Millionen iPhones 6 im Jahr auseinandernehmen, allerdings verkauft Apple jährlich rund 230 Millionen iPhones diverser Modelle und müsste den Prototypen Liam erst einmal in Serie produzieren, um überhaupt einen spürbaren Effekt im globalen Smartphone-Recycling zu erreichen.

Die Komplexität der Entsorgung

Die eigentliche Herausforderung ist allerdings eine andere: Unternehmerische Verantwortung ist, wenn es um Recycling geht, komplex – sehr komplex, um genau zu sein. Mit dem effektiven Auseinanderbauen einer Produktlinie ist es nicht getan. Vielmehr geht es darum, Müll zu vermeiden und Recyclingsysteme aufzubauen, die einer wirklichen Kreislaufwirtschaft zuarbeiten. “Building a machine that can recycle aluminum cans is relatively easy. Building a machine that can recycle complicated iPhones is much harder. Building a global system that brings every single iPhone back to Apple’s centralized demanufacturing line at end-of-life is impossible.” stellt Wiens kritisch in seinem Beitrag fest.

Die meisten kaputten Smartphones und anderen digitalen Geräte landen am Ende ihres Lebens gar nicht an Orten, wo sie fachmännisch auseinander genommen und weiter verwertet werden könnten. Organisationen wie das Basel Action Network und Greenpeace haben in den letzten Jahren aufgezeigt, dass Elektroschrott in großen Mengen illegal exportiert und entsorgt wird – unter anderem nach Ghana, Indien und China. Apple scheitert wie alle anderen Hersteller seit Jahren daran, seine Geräte global einzusammeln und zu recyceln, obwohl die Firma mittlerweile sogar Gutscheine ausgibt, um ihre Kunden zur Rückgabe zu motivieren. Von den 1 Milliarde Apple-Geräten, die derzeit in aktiver Nutzung sind, werden vermutlich die wenigsten ihren Weg zurück nach Kalifornien oder zu den vertraglich engagierten Recyclingstationen von Apple finden. "iPhones, die in die Türkei geschickt werden, kommen nicht mehr zurück nach Cupertino." schreibt Kyle Wiens

iPhones, die in die Türkei geschickt werden, kommen nicht mehr zurück nach Cupertino.

Auch Apple weiß: Ließe sich die schiere Masse an weggeworfenen Elektrogeräten reduzieren, wäre der Umwelt am Besten geholfen. Was man bei den Kaliforniern vermisst, ist konsequentes Handeln.

Die Wirklichkeit: Smartphones, die nicht reparierbar sind

Viele Smartphones könnten länger leben, wenn sie so gebaut wären, dass sie leichter zu reparieren wären. Der Elektroschrottberg würde so gar nicht erst weiter anwachsen. Stattdessen designen viele Smartphone-Bauer ihre Produkte heute so, dass deren Reparatur teuer und aufwendig ist. Verklebte Displays, verklemmte Rahmen, schraubenlose Montage - wer sein Smartphone wieder instand setzen will, braucht viel Geduld und Glück, um nicht einen Schaden durch den nächsten zu ersetzen.

Die iFixit-Crew testet auf ihrer Webseite deshalb seit langem verbreitete Handy-Modelle auf ihre Reparierbarkeit. Selbst die „Flagschiffe“ der Hersteller schneiden bei diesen Tests regelmäßig schlecht ab, wie z.B. das aktuelle Samsung Galaxy (3/10 Punkte bei iFixit) oder das Google Nexus 6P von Huawei (2/10 Punkte bei iFixit).

Hinzu kommt eine Haltung der Hersteller, die sich oftmals gegen die Interessen der eigenen Kunden richtet: So teilen Apple und andere Hersteller keine Reparaturanleitungen mit Reparatur-Shops oder Konsumenten. Ersatzteile sind nur eingeschränkt oder gar nicht zu beziehen. An vielen Stellen werde ich stattdessen vor dem möglichen Verlust meiner Garantieansprüche gewarnt, sollte ich es wagen, mein Gerät, für das ich einmal hunderte von Euro gezahlt habe, zu öffnen oder gar zu modifizieren. Apple wehrt sich sogar aktiv gegen zu viel Offenheit und Eigenständigkeit seiner Kundschaft: Im September 2015 warf die Firma sogar die iFixit-App aus dem App Store, nachdem man dort allzu öffentlich das Innenleben der neuesten Apple-TV-Hardware präsentiert hatte.

Bei so viel Widerstand wundert es mich nicht, dass kritische Stimmen fordern, Apple sollte doch statt eines futuristischen Roboters im fernen Kalifornien lieber einfach Schraubenzieher zum Öffnen von iPhones entwickeln und seinen Geräten beilegen.

Ganz offensichtlich ist es mit dem Bekenntnis zur Nachhaltigkeit noch nicht so weit her, wie man öffentlich verlauten lässt. Neben der mangelnden Reparierbarkeit sorgen ja auch kurze Produktlebenszyklen, ressourcenintensive Betriebssystemupdates und eine effektive Marketingmaschinerie dafür, dass neue Smartphones-Besitzer alle 1-2 Jahre ihre Geräte wechseln. Apple ist damit in der Branche keine Ausnahme, auch wenn das Unternehmen in mancher Hinsicht weiter als seine Konkurrenten ist.

Zeit, etwas zu ändern

Im Jahr 2006 haben tausende Menschen mit der „Green My Apple“-Kampagne vom damaligen CEO Steve Jobs eine Vorreiterrolle beim Thema Nachhaltigkeit eingefordert. Ich erinnere mich noch, wie Jobs damals erst wütend polterte und dann doch auf die öffentliche Meinung hörte. Seitdem hat Apple Schritt für Schritt giftige Chemikalien aus seiner Produktionskette verbannt, eine Wende zu 100%-erneuerbarer Energie-Versorgung eingeleitet und sich öffentlich zu seinem ökologischen Engagement bekannt.

Warum also nicht die Giganten der digitalen Ära weiter in die Pflicht nehmen und wirkliche Nachhaltigkeit - d.h. Reparierbarkeit und Langlebigkeit einfordern? Andere Greenpeace-Kampagnen wie „Detox my fashion“ zeigen, dass sich eine ganze Branche bewegen lässt, wenn Konsumenten Veränderung einfordern und eines der großen Unternehmen voran geht.

Hi. I'm a Mac - Greenpeace Apple Parodie im Rahmen der "Green My Apple"-Kampagne

Es ist Zeit, dass sich was ändert. Und wir können damit anfangen. Wer heute unbedingt ein neues Smartphone braucht, findet nachhaltigere Alternativen zu den iPhones, Nexus‘ und Galaxys oder kann sich bei iFixit.com bei der Reparatur helfen lassen.

Ich träume derweil schon von „Liam 2“ – einem innovativen Roboter, der Geräte nicht bloß auseinander nehmen, sondern gleich reparieren kann. Gleichzeitig müsste er das Charisma eines Steve Jobs haben und eine Nachhaltigkeitsrevolution bei den Smartphoneherstellern anzetteln. Wie sieht’s aus Apple, geht da was?

Format
Analyse

Michael Dettbarn

Michael Dettbarn (*1983) hat in Berlin und Barcelona Neuere Deutsche Literatur, Philosophie und Psychologie studiert.


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