Anti-Gentech Aktion in Wohlenschwil/Schweiz
Dirk Zimmermann
16.06.2016

Zehn Fakten zum Stand des Anbaus von Gen-Pflanzen

20 Jahre kommerzielle Agro-Gentechnik: Was ist der status quo?

1996 wurden das erste Mal Gen-Pflanzen für kommerzielle Zwecke angebaut. Die Anbauflächen sind seitdem stetig gewachsen – bis jetzt: erstmals musste nun der Gentechnik-Interessenverband ISAAA für 2015 einen Rückgang der Anbauzahlen verkünden. Demnach waren 1% weniger Äcker mit Gen-Pflanzen bestellt als dies noch 2014 der Fall war.

Protest in Bern gegen Gen-Food im Jahr 1999
Seit über 20 Jahren setzt sich Greenpeace gegen Gentechnik auf dem Acker sein. Hier protestieren Greenpeace-Aktivisten bei einer Aktion in Bern im Jahr 1999 gegen den Import von Gen-Food.

Die knapp 180 Millionen Hektar Gentechnik entsprechen etwa 13% der Welt-Ackerfläche bzw. 3,6% der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Kein Grund zum Feiern also für die Gentechnik-Industrie. Doch es sind nicht nur die rückläufigen Anbauflächen, die Lobby und Industrie missfallen dürften. Auch während des Flächenwachstums schrieb die Agro-Gentechnik keineswegs eine Erfolgsgeschichte. Daran hat sich 2015 nichts geändert:

  1. Für Europa fiel der Flächenrückgang – ausgehend von einem bereits sehr niedrigen Niveau – mit 18% sogar noch drastischer aus. In Anteilen der Nutzfläche der EU lassen sich  die 116,870 Hektar schon fast nicht mehr darstellen: auf gerade einmal 0,07% der Agrarflächen wuchsen 2015 Gen-Pflanzen.
  2. Gen-Pflanzen wachsen weiterhin nur in wenigen Ländern – weltweit 28, davon fünf in der EU (Spanien, Portugal, Tschechien, Rumänien, Slowakei). Die allermeisten Länder halten ihre Äcker also nach wie vor frei von Gentechnik – trotz intensiver Bemühungen der Industrie, dies zu ändern.
  3. Der Anbau findet überwiegend in Nord- und Südamerika statt. Alleine in den USA, Brasilien und Argentinien finden sich mehr als drei Viertel der Anbauflächen.
  4. In vielen Anbauländern fristen Gen-Pflanzen ein Dasein in einer winzigen Nische; ihr Anteil in z.B. Rumänien, Tschechien, Bangladesh oder Chile liegt bei deutlich unter 50.000 Hektar.
  5. Einseitig auch die angebauten Kulturen: auf 51% der globalen Gen-Äcker wächst Soja. Mit Mais, Baumwolle und Raps zusammen machen nur vier Pflanzen 99% des Anbaus aus. Es handelt sich um Pflanzen, die vor allem in Tiermägen enden oder gar nicht der Ernährung dienen (Baumwolle und Bioenergie). Kurz: Gen-Pflanzen leisten keinen Beitrag zur Welternährung.
  6. Gen-Pflanzen können nicht viel: Sie sind weiter entweder mit einer Herbizidtoleranz ausgestattet, oder sie produzieren ihr eigenes Insektizid. Sie alle bringen damit mehr Gift auf den Acker. Zunehmend werden beide Eigenschaften kombiniert: sogenannte „stacked events“ finden sich mittlerweile bei 33% aller Gen-Pflanzen.
  7. Gen-Pflanzen versagen in der Praxis: Unkräuter werden resistent gegen z.B. Glyphosat. Die Antwort der Industrie: neue Gen-Pflanzen mit Toleranzen gegen andere Herbizide, z.B. Dicamba, 2,4-D oder Isoxaflutol. Auch bei Bt-Pflanzen gibt es zunehmend Resistenzprobleme. Hier sind es die Schädlinge, die die Anfälligkeit für die von den Pflanzen produzierten Toxine verlieren.
  8. Auch Gen-Baumwolle, gerne als Beispiel für den Erfolg der Gentechnik für Kleinbauern genutzt, scheitert immer häufiger: in Indien haben unlängst zwei Bundesstaaten angekündigt, wieder auf Gentechnik-freie Baumwolle zu setzen, nachdem resistente Schädlinge den Gen-Pflanzen zu sehr zusetzen. Burkina Faso will wegen Qualitätsproblemen in Zukunft auf Gen-Baumwolle verzichten.
  9. Weltweit bleibt die Ablehnung gegenüber Gen-Pflanzen hoch oder wächst. 17 von 28 EU-Staaten (und 4 Regionen), darunter Deutschland, haben 2015 den Anbau von Gen-Mais auf ihrem Territorium vorläufig verhindert. Selbst in den USA steigt die Skepsis: nach der Einführung einer Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel in Vermont auf Druck der Verbraucher haben die ersten Lebensmittelhersteller angekündigt, freiwillig bundesweit entsprechend zu kennzeichnen. Die Debatten über die Gefährlichkeit von Glyphosat tragen zum schlechten Image der Gen-Pflanzen bei.
  10. Die ISAAA-Behauptung, Gen-Pflanzen würden vor allem Kleinbauern mit beschränkten Ressourcen helfen, ist nicht haltbar. Selbst wenn die Zahlen stimmen und 90% der 18 Millionen Gentechnik-Nutzer Kleinbauern sind, würden diese 16,2 Millionen nur gute 3% (3,24) der geschätzten 500 Millionen Kleinbauern der Welt ausmachen. Andersrum: knappe 97% arbeiten ohne Gentechnik. Die meisten Gen-Pflanzen werden im industriellen Maßstab angebaut – und sind auch genau dafür gemacht.
Protest auf der Grünen Woche 2008 gegen MON810
Im Jahr 2008 protestierten Greenpeace-Aktivisten bei der Landwirtschaftsmesse "Grüne Woche" gegen die Pläne des damaligen Landwirtschaftsministers Horst Seehofer (CSU), den Anbau des Gen-Mais MON810 in Deutschland zuzulassen.

Es wird immer deutlicher: Gentechnik auf dem Acker führt in eine Sackgasse. Echte Lösungen stehen indes längst parat: ökologische Landwirtschaft und Züchtung ohne Gentechnik, auch mit modernen biotechnologischen Methoden wie der markergestützten Selektion, liefern längst, was die Gentechnik-Industrie nicht geschafft hat. Die ISAAA gibt dies zwischen den Zeilen in ihrem jüngsten Report zu, wenn sie die mangelnde Innovation auch auf „scientific obstacles“ (wissenschaftliche Hindernisse) zurückführt. Als Fortschritt gefeiert wird indes der Anbau der ersten mit neuen gentechnischen Methoden entstandenen Pflanze auf 4000 Hektar in den USA. Bezeichnenderweise handelt es sich auch dabei um eine herbizidtolerante Gen-Pflanze, nämlich den Raps, über den auch in der EU zurzeit diskutiert wird.

Demo für ökologische Landwirtschaft 2014
Zum Start der "Grünen Woche" im Jahr 2014 gingen tausende Demonstranten in Berlin auf die Straße, um eine ökologische Landwirtschaft zu fordern und gegen Gentechnik, Massentierhaltung, Bienensterben und Pestizide zu protestieren.

Zu lesen ist bei der ISAAA auch, was für die Industrie auf dem Spiel steht: auf nur 13% der Äcker wachsen Gen-Pflanzen – der Verkauf des Gen-Saatgutes macht aber satte 34% des weltweiten Umsatzes der Saatgut-Industrie aus. Eine eindeutige Interessenlage, umso mehr da auch der Pestizidmarkt überwiegend in den Händen derselben Unternehmen liegt – und daher keinerlei Interesse an ökologisch-nachhaltigen Lösungen für die Landwirtschaft besteht.

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Dirk Zimmermann

Dirk Zimmermann

Dr. Dirk Zimmermann ist Kampaigner im Bereich Nachhaltige Landwirtschaft bei Greenpeace Deutschland.


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