Der Druck nimmt zu, die Verhandlungen nähern sich ihrem Ende. So denken wir zumindest. Eigentlich sollte heute Schluss sein. Aber die Veteranen dieser Klima-Konferenzen lächeln nur milde: Das geht sicher bis in den frühen Morgen, sagen sie.
Wir stellen uns auf eine lange Nacht ein. Habe den ganzen Tag nichts gegessen und gehe ins Hotel zum Abendessen. Auf halber Strecke ein Anruf. Die Ukrainer stellen sich in einer Detailfrage quer: Sie wollen als einziges Land dagegen stimmen, dass zwei Prozent ihrer Einnahmen aus Kompensationsprojekten (“Joint Implementation”) an den Fonds für die Unterstützung von Anpassungsleistungen in den ärmsten Staaten der Welt abgeführt werden sollen.
Ich kehre wieder zum Konferenzzentrum zurück und rufe meinen Bekannten in der ukrainischen Delegation an. Er weiß von nichts und ist entsetzt. Iryna, die einzige ukrainische NGO-Kollegin auf Bali, und ich gehen auf die ukrainische Delegationsleitung zu, um ihr die Konsequenzen einer solchen Blockade zu erklären. Man will nicht mit uns sprechen. Ein Mitglied der ukrainischen Delegation beschimpft Iryna, sich nicht “patriotisch” zu verhalten. Sie erwidert, ihr ginge es um Klimaschutz, nicht um Patriotismus.
Später stellt sich heraus, dass dieses Mitglied der ukrainischen Delegation gleichzeitig für eine Firma arbeitet, die mit dem Emissionshandel Geld verdient. Ein Kollege ruft dort an und schildert, dass ein Mitarbeiter die gesamten Verhandlungen auf Bali durcheinanderzubringen droht. Die Firma reagiert schnell und verlangt von dem Mitglied, sich aus den Verhandlungen zurückzuhalten. Ich frage einen Bekannten in der russischen Delegation, ob er nicht die Ukrainer überzeugen könne. Das könne nur die EU, ist seine Antwort. Ich spreche mit EU-Beamten. Sie nehmen Kontakt auf. Letztendlich begnügen sich die Ukrainer mit einem kritischen Statement und verzichten auf ihre Blockade-Haltung.
Es gibt noch zwei große strittige Punkte in den Abschlusstexten und jede Menge kleinerer Punkte wie diesen “ukrainischen”. Das Konferenzzentrum gleicht jetzt einem Hexenkessel: Alle Gänge sind überfüllt mit Kamerateams und Journalisten, NGO-Vertretern und Delegierten. Alle sind restlos übermüdet und gestresst. Hin und wieder öffnet sich eine geheimnisvolle Tür zu den Verhandlungen, die jetzt auf der Zielgeraden ohne uns Beobachter laufen.
Da kommt der japanische Minister. Eine Meute japanischer Journalisten stürzt sich mit Fragen auf ihn. Er quält sich die Treppe nach oben und kommentiert mit wenigen Worten den Stand der Dinge. Von oben kommen die Kanadier die Treppen nach unten. “How is it going?” kreischt eine Reporterin. Kein Kommentar. Irgendwann kommt auch Gabriel. Zerknittertes Gesicht. Schwierige Gespräche. Vor wenigen Stunden waren die USA kurz vor dem Abbruch der Verhandlungen, sagt er.
Schnell schreibe ich ein kurzes Update per E-Mail an die ganze Greenpeace-Gruppe vor Ort. Es ist jetzt ein Uhr. Ich merke, dass ich nach drei Nächten mit ca. 3-4 Stunden Schlaf anfange, gereizt auf Kollegen und Journalisten zu reagieren. Meine Kollegin Gabriela sagt, ich solle besser ins Hotel gehen und in vier Stunden wiederkommen. Recht hat sie. “Gute Nacht”.
Tobias
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