Wir müssen abdrehen

26. Januar 2008

nisshin-maru3.jpgWind 2, See: lange Dünung, Luft 4 °C, Wasser 2 °C, teils bedeckt, freundlich – Heute Mittag um zwei Uhr war es soweit: Wir mussten abdrehen, den Rückweg nach Hobart antreten. Unser Sprit reicht nur noch für den Rückweg. Die “Nisshin Maru” hat vorgestern wieder nach Westen gedreht, und so ist ein Weiterfahren nicht mehr möglich. Das Schiff der australischen Regierung, die “Oceanic Viking” wird noch einige Zeit bei der “Nisshin Maru” bleiben. Ob sie die Jagd beeinflusst, kann man nicht sagen. Wir hoffen es.
Es ist immer ein denkwürdiger Moment, wenn so ein Unternehmen auf einmal zu Ende ist. “Zwei Herzen schlagen, ach in meiner Brust…” Ich freue mich, dass ich nach Hause kann, ich habe ein schlechtes Gefühl mich zu freuen, weil ohne uns weiter Wale gejagt werden.
Sie haben zwei Wochen nicht gejagt, sie sind außerhalb der Fanggründe, die Flotte ist nicht zusammen. Es wird nicht all zu lange dauern, bis sie sich wieder formiert haben. Aber immerhin ein bisschen.
Der “Sea Shepherd” Fraktion hier sei gesagt: Solange die “Sea Shepherd” das andere Schiff bei sich hat, haben sie keine Chance, die Flotte zu treffen. Egal, ob sie Koordinaten haben oder nicht. Dadurch, dass die Position der “Sea Shepherd” permanent auf der “Nisshin Maru” bekannt ist, kann die Flotte immer ausweichen!
Es war ein cleverer Zug der Walfänger ihren Gegnern einen “Schatten” zu geben. Das hätte auch uns passieren können! Und nach dem Auslaufen der Flotte aus Shimonoseki hatten wir ja auch eine Woche lang ein japanisches Schiff der Küstenwache auf unseren Fersen.
Und bei der ersten Begegnung im Eismeer, hatten wir eines der Spottervessel getroffen, welches zum Glück nicht schnell genug war! Bei den nächsten Einsätzen heißt es also: Wir brauchen eine ganz neue Strategie, um sie zu finden, bzw. mögliche “Schatten” wieder los zu werden.
Ich sitze oben auf dem Bootsdeck, blicke nach achtern und sehe die “Nisshin Maru” verschwinden. Erinnerungen an die Reise keimen in mir auf, gute und schlechte. Dieses Mal war es für mich eine besonders schwere Zeit.
Über drei Monate bin ich an Bord. In Südkorea eingestiegen, den Äquator überquert, das ist mittlerweile so weit weg, als ob die Seemeilen dazwischen auch die Zeit beeinflussen.
Kurz nachdem ich an Bord gegangen war, bekam ich die Nachricht, dass meine Mutter ins Krankenhaus gekommen ist. Vier Wochen dauerte die Diagnose und dann stand fest, dass sie eine Chemotherapie machen sollte.
Dann die Zeit in Neuseeland. Ich war zwei mal auf Waiheke Island, einem kleinen Paradies! Ein Ort, an dem man Ruhe und Frieden finden kann. Als ich überlegte, nicht mit ins Eismeer zu fahren, um zu meiner Familie zurück zu kehren, sagte meine Mutter, ich solle auf gar keinen Fall meinen Einsatz abbrechen. Sie wolle das nicht.
Dann kam die Nachricht, daß wir unseren Hubschrauber Tweety nicht mitnehmen können. Das hat die Stimmung an Bord einige Tage sehr belastet. Weiter ging es nach Bluff, dort noch ein letztes Mal gebunkert, ein Crewmitglied von Bord, eines noch wieder dazu, das letzte frische Obst und Gemüse und der Weihnachtsbaum fanden ihren Weg auf unser Schiff.
Kaum auf See, die Nachricht, dass meine Mutter eine zweite Chemotherapie nicht mehr machen wollte. Meine Brüder kümmerten sich sehr um Alles. Und dann Weihnachten. Ein etwas schaukeliges Fest! Aber dafür ein sehr lustiges und unbeschwertes! Wir haben viel Gelacht und ausgelassen gefeiert. Seit Auckland war ich auf der zwölf bis vier Uhr Wache.
Dann kam der 28. Dezember: Ich bekam einen Anruf um zwei Uhr morgens: meine Mutter war gestorben. Es war so schnell gegangen. Die folgenden Tage fehlen in meinem Tagebuch. Es klafft eine Lücke zwischen dem 27. Dezember und dem 1. Januar. Tage, die sich auch in meinem Gedächtnis noch immer wie eine Lücke anfühlen.
Heute sind alle an Bord ausgelassen. Ich bin auf Wache und auf meinen Runden durchs Schiff treffe ich überall auch fröhliche Gesichter. Ich denke, auf so einer Reise, auf einem Schiff sind Feiern eine gute Möglichkeit, aufgestaute Emotionen herauszulassen. Und so ist es wohl heute die Mischung zwischen dem Bedauern, nicht weiterfahren zu können und der Freude, dass wir zurück fahren. Der Widerspruch muss stehen bleiben. Den Widerspruch muss man ertragen können.
Wenn das Wetter so bleibt, werden wir nur eine Woche bis Hobart brauchen. Wir fahren auf dem Energiesparlevel und laufen mit knapp zehn Knoten nach Nord-Ost.
Liebe Grüße, Regine

Dreizehnter Tag ohne Waljagd

24. Januar 2008

Wind 3 bis 4, See 1,5 Meter, Luft 2 °C, Wasser 1 °C, bedeckt, teils Schneegriesel, teils Nieselregen – Gestern waren es genau drei Monate, drei Monate auf der Esperanza. Südkorea liegt tausende von Seemeilen hinter uns, die Fahrt über den Äquator, entlang der Philippinen, erscheint mir wie aus einem anderen Leben, wie aus einer anderen Zeit. So weit weg, in der Entfernung und in der Erinnerung.

Die Verfolgungsjagd hinter der Nisshin Maru her hat uns bis fast nach Afrika gebracht. Wir waren fünf Tage vor Durban/Südafrika, wir sind einmal um die Kerguelen Islands gefahren, natürlich mit so großem Abstand, so dass wir sie nicht haben sehen können. Die diesjährige Antarktisreise hat mich fast zweimal um die halbe Welt getragen.

Aber noch sind wir hinter Nisshin Maru! 13 Tage sind es, in denen sie nicht gejagd haben. Das Fischereiministerium hat zugegeben, dass sie die Jagd eingestellt haben, weil wir da sind! Aber eben auch nur, solange wir da sind. Die Jagd einstellen werden sie wohl nicht.

Ich muss zugeben, ich bin wirklich nicht böse, derzeit keine Aktionen während der Jagd fahren zu müssen. Die Einsätze vor zwei Jahren waren das Grausamste, was ich erlebt habe und mit ansehen musste. Da hilft auch keine Freude am Bootfahren, kein Abenteuergeist, kein Engagement Aktionen machen zu wollen. Diese Aktionen vor zwei Jahren waren bitter notwendig. Aber es ist auch das, an was ich mich am wenigsten erinnern möchte. Es war schrecklich, Wale sterben sehen zu müssen.

Die Walfänger haben dazugelernt. Die Bilder von dem blutigen Abschlachten und unseren Aktionen vor zwei Jahren wollen sie nicht wieder um die Welt gehen lassen. Dafür verzichten sie seit bisher zwei Wochen auf die Jagd. Das ist viel, denn die Zeit in der Antarktis ist begrenzt. Aber auch unser Einsatz hier unten ist begrenzt. Insofern ist es wiederum nicht zu viel Zeit, die sie verlieren.

Ich wünschte mir einen größeren Tank. Ich weiß nicht, wie lange wir noch so weiterfahren können – lange kann es nicht mehr sein. Aber jeder Tag zählt!

Wir hoffen, dass auch die Gegenwart des australischen Regierungsschiffes die Jagd verhindert. Aber ich bin mir da nicht sicher. Und solange die Sea Shepherd das japanische Fischereischiff als Schatten hat, haben sie keine Chance, die Flotte zu treffen.

Liebe Grüße, Regine

Erste Aktivitaten

23. Januar 2008

Zwischen den japanischen Schiffen - (c) Greenpeace/RezacWind 1, See leichte, flache Dünung, Luft 3 °C, Wasser 1 °C, bedeckt, trocken – Um um zwanzig vor sieben Uhr wurde ich geweckt: Es kann sein, dass sie anfangen zu jagen! So wirksam war der Weckruf auf der ganzen Tour noch nicht! Also schnellstens aufstehen, anziehen, Zähne putzen, Kaffee greifen und erst einmal an Deck rennen. Dort wurden die ersten beiden Boote schon über die Rehling gehoben, blieben allerdings noch außenbords hängen.

Dann begann das Warten. Also erst einmal wieder in die Messe. Dort war mittlerweile das halbe Schiff versammelt und strapazierte den Toaster. Es sollte noch eine weitere Stunde dauern, bis es endgültig hieß, jetzt geht es los. Aber nein, sie fangen noch nicht an zu jagen, aber die “Nisshin Maru” und die “Oriental Bluebird” wollen längsseits gehen und bunkern.

Die “Oriental Bluebird” befindet sich illegal in diesen Gewässern, da sie keine Erlaubnis hat, bei der Flotte in die Walfangaktivitäten involviert zu sein. Das Schiff ist in Panama geflaggt und gehört somit nicht zur Flotte. Nunja, sie fährt seit Jahren mit, versorgt die Schiffe mit Diesel und übernimmt gefrorenes Walfleisch, weil die Ladekapazitäten der Nisshin Maru dafür offenbar nicht ausreichen.

Ich sollte heute morgen das Kameraboot fahren. Kaum waren alle an Bord, versuchte ich dichter an die Esperanza heranzufahren, damit wir das Wassern der Boote besser sehen könnten. Doch plötzlich stieg schwarzer Qualm aus dem Auspuff! Ich verlangsamte geringfügig und die Auspuffgase nahmen wieder eine normale Farbe an. Also noch einmal versucht: Dasselbe! Und auch bei mehr Gas geben, kam keine Reaktion vom Boot. Der Turbolader schien nicht zu funktionieren.

Über Funk wurde sofort die Brücke angerufen und Bescheid gegeben. Sofort kam die “African Queen”, die mittlerweile im Wasser war und übernahm die Besatzung, bis auf Clive, meinen Beifahrer. Langsam fuhren wir längsseits der Esperanza und wurden wieder an Bord genommen.

Während sich Marc, unser Bootsmechaniker, sofort daranmachte, das Übel herauszufinden, fuhren die beiden anderen Boote zur “Nisshin Maru” und “Oriental Bluebird”. “Billy G.” legte sich zwischen die beiden noch nicht ganz längsseits gegangenen Schiffe, während die “Queen” dicht dabei blieb.

Womit wir nicht gerechnet hatten: die ausgebrachten Fender waren untereinander mit Stahseilen verbunden, die dicht unter der Wasseroberfläche hingen. So war es eine Frage der Zeit, wann sich “Billy G.” verhaken würde. So lange das Boot zwischen den Schiffen lag, wurden Jetske und Heath mit den Wasserschläuchen traktiert. Ich weiß nicht, wie sie wieder frei gekommen sind, auf jeden Fall sind Boot und Mannschaft unversehrt wieder herausgekommen.

Anschließend kamen die Boote erst einmal zurück auf die Esperanza. Die Reparatur der “Susi Q”, war noch nicht abgeschlossen, aber es war der Turbolader. Zum Glück hatten wir einen zweiten an Bord. Nach dem Mittag waren alle wieder Einsatzbereit und es ging noch einmal zu den beiden Schiffen, die immer noch längsseits lagen.

Aber es waren auch noch zwei der Fangschiffe dabei, die sich sofort auf den Weg machten, um die Schlauchboote zu vertreiben. So entbrannten Verfolgungsjagden, bei denen unsere Schlauchboote aufs Korn genommen wurden. Auf allen Schiffen waren die Wasserwerfer, Wasserkanonen und Feuerlöschschläuche an.

Mir war oft nicht ganz wohl zumute, da mein Boot am morgen ja kaputt gegangen war. Und so hoffte ich bei jeder Attacke, der Motor möge den Gashebel annehmen, damit wir aus der Fahrtlinie kommen können. Die Fangschiffe sind extrem wendig und schnell. Natürlich nicht mit einem Schlauchboot zu vergleichen. Aber für gute 60 Meter Länge sind sie sehr beeindruckend. Erinnerungen an die Aktionen vor zwei Jahren kamen auf, als wir stundenlang dicht vor den Fangschiffen gekreuzt sind, um dem Harpunierer die Möglichkeit zum Abschuss zu nehmen.

Mittlerweile wurde von der “Nisshin Maru” gefrorenes Walfleisch auf den Versorger geladen.
Und auf einmal hörten die Fangschiffe auf, uns zu verfolgen, die Wasserwerfer wurden ausgemacht, sogar die großen Wasserkanonen am Heck der “Nisshin Maru” waren plötzlich aus. Das war bestimmt nicht aus Freundlichkeit! Kaum kamen wir um die Hecks der beiden großen Schiffe, wurde uns sofort klar, was der Grund war! Die “Oceanic Viking” der australischen Regierung war auf der Bildfläche erschienen.

Auch sie ließen zwei Boote ins Wasser und fuhren zur “Nisshin Maru” und den restlichen Flottenschiffen. Und ein Blick auf die Anzeigen in meinem Boot beendeten auch diese Fahrt: Die Temperaturanzeige war auf 120 °C geklettert, und als ich die Drehzahl sofort herunter nahm, hörten wir auch den schwachen Alarm, der unter der Motorhaube am piepsen war.

Die “African Queen” nahm uns in Schlepptau und brachte uns zurück zur “Esperanza”, wo wir wieder an Bord gekrant wurden. Diesmal war ein Kühlwasserschlauch geplatzt…, aber zum Glück ist kein weiterer Schaden entstanden.
Und da es sein kann, dass wir morgen wieder früh aus den Betten müssen, werde ich mich jetzt dorthin zurückziehen.

Gute Nacht und liebe Grüße, Regine