Reisbäuerinnen auf den Banaue-Reisterassen auf den Philippinen
Dirk Zimmermann
01.07.2016

Warum der Goldene Reis und Agro-Gentechnik keine Lösungen sind

Stellungnahmen zum offenen Brief von "Golden Rice"-Befürwortern an Greenpeace

Wenn es so etwas wie eine „falsche Lösung“ gäbe, der gentechnisch veränderte sogenannte „Goldene Reis“ wäre ein Kandidat für diesen Titel. Doch  Lösungen können nicht falsch sein und besagter Reis ist weiterhin nur ein Forschungsprojekt mit gut geölter PR-Maschinerie.

Selbst wenn dieser sagenumwobene Reis schon marktreif wäre und seine Sicherheit und Wirksamkeit gegen Vitamin-A-Mangel erwiesen wären, wäre er keine „echte Lösung“. Daran ändert auch ein offener Brief nichts, in dem 119 NobelpreisträgerInnen Greenpeace auffordern, Gentechnik und insbesondere „Golden Rice“ als Lösung für Probleme der Welternährung und als Mittel im Kampf gegen Mangelernährung anzuerkennen.

Reisterrassen von Banaue
Die Reisterrassen von Banaue auf den Philippinen. Die Terrassen sind ein UNESCO-Welterbe, die Provinzregierung hat sie im Jahr 2009 zur GVO-freien Zone erklärt.

„Goldener Reis“ – immer noch eine Illusion

Die Idee hinter dem goldenen Reis: Der Reis ist gentechnisch so manipuliert, dass er Beta-Carotin produzieren soll. Mit ihm, so die Hoffnung, soll das Problem der Vitamin-A-Unterversorgung vieler Menschen in armen Teilen der Welt gelöst werden. Das Problem: Es gibt den Reis gar nicht. Auch nach 20 Jahren Entwicklung wird er bisher nur auf Versuchsfeldern getestet und erfüllt längst nicht die in ihn gesteckten Hoffnungen. Das hat das Internationale Reisforschungsinstitut IRRI bestätigt.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Washington University hat zudem gezeigt, dass die Forschung und Entwicklung der Reissorte nicht an Gentechnik-Gegnern scheitert, sondern vor allem an zu niedrigen Erträgen. Die Studie hinterfragt auch, ob Goldener Reis überhaupt ein Mittel gegen Vitamin-A-Mangel sein kann. Auf den fehlenden Nachweis der Wirksamkeit hat auch das IRRI hingewiesen.

Die Greenpeace-Doku über den goldenen Reis: "All that Glitters is not Gold"

Ebenso unklar ist, ob das in dem Reis gebildete Beta-Carotin vom menschlichen Organismus überhaupt in Vitamin A umgewandelt werden kann. Auch die Stabilität des Pro-Vitamins während der Lagerung und beim Kochen ist kaum untersucht und fraglich. Des Weiteren herrscht Unsicherheit, wie sich der Reis in der Anbaupraxis verhalten würde. Die gentechnische Manipulation eines Stoffwechselweges ist komplexer als beispielsweise der Einbau einer Herbizidtoleranz.

Neben möglichen Schwankungen des Carotinoidgehaltes bei wechselnden Umweltbedingungen könnten auch weitere ungewollte Effekte auftreten, etwa eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit oder verminderte Toleranz gegenüber klimatischen Einflüssen. Sicher ist: Der gentechnisch veränderte Reis würde traditionelle Reissorten und wilden Reis verunreinigen. Damit stünde die Sicherheit eines Grundnahrungsmittels für mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung auf dem Spiel.

Neben all diesen Unwägbarkeiten ignoriert die Golden Rice-„Lösung“ völlig die Ursachen von Mangelernährung - nämlich Armut und daraus resultierend einseitige Ernährung. Diesen Missstand mit einem einzigen Lebensmittelzu bekämpfen, ist völlig absurd. Die Gefahr ist, dass „Golden Rice“ das Problem einseitiger Ernährung sogar noch verschärfen würde.

Vitamin A-reiche Ernährung: Gemüsestand bei Protestaktion gegen den Golden Rice in Quezon auf den Phillipinen

Den von Mangelernährung betroffenen Menschen fehlt weit mehr als nur Vitamin A. Mit „Golden Rice“ ließe sich bestenfalls dieser eine Mangel bekämpfen, die Unterversorgung mit anderen Vitaminen und Spurenelementen wird dadurch nicht adressiert. Langfristig muss Mangelernährung durch die Versorgung mit einer Vielfalt an Lebensmitteln, Aufklärung und den nötigen politischen Willen bekämpft werden. Als Übergangslösung wird längst erfolgreich mit der Vergabe von Vitamin-A-Präparaten und angereicherten Lebensmitteln gearbeitet.

Die leeren und gebrochenen Versprechen der Agro-Gentechnik

Zuverlässig („funktioniert“ wäre zu viel gesagt) ist Golden Rice nur als PR-Instrument: Immer wieder wird er von Konzernen und Gentechnik-Befürwortern als Wunderpflanze gepriesen, um so den Weg für andere gentechnisch veränderte Pflanzen zu ebnen, mit denen Monsanto und andere Agro-Unternehmen Profite einstreichen können. Die Branche dürstet nach Erfolgen: Seit 20 Jahren werden gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut und haben ihr Versagen in der Praxis längst bewiesen.

Mehr Agrargifte, weniger Vielfalt und Monokulturen kennzeichnen die industriellen Anbausysteme, für die gentechnisch veränderte Pflanzen gemacht sind. Mögliche Gesundheitsgefahren sind nach wie vor nicht ausreichend untersucht und auch unter Wissenschaftlern umstritten. Und so wächst der Widerstand, mittlerweile auch im Mutterland der Gentechnik. Die Veröffentlichung des offenen Briefes mag nur zufällig damit zusammenfallen, dass im US-Bundesstaat Vermont am ersten Juli das erste Gesetz zur Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel in Kraft getreten ist. Schon vorher haben die ersten Lebensmittelhersteller angekündigt, freiwillig auch bundesweit entsprechend zu kennzeichnen. In der kommenden Woche wird im US-Senat zudem über ein bundesweites Kennzeichnungsgesetz abgestimmt. Neben den praktischen Problemen beim Anbau, etwa aufgrund der immer schneller verlaufenden Resistenzbildung bei Unkräutern, bedroht diese Entwicklung das Milliardengeschäft der Agro-Gentechnik.

In der Pressekonferenz zu dem offenen Brief war Gen-Kennzeichnung eine großes Gesprächsthema – um den Goldenen Reis ging es nur am Rande. Meinen Kollegen vom US-Greenpeace-Büro wurde die Teilnahme an der Pressekonferenz verwehrt - vom ehemaligen Leiter der Firmenkommunikation von Monsanto höchstpersönlich:

Tweet meines Kollegen Charlie Cray aus dem US-amerikanischen Greenpeace-Büro

 

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Analyse

Dirk Zimmermann

Dirk Zimmermann

Dr. Dirk Zimmermann ist Kampaigner im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland.


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