Immer wieder war ich in den letzen Tagen auf dem Helheim-Gletscher bzw. am Rande des Gletschers und konnte auf ihn schauen. Er ist stark zerklüftet und wälzt sich wie eine riesige Lawine aus Eis in den Fjord. Dem Auge ist es unmöglich, das Ende des Gletschers zu bestimmen.
Gordon Hamilton und sein Kollege werden vom Helikopter auf dem Gletscher abgesetzt, um seine installierten GPS-Sender einzusammeln und neue zu installieren. Die GPS-Sender liefern Daten über die Gletscherbewegung, genau wie die vor wenigen Wochen auf dem Petermann-Gletscher installierten Geräte. Der Helheim Gletscher “wandert” mittlerweile 30 Meter am Tag und mit ihm bewegen sich die GPS-Geräte. Schaut man sich diese zerklüftete Masse Eis an, kann man sich kaum vorstellen, dass die Geräte nicht alle in den tiefen Spalten verschwunden sind. Doch Gordon hat Glück: Er findet alle Sender wieder.
An Bord der “Arctic Sunrise” werden parallel die ozeanographischen Messungen weiter durchgeführt. Sie ermöglichen den Forschern Rückschlüsse auf die Interaktionen zwischen den Veränderungen der Gletscher und dem Meerwasser. Dazu gehören die CTD-Messungen (conductivity, temperature, depth) ebenso wie die “Moorings”, die Fiamma Straneo und Kollegen ins Wasser lassen. Die Moorings bestehen aus Messsonden, die an Bojen mit einem Anker befestigt sind. Diese Geräte messen ebenso wie die CTD Temperatur, Salinität und Strömung. Aber während eine CTD-Messung “nur” aktuelle Daten zum Zeitpunkt der Probenahme liefert, bleibt der Mooring ein bis zwei Jahre im Fjord und nimmt dauerhaft Daten auf. So bekommen die Wisschaftler einen gesamten Jahresverlauf an Daten und genau der ist wichtig, um das Klimasystem zu verstehen. Langzeitmessungen sind bisher selten und so setzen wir insgesamt fünf Moorings im Sermilik-Fjord aus.
Am Nachmittag sind wir an unserem Eis-Limit angekommen: Weiter hinein in den Fjord können wir nicht. Das Eis ist zu dicht. Der Helheim-Gletscher liegt in voller Breite vor uns. Es ist eine wunderbare Aussicht. Ich helfe Ruth, einer Kollegin von Fiamma, bei den CTD-Messungen und sie gibt mir Wasserproben von der Oberfläche und aus 400 Metern Tiefe zum Schmecken. Und tatsächlich – man schmeckt den Unterschied: Das Wasser von der Oberfläche ist weniger salzig und schmeckt frischer (mehr Sauerstoff). Dieser Test kippt die Zweifel über Bord, ob die Wissenschaftler aus der “simplen” Messung von Temperatur, Salzgehalt und Sauerstoff Rückschlüsse auf die Herkunft des Wassers ziehen können.
Neben dem wissenschaftlichen Programm haben wir die letzten Tage zahlreiche Journalisten aus England, Deutschland, Indien, USA und Frankreich an Bord. Sie wollen über unsere Arbeit und die Forschung der Wissenschaftler berichten. Diese Berichterstattung ist wichtig für uns, denn sie findet das Auge und Ohr der Politiker und Öffentlichkeit. Und so werden die Politiker hoffentlich endlich verstehen, dass es keine Zeit mehr zu verlieren gibt. Der Klimagipfel in Kopenhagen nähert sich unaufhörlich. Er ist unsere letzte Chance, den Klimawandel zu begrenzen.
Und doch war die letzte Vorbereitungskonferenz in Bonn Mitte August erneut wenig erfolgreich. Auch Deutschland scheint seine selbstgesteckten Klimaziele nicht ernst zu nehmen, schaut man in die neue Greenpeace-Studie. Sie erscheint Donnerstag. Der Spiegel hat eine Vorabfassung erhalten und einen Artikel dazu veröffentlicht. Danach wird die Bundesregierung ihre selbstgesteckten Ziele zur Verminderung des Kohlendioxidausstoßes nicht erreichen. Zu viele Umweltmaßnahmen des Klimaschutzpakets von Meseburg 2007 sind ausgeklammert oder von Lobbyverbänden verwässert worden.
So sind die Tage vollgepackt mit Arbeit und müssen gut geplant sein, um alles unter einen Hut zu bringen. Wir beginnen meist um fünf Uhr morgens und fallen um zehn am Abend müde ins Bett. Unser Glück: das Wetter spielt mit und hell ist es hier nahezu den ganzen Tag. Zudem werden wir gegen Mittag mit einem Ruf von der Brücke: “Whales on the starbord side of the bow” (Wale Steuerbord am Schiffsbug) belohnt: Drei Buckelwale ziehen gemächlich an der Wasseroberfläche entlang und lassen sich durch uns nicht stören.
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[...] ihre Untersuchungen führen sie zum einen die uns wohl bekannten CTDs (= conductivity, temperature, depth) durch, dass heißt sie messen Temperatur, Salzgehalt und [...]