Angies Märchenstunde

24. August 2009 · von Tobias Staufenberg

Bei CDU-TV beantwortet Angela Merkel heute unter dem Motto „Frag Angie“ zehn Fragen, die ihr über das Internet gestellt wurden. Bei Frage Nr. 4 geht es um die Atomenergie:

Frau Bundeskanzlerin, keines der deutschen Atomkraftwerke würde einem gezielten Absturz eines Passagierflugzeuges standhalten, der Leid und Tod für Tausende oder gar Millionen von Bundesbürgern bringen würde. Wie können Sie es angesichts dieser Tatsache verantworten, eine Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken zu fordern?

Schauen wir uns Merkels Antwort doch mal im Detail an:

Unsere Kernkraftwerke gehören, gemessen an den internationalen Standards, zu den Sichersten.

Diese „sichersten“ Kraftwerke hatten 5.700 dokumentierte Pannen in 50 Jahren. Und die internationalen Standards sind zudem recht vage und unverbindlich. So laufen auch heute noch Reaktoren vom Typ Tschernobyl in Litauen und Russland, ohne dass die Internationale Atomenergieorganisation (IAEA) etwas dagegen hätte. Dagegen gibt es in Europa mittlerweile Sicherheitsbestimmungen, die ein neu zu errichtendes AKW erfüllen muss (EUR – European Utility Requirements). Fakt ist: Kein einziges deutsches Atomkraftwerk erfüllt diese Anforderungen, die nach den Unfällen von Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986) heraufgesetzt wurden. Vorher hielt man eine Kernschmelze schlicht für so unwahrscheinlich, dass es keine Sicherheitsanforderungen bezüglich ihrer Eindämmung gab!
Und ähnlich verhält es sich mit der Sicherheit gegenüber Terroranschlägen. Auch die – wenig atomkritische – Internationale Länderkommission Kernkraft (ILK) hat in einem Gutachten ermittelt, dass nur drei der deutschen Anlagen überhaupt eine gewisse Chance hätten, dem Absturz eines Passagierflugzeuges stand zu halten. Das Gutachten wurde übrigens als zu brisant für die Öffentlichkeit eingestuft und unter Verschluss gehalten
Da fragt man sich doch, ob wenigstens die Maßnahmen ausreichend sind, um den Aufprall eines Flugzeuges auf ein AKW zu verhindern?

Wir haben in einer Kombination aus Schutzmaßnahmen, die die Kernkraftwerke verabredet haben, vom Boden her, von der Luft her, wirklich gute Vorkehrungen getroffen.

Frau Merkel kann damit nur das Konzept des Verbandes der Großkraftwerksbetreiber (VGB) meinen: durch den Einsatz von Vernebelungsanlagen soll die Treffergenauigkeit eines Flugzeugangriffs verringert werden – das Kraftwerk geht quasi in Rauch auf. Zusätzlich sollen satellitengestützten Navigationssysteme gestört und als letzte Konsequenz das Flugzeug vom Militär abgeschossen werden.
Zu dumm nur, dass die GPS-Störung mittlerweile als unwirksam gilt und das Bundesverfassungsgericht den Abschuss von entführten Zivilmaschinen für nicht verfassungskonform hält. Ein Politiker, der dies umsetzt, bricht seinen Eid auf die Verfassung!
Und wirklich getroffen wurden bisher kaum Vorkehrungen: Vernebelungsanlagen existieren nur an den zwei AKW-Standorten Grohnde und Biblis. Zwar wurden die Sicherheitsmaßnahmen an Flughäfen und in Flugzeugen verschärft, doch dies gilt weder für alle Flughäfen noch für alle Airlines der Welt. Im Gegenteil: Selbst in der EU obliegt die Prävention illegaler Handlungen im Zusammenhang mit dem Flugverkehr den einzelnen Mitgliedsstaaten.

Wir haben immer mitgearbeitet an der Entwicklung auch neuer Kernkraftwerke, die noch sicherer sind, die werden jetzt zum Teil in Europa schon gebaut. Und meine Sorge ist, wenn wir das nicht als Brückentechnologie – ich will das nicht für ewig, aber ich glaube, wir brauchen’s noch für eine bestimmte Zeit – wenn wir’s nicht als Brückentechnologie auch für unser Land nutzen, dass wir dann auch auf die Einhaltung internationaler Sicherheitsstandards nicht den richtigen Einfluss haben – so wie ich ihn mir wünsche.

Würde nicht gerade die Abschaltung unsicherer, alter Meiler die Forderung nach scharfen Sicherheitsbestimmungen glaubhaft vertreten?

Wer selber etwas nicht anwendet, kann anderen keine guten Ratschläge geben.

Na klar, als ob ein Arzt selbst Lepra haben müsste um einen Leprakranken richtig zu behandeln?!

Und es gibt so viele Länder, die jetzt neue Kernkraftwerke bauen, nicht nur in Europa – Finnland und Frankreich zum Beispiel,…

Das war´s auch schon mit den Neubauten.

…die Schweden haben ihre Kernkraftwerke modernisiert, Italien will bauen, Großbritannien will neue Kraftwerke bauen – sondern auch Entwicklungsländer, Schwellenländer, und da ist es wichtig, einheitliche Sicherheitsstandards zu haben…

Richtig, und die müssen scharf genug sein, um unsichere AKW vom Netz zu nehmen.

…und ich möchte, dass Deutschland dabei mitreden kann.

Was es ja trotz allem auch kann und soll.

Trotz der anstehenden Bundestagswahl hätte man von Angela Merkel durchaus eine Antwort abseits von stumpfem Wahlkampfgetöse erwarten dürfen. Schließlich ist sie immer noch Bundeskanzlerin und als solche für die Sicherheit aller Bundesbürger verantwortlich. Fragt sich, ob dazu auch die Sicherung der Finanzströme der Atomindustrie zählt?

Kommentare

  • Gast

    Bezeichnet Ihr hier einfach gängige Vorurteile als Fakten, oder könnt ihr die auch begründen? Wenn Ihr schon andeutet, dass Merkels Aussagen gelogen wären, solltet Ihr wenigstens versuchen, euch differrenziert mit dem Thema auseinanderzusetzen und Quellen angeben. Sonst verliert Ihr einfach nur an Glaubhaftigkeit.

    Von diesen 5.700 “Pannen” gehörten über 99% der Alarmstufe 0 an. Dh. ohne Sicherheitstechnische Bedeutung! Sie waren noch nicht einmal meldepflichtig. Sie wurden aber trotzdem zur besseren Transparenz bekannt gegeben. In der Geschichte der Kernkraft in Deutschland hat es insgesamt nur 3 Mal die Alarmstufe 2 gegeben (in Biblis zB. noch nie). Bei Alarmstufe 2 kommt es aber längst nicht zu einer Freisetzung der von Radioaktivität, dh es bestand in Deutschland noch NIE ansatzweise eine Gefahr für Mensch und Umwelt durch Kernkrfaftwerke.
    (nachzulesen bei der IAEA)
    Wenn dieses Schreiben von der ILK unter Verschluss gehalten wird, wie seid Ihr dann daran gekommen? Auch eine “Märchenstunde”?

    In deutschen Kernkraftwerken besteht aufgrund der Bauweise(!) keine Gefahr durch Flugzeugabstürze. Dies liegt nicht an irgendwelchen Vernebelungsmöglichkeiten sondern am Mehrbarrieren-Konzept und räumlicher Trennung der Sicherheitssysteme.
    Behauptet zumindest der BDI

    “Würde nicht gerade die Abschaltung unsicherer, alter Meiler die Forderung nach scharfen Sicherheitsbestimmungen glaubhaft vertreten?”
    Genau das will Frau Merkel doch in Osteuropa erreichen!

    “Na klar, als ob ein Arzt selbst Lepra haben müsste um einen Leprakranken richtig zu behandeln?!”
    Würdet ihr mit Lepra zu einem Zahnarzt gehen?
    Man muss sich schon ernsthaft mit Dingen beschäftigen, bevor man anderen Ratschläge geben kann…

    “Das war´s auch schon mit den Neubauten.”
    Falsch! Ansonsten zB. in Polen, in der Ukraine in Tschechien, in Rumänien…

    “Richtig, und die müssen scharf genug sein, um unsichere AKW vom Netz zu nehmen.”
    Genau das will die deutsche Politik erreichen.

    “Was es ja trotz allem auch kann und soll.”
    In diesem Punkt muss ich Euch Recht geben

    26.8.2009 um 09:33 Uhr · Antworten

    • Gast

      mir ist ein Tippfehler unterlaufen:
      Die Aussage zur sicheren Bauweise stammt natürlich vom VDI
      (http://www.vdi.de/fileadmin/vdi_de/redakteur_dateien/get_dateien/Sicherheitstechnische-Auslegung-KTA.pdf)

      26.8.2009 um 09:37 Uhr · Antworten

    • Tobias Staufenberg

      Im AKW Biblis fand im Dezember 1987 ein Ereignis der Stufe 1 statt auf der INES-Skala statt: 107 Liter kontaminiertes Primärkühlmittel traten aus.
      Die Knallgasexplosion im AKW Brunsbüttel im Dezember 2001 wurde vom Betreiber Vattenfall als nicht-meldepflichtig interpretiert. Und das obwohl Kühlmittel austrat und ein solches Ereignis im Ernstfall zur Kernschmelze führen kann.
      Du siehst also, dass eine niedrige Einstufung von Ereignissen nicht zwangsläufig etwas über deren Sicherheitsrelevanz aussagt (und, dass es in Deutschland sehr wohl schon zur Freisetzung von Radioaktivität kam). Stillstehende Reaktoren bedeuten massive Verluste für die Betreiber und so werden bedenkliche Ereignisse auch gerne mal runtergeredet.
      Übrigens stehen nicht nur in Osteuropa unsichere Atommeiler. Ich sag nur Krümmel…
      Was die VDI-Studie angeht: diese wurde nur zwei Monate nach dem 11.9.2001 veröffentlicht und geht scheinbar auf dieses Ereignis zurück. Da du offensichtlich einen wissenschaftlichen Hintergrund hast, wirst du mir wohl zustimmen, dass zwei Monate nicht viel Zeit sind, um eine eingehende Prüfung aller kerntechnischer Anlagen vorzunehmen. Da finde ich die ILK-Studie dann doch etwas verlässlicher, da diese immerhin über ein Jahr Bearbeitungszeit hatte.

      26.8.2009 um 11:54 Uhr · Antworten

  • Gast

    Laut der IAEA war in beiden Fällen die Menge an auslaufendem Kühlwasser unbedenklich und es bestand nie eine Gefahr der Kernschmelzung.
    Ob das stimmt, oder ob da irgendwelche Verschwörungen laufen, weiß ich nicht.
    Ich habe aber den Eindruck, dass mit Eurer Seite in erster Linie Panik verbreitet werden soll. Oder werden die anderen 5.698 gemeldeten Vorfälle von Euch ebenfalls als “schwerwiegend” bezeichnet? Aussagen wie “Na klar, als ob ein Arzt selbst Lepra haben müsste um einen Leprakranken richtig zu behandeln?!” machen diese Seite nicht gerade glaubhafter, da sie sich auf demselben Niveau bewegen, wie Berichte der BILD-Zeitung.
    Was diese Studie der ILK betrifft, glaube ich jedenfalls nicht an Verschwörungstheorien. Ich habe jedenfalls Probleme, mir vorszustellen, dass eine solche Studie von der Regierung verheimlicht wird. Der (zugegebenermaßen nur indirekten) Bitte, Quellen für diese Studie anzugeben, bist Du bisher nicht nachgekommen. Solange Du das nicht tust, glaube ich weiterhin der Studie des VDI. Deine Vermutung, dass diese Studie nur 2 Monate beanspruchte, ist natürlich gut möglich. Es ist jedoch auch möglich, dass lediglich die Einleitung den aktuellen Ereignissen angepasst wurde. Aber auch einer 2 monatigen Studie vertraue ich mehr, als einer, bei der ich noch nicht mal sicher sein kann, dass diese existiert. Was die Studie des VDI für mich aber sehr glaubhaft macht, ist dass sie sich selbst kritisch mit diesem Thema auseinandersetzt.
    Was Krümmel betrifft, so wurde dort sehr viel von der Presse verdreht oder hochgespielt. Aber das betrifft andere Kernkraftwerke genauso: ZB. wurde auch Biblis eine unzureichende Problemmedung vorgeworfen – obwohl diese nachweislich rechtzeitig an die entsprechenden Behörden gegangen ist.
    Ich bin selbst kein Freund der Kernenergie (insbesondere was die Endlagerung betrifft), auch wenn ich der Auffassung bin, dass wir derzeit von ihr abhängig sind.
    Trotzdem sollte man sich objektiv mit diesen Themen auseinandersetzen und sich dabei auf Fakten berufen.

    26.8.2009 um 15:50 Uhr · Antworten

    • Tobias Staufenberg

      Lieber “Gast”:
      Das Dokument findest du auf der Homepage des Nachrichtenmagazins Frontal21. (Link entfernt, da Seite nicht mehr online.)
      Ich hoffe, damit deinem Aufruf nach Fakten und Transparenz nachgekommen zu sein. Vielleicht könntest Du im Gegenzug in Zukunft auch ein wenig mehr Transparenz zeigen und wenigstens offen dazu stehen, dass du RWE-Mitarbeiter bist? Das sagt zumindest deine IP-Adresse…
      Es ist ja nicht so, dass wir hier keine anderen Meinungen wollen, aber Offenheit und Transparenz gehören zu einem fairen Diskurs.
      Beste Grüße von der Elbe nach Essen!
      Tobias

      26.8.2009 um 16:44 Uhr · Antworten

      • Gast

        ich bin kein RWE-Mitarbeiter.
        Ich schreibe aber derzeit meine Diplomarbeit bei RWE, von daher bin ich tatsächlich öfters mal über RWE im Internet. Eon und EnBW sind mir durch diverse Praktika aber ebenfalls sehr gut bekannt.
        Aber macht das denn irgendeinen Unterschied?
        Dadurch ist mir jedenfalls die Problematik, die erneuerbare Energien mit sich bringen durchaus bewusst. Dadurch weiß ich auch, dass die großen Energiekonzerne seltsamerweise keine geldgierigen Monster sind, denen abgesehen von Profit alles egal ist – so wie sie hier dargestellt werden.
        Ich habe eines der Probleme von erneuerbaren Energien sehr vereinfacht im Blog “Es gibt keine Stromlücke” beschrieben. Wie ist denn die Auffassung von Greenpeace zum Thema Regelenergie?
        Was das Thema Kernkraftwerke betrifft, habe ich immernoch meine Skepsis, dass die Regierung irgendwelche offensichtlichen Gefahren verheimlicht. Aber sollte das Ganze wie im Bericht beschrieben tatsächlich vor Gericht gehen, sollte man wenigstens davon ausgehen können, dass wirkliche Fakten auf den Tisch kommen

        26.8.2009 um 22:39 Uhr

  • Tobias Staufenberg

    Nanana, Frau Merkel.
    Man muss doch nicht gleich ausfallend werden.
    Hier gibt´s übrigens auch eine Netiquette. Bitte dran halten, dann haben wir alle Freude an diesem Blog. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass hier keine gegenteiligen Meinungen geduldet sind, ganz im Gegenteil, wir wollen hier Diskurs. Aber doch bitte fair und freundlich.
    Beste Grüße,

    Tobias

    25.8.2009 um 18:05 Uhr · Antworten

  • Jan Haase

    Anmerkung der Blog-Administration:
    Tobias Staufenberg bezieht sich auf zwei Kommentare, die in der Zwischenzeit von uns wegen beleidigendem Inhalt und klarem Verstoß gegen die Netiquette entfernt wurden.
    Die betroffenen Autoren sind herzlich eingeladen, sich in einer der Netiquette entsprechenden Form weiter an den Diskussionen im Blog zu beteiligen.

    25.8.2009 um 19:10 Uhr · Antworten

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