Atomkraft – eine todsichere Sache

03. Juli 2009 · von Benjamin Borgerding

Sicherheit. Ein schönes Wort. Der Duden definiert es als „Zustand des Sicherseins, Geschütztseins“. Mal wünscht man sich mehr, mal weniger Sicherheit. Von einem beschädigten Brieftaubenschlag in Nachbars Dachboden etwa geht keine große Gefahr aus. Wenn man allerdings Nachbar eines Atomkraftwerkes ist, wünscht man sich nicht bloß das höchstmögliche Maß an Sicherheit, sondern hundertprozentige Sicherheit. Und womit? Mit Recht.

Gestern nun wurde wieder einmal eindrucksvoll widerlegt, dass nicht nur keine hundertprozentige Sicherheit von AKW gewährleistet werden kann, sondern ausgerechnet hier Zustände wie in einem Taubenschlag herrschen. Pünktlich zum fünfzigsten Geburtstag des Atomforums kam es wieder einmal zu einem Zwischenfall im Atomkraftwerk Krümmel. Eine Turbine musste heruntergefahren und die Leistung – nach Angaben des Betreibers Vattenfall – auf 25 Prozent gedrosselt werden.

Nur der aktuellste Zwischenfall in einer Reihe von 5700 Pannen in deutschen Atomanlagen in den letzten 50 Jahren. Die meisten dieser Pannen wirken geradezu harmlos, wenn das Szenario eintreten sollte, über das zeo2 berichtet, das Umweltmagazin der Deutschen Umwelthilfe. Zusammengefasst:

Seit 17 Jahren fürchten Experten, dass zerstörtes Dichtungs- und Dämmmaterial nach einem Leck im Kühlkreislauf eines Atomkraftwerks die zuverlässige Kühlung des Reaktors verhindert – Das Problem hat das Potenzial zum Supergau.

Zeo2 führt aus, dass seit nunmehr siebzehn Jahren – seit einem Unfall im schwedischen Siedewasserreaktor Barsebäck am 28. Juli 1992  – Experten an einer Lösung des Problems tüfteln. Das Ergebnis: Bei Simulationsversuchen mit neuem Reaktor-Design würde das Problem

aus dem Reaktorsumpf in den Reaktor selbst verlagert … Dort, so das Ergebnis, würde sich aus feinem Fasermaterial und Korrosionsprodukten im Kühlkreislauf ein immer dichterer Filz auf bestimmten Strukturen im Reaktorkern bilden und eine ausreichende Kernkühlung verhindern.

Ja, richtig gelesen: Betroffen wäre nach den ergriffenen Maßnahmen das Herz eines Atomkraftwerks, der Reaktorkern. Klassisches Verschlimmbessern also – mit Betonung auf schlimm. Die Reaktorsicherheitskommission und die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit haben nacheinander bestätigt, dass die Gefahr bei einem Leck im Kühlkreislauf weiterhin besteht.

Bleibt festzuhalten. Wir befinden uns definitiv nicht in einem Zustand des Sicherseins.

Kommentare

  • N.Brendler

    Der Störfall betraf einen der Eigenbedarfstransformatoren der Anlage (von denen es im Übrigen mehr als einen gibt) und um eine hundertprozentige Sicherheit zu garantieren wurde, als reine Schutzmaßnahme, die Turbine heruntergefahren.
    Der Ausfall eines dieser Transformatoren stellt keinerlei sicherheitstechnisches Risiko da, die Abschaltung der Turbine war somit eine reine Standartprozedur.

    Ich gratuliere ihnen allerdings zu ihrer geschickten Formulieren die den ein und anderen Leser bestimmt denken lassen wird das eine einzige Taube schon eine Risiko für Sicherheit einer kerntechnischen Anlage darstellt.

    03.7.2009 um 18:00 Uhr · Antworten

  • Florian Pithan

    @N.Brendler:
    Ich verstehe Ihre Aussage nicht ganz. Es ist doch in der Fachwelt unumstritten, das ein Szenario wie dargestellt (großer Kühlwasserverlust, Ansaugen über Pumpemsumpf) zu großen Problemen wegen der Fasern der Isolierung führen kann. Dies kann zu einem Versagen der Notkühlung und damit zur Kernschmelze führen.
    Soll man das “sicher” nennen?

    04.7.2009 um 02:02 Uhr · Antworten

  • N.Brendler

    Sehr geehrter Herr Pithan,
    vielleicht verstehen sie meine Aussage nicht weil ich zu dem von ihnen angesprochenem Punkt keinerlei Aussage gemacht habe. Genauso wie der Schreiber des Artikels verbinden sie zwei ganz unterschiedliche Punkte miteinander die in keinem direkten Bezug stehen. Es geht in dem obigen Artikel um die neueste Abschaltung von Krümmel UND den von zeo2 geäußertem möglichen Szenario.
    Ich habe mich nur zu dem ersten Punkt, die angebliche Gefährdung durch eine Taube geäußert, da mir zu dem zweiten Punkt das nötige Wissen fehlt um eine fachlich fundierte Aussage zu treffen (etwas an dem sich viele hier ein Beispiel nehmen sollten).

    04.7.2009 um 09:29 Uhr · Antworten

  • M.K.

    Sicherheit was ist das??? Ich selber weder Freund noch Feind von AKWs, weil vieles zwei Seiten im Leben hat. Strom will jeder haben, und das irgendwie günstig.
    Es gibt auch andere, die den Strom nutzen, die schauen drauf wie er produziert wird.
    Ach ja Sicherheit… Vom Taubenschlag geht keine Gefahr aus??? Ansichtssache, vielleicht haben die Tauben die Vogelgrippe. Und dann…… weggespert gehören sie und am Besten noch abgeschaltet, entschuldigung entsorgt, wieder falsches Wort.
    Jeder ist um Sicherheit besorgt, aber die absolute Sicherheit wird es nicht geben.
    Ich finds aber gut, dass was Greenpeace macht, aber auch was die Stromproduzenten machen, können beide voneinander lernen.

    04.7.2009 um 22:37 Uhr · Antworten

  • M.K.

    Nur ein Paradoxum versteh ich nicht, man bringt als Vergleich, dass von einem beschädigten Brieftaubenschlag keine Gefahr ausgeht und zur gleichen Zeit schreibt man, dass bei AKWs Zustände wie in einem Taubenschlag herrschen?????????

    04.7.2009 um 23:34 Uhr · Antworten

  • N. Lang

    Die ganze Diskussion um AKW hat sich bei mir schon lang erledigt, aus betriebswirtschaftlicher und ökonomischer Sicht ist für mich ein Abschalten aller AKW – so wie es Greenpeace verlangt – nicht möglich. “Öko”-Strom ist vielfach teurer als “Atom”-Strom, und dabei wird bspw. der Bau von Windrädern etc noch kräftig staatlich subventioniert. Es ist außerdem engstirnig, wenn man nur die Kosten auf der Stromrechnung jedes einzelnen Verbrauchers betrachtet. Wer hat schon mal die Stromkosten für Stahlwerke etc. angeschaut? Da machen ein oder zwei Eurocent pro Kilowattstunde einen gewaltigen Unterschied in der Kostenabrechnung! Und dabei beträgt der Unterschied zwischen Atom-Strom und Öko-Strom nicht einmal 1 oder 2 Eurocent, sondern liegt um ein Vielfaches höher. Letztenendes bedeuten das wieder Verteuerungen von Konsum-Gütern etc.. Die Forschung braucht mehr Geld, um sich irgendwelche Geräte anzuschaffen usw.. Also zurück in die Steinzeit.
    Bezüglich des Artikels: Man muss nicht aus jeder Mücke einen Elefanten machen. Und die ganzen Metaphern über Vögel etc. sind doch irgendwie bullshit. Macht mal Nägel mit Köpfen. Ein kurzzeitiges herunterfahren eines Reaktors ist bspw. kein Weltuntergang und bedeutet auch nicht diesen. Trotz alledem muss Ich zustimmen, dass Atomkraft nicht DIE Lösung ist, aber sie ist derzeit – allein aus Kostengründen – die beste Lösung. Solar- und Windkrafttechnik steckt noch in den Kinderschuhen und sollte die Möglichkeit zur Weiterentwicklung haben, ist aber derzeit bei weitem keine brauchbare Lösung. Das sollte doch auch jedem grünen Freund klar sein.
    Damit: hört auf die ATK so zu verunglimpfen, findet ersteinmal selbst eine brauchbare und verwirklichbare Lösung!

    05.7.2009 um 11:21 Uhr · Antworten

  • Simon Brücken

    Die Erneuerbaren Energien stecken nicht in Kinderschuhen, sie haben das potential einer Vollversorgung (s. aktuell desertec oder kombikraftwerke bzw. virtuelle Kraftwerke…). Bis zur Preisparität ist es auch gar nicht mehr lange hin, zumal diese Kostenrechnungen zugunsten von Kohle und Uran meist ohnehin sehr kurzfristig angelegt sind. Wir brauchen einfach keine Energieerzeugung, die künftigen Generationen problematische Abfälle (Atommüll/CO2) und letztlich Folge- und Anpassungskosten hinterlässt.
    Sicher können wir nicht von heute auf morgen aus Uran- und Kohleverstromung aussteigen, aber wir können ohne Probleme (auch ohne Stromimporte) die sieben ältesten (und somit gefährlichsten) Atommeiler sofort vom Netz nehmen und müssen den unnötigen Neubau von Atom- und Kohlekraftwerken verhindern. Gerade letztere erschweren die brauchbare und verwirklichbare Lösung weil sie schlecht regelbar sind: Die Zukunft gehört den Erneuerbaren Energien, die mit dem Potential zu einer neuen Leitindustrie (ähnl. der Autowirtschaft derzeit) neue Jobs und weitere Innovationen und Investitionen schaffen können.

    05.7.2009 um 16:40 Uhr · Antworten

    • Norbert

      @simon: Ich stimme dir natürlich in einigen Punkten zu, aber… erneuerbare Energien (siehe Wind und Sonne) sind sehr “unsicher”. Was passiert bei längerer Windstille oder Bewölkung? Es gibt – nach meinem Erkenntnisstand – noch keine Energiespeicher die längere Zeit große Massen an Energie halten können, geschweige denn ohne Energieverluste diese halten können. Eine Versorgung Deutschlands ausschließlich durch erneuerbare Energien ist derzeit und auch in naher Zukunft einfach nicht möglich.
      Beispiel “Desertec”: Wie hoch sind die Bausummen? Wie wirkt sich das auf die Strompreise aus? Wer garantiert für die Sicherheit einer derart großen Anlage? Wird jede Kilowattstd. zusätzlich von den “Quellstaaten” versteuert? Wird der jeweilige “Quellstaat”wirklich Vorteile darausziehen? Grenzt das nicht schon an Koloniealisierung? Eine solche Fragenkette lässt sich schier ins unendliche fortsetzen. Das sollte jedem klar sein. Meine Bitte an die Leute von Greenpeace: Findet Lösungen und träumt nicht vor euch her, es scheint schon fast so zu sein, als tragt ihr eine rosa Brille, und alles was ein bißchen nach Öko aussieht wird, wird lauthals propagiert und positiv bewertet.

      08.7.2009 um 22:06 Uhr · Antworten

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