Kirsten Brodde
12.04.2016

Wir Befreiten!

Warum wir Kleidung nicht ver-brauchen, sondern nutzen sollten – Unser Beitrag zur Fashion Revolution Week

Oft heißt es, Kleidung sei mit der heißen Nadel genäht und wäre nichts mehr wert. Stimmt, manches Teil verliert schon nach der ersten Wäsche die Form, Knöpfe fallen einfach ab, Jeans sind ohnehin nur zerschlissen verkäuflich. Und weil die Teile dank mieser Arbeitsbedingungen und niedriger Löhne billig sind, schätzen wir sie nicht wie eine Liebesbeziehung, sondern behandeln sie wie einen „One-Night-Stand“, sagt Orsola de Castro, eine der Gründerinnen von „Fashion Revolution“. Fashion Revolution ist eine Allianz von Designern, Öko-Labels, Produzenten und NGOs wie Greenpeace. Sie wurde nach der Rana-Plaza-Katastrophe in Bangladesch 2013 gegründet und treibt seitdem Kampagnen voran, die die drängendsten Probleme der Textilindustrie angehen.

Orsola de Castro, die selber ein Upcycling-Label führt, schlägt vor, die Liebe zu den  Sachen, die wir schon im Schrank haben, aufzufrischen, statt Kleidung als Wegwerf-Ware zu behandeln. Das ist auch die Idee der Greenpeace-Mitmach-Aktion dieses Jahres: „Keep me. I am precious“ – trag mich, behalt mich – ich bin zu kostbar, um mich nur Nano-Sekunden beim Einkaufen zu begehren und dann schon zu Hause festzustellen: Fehlkauf. Falsche Farbe, nicht mein Stil. Wie werde ich Dich wieder los?

Greenpeace näht auf Lieblingsstücke zur Fashion Revolution Week ein neues Zeichen der Wertschätzung
Greenpeace näht auf Lieblingsstücke zur Fashion Revolution Week ein neues Zeichen der Wertschätzung

Wir verschlingen Kleidung heutzutage wie eine Tüte Pommes und fühlen uns dann schlecht.

Sicher. Kleidung, die zu einem passt, ist nicht leicht zu finden. Man experimentiert halt gerne mal, aber niemand glaubt doch ernsthaft, dass wir unsere Persönlichkeit verändern, mal Punk, mal Prinzessin, mal Waldfrau, mal Manga-Mädchen, wenn wir uns anders anziehen. Wir sind nicht, was wir tragen. Was wir kaufen. Wir sind, was wir tun. Denken und fühlen.

Wir sind nicht, was wir tragen. Was wir kaufen. Wir sind, was wir tun. Denken und fühlen.

Freiheit bedeutet doch auch, sich nicht bevormunden zu lassen von einem Mode-Diktat, das uns erzählt, heute sei schulterfrei angesagt und morgen Metallic-Look. Für ein einziges T-Shirt mit Aufdruck sind 20 bis 30 verschiedene Chemikalien nötig. Wie giftig sie sein können, zeigen seit 2011 die Detox-Reports von Greenpeace. Weltweit werden allein in der Textilindustrie jährlich 1,7 Millionen Tonnen Farbstoffe verbraucht. Gefordert ist eine neue Achtsamkeit im Umgang mit Konsumgütern – mit Smartphones, mit Plastikwaren, mit Mode. Lernen wir wieder zu schätzen, was wir schon haben.

Wenn ich etwas anhabe, was ich schätze, geht es mir wie mit meiner besten Freundin: Ich fühle mich wohl. Und wenn es sich nicht gut anfühlt, dann kümmere ich mich und werfe unsere Freundschaft nicht gleich weg. Warum sollte ich das meiner Kleidung anders machen? Schuhe bringe ich zum Schuhmacher, Löcher lasse ich stopfen und alte T-Shirts färbe ich gerade über – pflanzlich mit Krapp, obwohl das aufwändig ist und das Rot echt mau. Rotwein hätte es sicher auch getan….

Und dann trage ich es, bis es auseinander fällt.

Das einzige Mal, dass ich ein Erbstück abgelehnt habe, war die Pelzjacke meiner Großmutter. Und ich teile das Überraschungspaket, das jeden Monat von der Leihbibliothek „Kleiderei“ kommt, mit meiner Tochter. Sie trägt gerade das Sweatshirt mit den Raumschiffen, ich das helle Cordhemd. „Das hast du geliehen, oder?“, mutmaßen meine Kolleginnen, wenn ich gelegentlich etwas zu flippig statt hanseatisch zivilisiert daher komme. Dann kommt das Schätzchen zurück in die Leihkiste und verstaubt nicht in meinem Schrank. Meine Kollegin Chiara aus Italien hat sich die Sachen ihrer Großmutter aufpeppen lassen – ihr Stil ist so sizilianisch wie sie selbst – sie liebt Essen, Freundschaften, große Ohrringe und Rugby. Sachen, die man liebt, sind unersetzlich.

Habt ihr auch Dinge in eurem Kleiderschrank, die ihr liebt? Dann macht mit bei der "Fashion Revolution Week" vom 18.-24. April: Schreibt euch das Kaufdatum in den Saum eurer Jeans, um euch an den Beginn dieser Liebe zu erinnern. Oder lasst euch ein neues Etikett einnähen bei einer der Greenpeace-Aktionen in vielen Städten nächste Woche. Zeit für eine Lovestory - was ist eure?

Format
Analyse

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde

Kirsten Brodde hat Journalistik, Germanistik und Medizin studiert und arbeitet als Textilexpertin der Detox-Kampagne für Greenpeace.


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