Merkels schmutzigen Atomdeal stoppen

24. Juni 2009 · von Benjamin Borgerding

10.30 Uhr

Ohrenbetäubendes Sirenengeheul schallt durch die Budapester Straße in Berlin. Mit Ohropax bestückt sitze ich neben dem Hotel InterContinental, in dem die Jahresversammlung des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) stattfindet. Fünf Meter vor mir liegen einige dutzend gelbgekleidete Greenpeace-Aktivisten vor dem Eingangsportal – „symbolische Strahlenopfer“. Zwischen ihnen stehen gelbe Tonnen mit dem Radioaktiv-Logo. Einige haben sich mit Handschellen an den Fässern befestigt, die unter lautem Scheppern herbeigerollt worden waren.

Und der Alarm? Mitten auf der Auffahrt schrillt eine Sirene, die in einem Käfig auf das Gelände gefahren worden ist. Das Schrillen wird ganz sicher auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht entgehen, die heute hier als Gast erwartet wird. Das Kanzleramt ist ja nicht so weit weg von hier. Bleibt zu hoffen, dass sie die Botschaft versteht: Kein schmutziger Deal mit der Atomwirtschaft. Wer deren Forderung nach längeren AKW-Laufzeiten und einer Deckelung von Erneuerbaren Energien unterstützt, schadet Deutschland.
Und wie vertraut Berlin mit großer Politik ist: Nur fünf Meter neben der Protestaktion mäht ein Gärtner ungerührt eine kleine Rasenfläche. Was für ein skurriles Bild!

11:15

Das Heulen der Sirene ist kurzzeitig verstummt. Vor dem Haupteingang haben die Aktivisten eine gelbe Tonne mit brisantem Inhalt aufgestellt: Zweieinhalb Kilo kontaminierter Waldboden aus der Gegend um Tschernobyl. Letzte Woche mehr als fünfzig Kilometer vom Katastrophenreaktor entfernt gesammelt, außerhalb der verbotenen Zone. Nach 23 Jahren immer noch so strahlend, dass man ein Spezialgefäß mit Stahl und Beton zur Abschirmung braucht. Schon ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass da ein paar Meter entfernt eine Tonne mit so einem Inhalt herumsteht.

Nuclear action at BDEW meeting in Berlin

Anti-Atom-Aktion beim Kongress des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft

In diesem Moment betreten Feuerwehrmänner in schwerer Schutzkleidung das Gelände um die Lage zu sondieren. Ihre Montur entspricht den strengen Vorschriften für den Umgang mit radioaktivem Material. Das führt einem vor Augen, wie gefährlich verstrahlte Substanzen auch Jahre später noch sind. Auch wenn die Spezialtonne, die jetzt vor dem Eingang steht, die schädigende Strahlung des enthaltenen Materials nach außen natürlich vollständig abhält.

Die Feuerwehrmänner haben die Zufahrt zu dem Hotel InterContinental abgesperrt. In der Absperrzone liegen die Aktivisten als symbolische Strahlenopfer direkt vor dem Eingang zum BDEW-Jahreskongress. Die Tonnen stehen nun alle aufrecht, im Tor sind zweimal zwei Tonnen zu Säulen übereinander gestellt worden. Ein Burgfriede, der sicher nur von kurzer Dauer sein wird. Und da beginnt das Sirenenheulen von neuem.

14.30 Uhr

Auf der Veranda der Bar Marlene, direkt neben dem Hautpeingang des Hotels InterContinental sitze ich zwischen rauchenden und Kaffee trinkenden Gästen des Kongresses. Wir schauen auf den Platz vor uns, hinüber zu den Aktivisten. Bis eben hatte sich länger nichts verändert. Mit einem mal lief dann ein Trupp Polizisten an uns vorbei ins Foyer des Gebäudes. Zwei kommen jetzt wieder heraus: im Haltegriff haben sie zwei weitere Personen. Offenbar ist es den Greenpeace-Aktivisten gelungen, eine weitere Tonne mit radioaktiv kontaminierter Erde in die Lobby des Hotels zu stellen, um sie dort unter anderem dem EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso zu präsentieren.

Derweil liegen noch etwa 25 Aktivisten regungslos vor dem Eingang, zwei weitere stehen und halten ein Transparent mit der Aufschrift “Stoppt Merkels Atom-Deal!” in die Höhe. Auch auf dem Dach stehen noch acht Demonstranten mit einem Banner.

Doch es wurde bereits einiges weggeräumt. Die Polizisten haben mit Bolzenschneidern die Handschellen, mit denen sich die Aktivisten an die Tonnen gekettet haben, durchtrennt und alle Tonnen vom Gelände geschafft. Ein paar Greenpeacer wurden daraufhin vom Gelände getragen. Sie hingen leblos in den behandschuhten Händen. Wie nasse Säcke. Oder eben: wie Strahlenopfer.

Direkt vor dem Eingang wurde auch die Tonne, in der sich die kontaminierte Erde aus Tschernobyl befindet, entsorgt. Etwa sechs Polizisten haben den Behälter mit dem unheimlichen und gefährlichen Inhalt auf einer Sackkarre vom Gelände gerollt: gebeugten Körpers, langsam und im Tippelschritt. Respekt vor der Ladung hatten auch sie.

15.30 Uhr

Die Aktivisten vor dem Hotel sind von der Polizei geräumt worden. Nach und nach wurden auch sie vom Ort des Geschehens geführt. Der Käfig mit der Sirene wurde mit einem Brecheisen aufgestemmt und wird nun von einigen Polizisten bewacht. Bleiben noch die acht Aktivisten auf dem Dach…

16:05 Uhr

Auch die acht Aktivisten auf dem Dach sind nun geräumt.

Kommentare

  • Cielo

    Hallo ihr lieben!

    Wow. Was soll man dazu noch sagen? Großartige Aktion.
    Es darf unter keinen Umständen zu einem Ausstieg aus dem Ausstieg kommen.

    Gruß
    Cielo

    24.6.2009 um 13:14 Uhr · Antworten

  • Paul

    Ja so eine Urne mit verseuchter Erde kann man sich auch schön ins Regal stellen… Gruss Paul.

    24.6.2009 um 16:54 Uhr · Antworten

  • N.Brendler

    Habe ich es richtig verstanden das ihr ganz bewusst und im Vollbesitz eurer geistigen Kräfte radioaktiv verstrahltes Material nach Deutschland gebracht und in einer der größten Städte dieses Landes aufgestellt habt?

    Ach, jetzt sehe ich es ja. Das Material befand sich in einer „Spezialtonne, […] , die schädigende Strahlung des enthaltenen Materials nach außen natürlich vollständig abhält.“
    Wäre es nicht eine geniale Idee wenn man den gesamten radioaktiven Abfall in solche Tonnen füllen würde damit sie keine Gefahr mehr für die Menschheit darstellen?

    24.6.2009 um 17:09 Uhr · Antworten

  • L'étranger

    Ja, auch von mir Glückwunsch zu der Aktion!
    Ich war mit der Klima-Allianz da, die haben auch n bisschen Show gemacht, aber eure Aktion is echt nicht zu übertreffen!

    PS: den Gärtner hab ich auch bewundert. Hab schon überlegt, ob ich mir ein Autogramm von ihm geben lassen soll :P

    24.6.2009 um 17:13 Uhr · Antworten

  • Bianca

    Glückwunsch zu dieser gelungenen Aktion!! Ein tolles Zeichen, das eigentlich auch dem letzten Träumer die Gefahren der Atomkraft und vor allem des ewig strahlenden Mülls vor Augen führen sollte.. da kann sich der eine oder die andere vielleicht auch mal vorstellen, wie “unangenehm” es doch sein müsste, dauerhaft auf solch verseuchter Erde leben zu müssen, wie es viele Menschen heute noch in Tschernobyl und Umgebung tun (müssen)..
    Ich danke den Aktivisten von Greenpeace, dass sie immer wieder auf diese (und viele andere)Themen aufmerksam machen!!

    24.6.2009 um 20:25 Uhr · Antworten

  • Marcus

    Well done. Super Aktion. Riesen Dank!

    24.6.2009 um 22:18 Uhr · Antworten

  • Richard

    Super!
    Klasse Aktion! :)

    24.6.2009 um 23:20 Uhr · Antworten

  • Beat Willi

    Schwache Aktion.
    Deshalb wird in der Welt und in Deutschland keine KWh weniger verbraucht. Chernobyl ist jetzt fast 25 Jahre her und interessiert mich nicht mehr. Die sich auftuende Stromlücke in Europa ist das Problem.
    Und das wird nicht mit einpaar periphär lokalisierten Windmühlen oder blauen Plättchen auf einigen Einfamilienhäusern von Besserverdienenden gelöst.
    Da müssen in Deutschland einfach Laufzeiten verlängert werden und später neue AKW gebaut werden. So ist das meine Damen und Herren.

    25.6.2009 um 06:14 Uhr · Antworten

  • Stefan Ziegler

    @Beat Willi

    Sogar die Bundesregierung selber weiß, daß das Lügenmärchen von der Versorgungsknappheit nicht stimmt, sondern nur von den großen vier
    Versorgern verbreitet wird.

    http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/M-O/monitoring-versorgungssicherheit-elektrizitaetsversorgung,property=pdf,bereich=bmwi,sprache=de,rwb=true.pdf

    Lesen bildet nämlich;-)

    Schöne Grüße

    Stefan

    25.6.2009 um 07:15 Uhr · Antworten

  • Stefan Ritter

    Ich habe den Bericht gelesen. Auf Seite 25 steht dort:

    Allerdings ist nicht auszuschließen, dass es aufgrund der Akzeptanzprobleme bei Kohlekraftwerksinvestitionsvorhaben und der damit verbundenen Verhinderung des Baus neuer effizienter Kraftwerke zu höheren Strompreisen kommen kann mit entsprechenden Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Sollten sich die Akzeptanzprobleme als dauerhaft erweisen, wären Versorgungsengpässe im Zeitraum 2015 bis 2020 nicht auszuschließen.”

    Soll wohl heißen, dass wir neue Kohlekraftwerke brauchen….

    26.6.2009 um 14:09 Uhr · Antworten

  • Jan

    Erst mal Glückwunsch zu dieser super Aktion. Macht weiter so. Die Politiker sollen sehen, was mit Atomkraft angerichtet werden kann.
    Wegen den Versorgungsengpässen: Wüstenstrom ist heute schon machbar. Die ersten Zeichen setzten 20 deutsche Unternehmen, indem sie Solarkraftwerke in den Wüsten Afrikas bauen. Nur die Politik müsste sich auch dafür einsetzten.
    http://www.greenpeace.de/themen/energie/nachrichten/artikel/wuestenstrom_von_der_vision_zur_wirklichkeit-1/
    http://www.greenpeace.de/themen/energie/nachrichten/artikel/400_milliarden_euro_fuer_wuestenstrom_kraftwerke/

    27.6.2009 um 23:27 Uhr · Antworten

  • Andrew

    Die Atom-Industrie-Politik-Lobbyisten können keine Sicherheit für Atomkraftwerke und schon gar nicht für die Endlagerung von radioaktiven Material gewährleisten.
    Hunderte Generationen, nach uns, hätten noch ihren ” Spaß” mit diesem unsäglichen Abfall. Nur weil einige Herren aus Industrie und Wirtschaft, in ihrer evolutionären Entwicklung stehen geblieben sind und ihrer Profitgier freien Lauf ließen.
    Konsequenz, weg mit diesen überflüssigen und gefährlichen- Atom-Dinosauriern.-

    Danke Greenpeace für diese super Aktion !
    Grüße
    Andrew

    29.6.2009 um 11:37 Uhr · Antworten

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