25 Kilometer bis Gorleben

29. August 2009 · von Mathias Edler

Auch wenn man gewöhnt ist, den ganzen Tag auf dem Trecker zu sitzen: Schon auf der einstündigen Fahrt nach Gorleben ist mir klar, dass unsere Protest-Tour nicht nur Spaß wird. Aber wir machen das auch nicht (nur) zum Spaß. Wir wollen nach Berlin. Aus dem Wendland in Nordost-Niedersachsen, einem bis heute abgelegenen Winkel der Republik, der keinen weiter interessiert. Außer wenn Atommüll ins Zwischenlager Gorleben rollt. Und genau deswegen fahren wir nach Berlin.

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Mathias Edler auf seinem Trecker

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Mathias Edler auf seinem Trecker

Wir, das sind als Keimzelle vor allem Landwirte aus dem Wendland. Mittlerweile die dritte Generation, die gegen die Atomanlagen in Gorleben kämpft. Aber mitkommen kann jeder – mit Trecker, Fahrrad oder Wohnmobil. Wir fahren langsam aber sicher zur bundesweiten Anti-Atom-Demo am 5. September vor dem Brandenburger Tor und auf dem Weg wollen wir die anderen Regionen besuchen, denen es genauso geht wie uns: Asse bei Wolfenbüttel, Schacht Konrad bei Salzgitter und Morsleben bei Helmstedt.

Überall hat man den Leuten ein Endlager für Atommüll vor die Tür gesetzt oder plant, dies in Zukunft zu tun. 100.000 Jahre sicher – da waren sich alle “Experten” immer einig. Seit ein paar Jahren ist sogar von 1 Million Jahren die Rede. Weil der Müll so lange tödlich strahlt. Zeiträume, für die weder Landwirte noch Geologen ein Gefühl haben. Aber Landwirte vielleicht noch am ehesten. Der heute so inflationär gebrauchte Begriff der Nachhaltigkeit stammt aus der Land- und Forstwirtschaft. Bauern haben immer mit einem Blick über den nächsten Tag hinaus gewirtschaftet. Das Land und der Wald sollte noch viele Generationen später die Familie ernähren. Der Atommüll wird dies noch viele Generationen später unmöglich machen. Weil die radioaktiven Giftstoffe über das Grundwasser unser Land verseuchen. Wann? In der Asse hat die Sicherheit keine 30 Jahre angehalten. In Morsleben auch nicht. In Gorleben und Schacht Konrad sind die gleichen “Experten” am Werk, die uns Normalmenschen Sicherheit in Zeiträumen vorgaukeln, die absurd sind. Sie belügen und betrügen uns. In Gorleben seit 30 Jahren.

Schwarz-Gelb will den Gorlebener Salzstock nach der Bundestagswahl als Endlager in Betrieb nehmen. Die AKW, die den Müll produzieren, sollen noch länger laufen als geplant. Unsere Chancen, das zu verhindern, stehen vielleicht nicht gut. Aber das war schon häufig so in der langen Geschichte der Anti-AKW-Bewegung. Was hätten sie alles gebaut und gemacht, wenn wir nicht protestiert hätten?

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Mathias Edler, Atomkraftgegner und Wendländer

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Mathias Edler, Atomkraftgegner und Wendländer

Neben mir fahren jetzt Jungen und Mädchen, die gerade 18 Jahre alt sind. Sie machen das weiter, was ihre Eltern schon getan haben. Der Atomindustrie zeigen, dass wir nicht die dummen Landeier sind, mit denen sie alles machen können. Und wer weiß: Wenn wir viele in Berlin werden, dann haben wir eine Chance. Wie vor genau 30 Jahren, als es um die Pläne für eine Wiederaufarbeitungsanlage im Gorlebener Forst ging. Fast alle der Älteren hier auf dem Trecker waren damals dabei, als erst nur 15 Traktoren aus Protest nach Hannover rollten und dann die Nachricht vom Reaktorunfall in Harrisburg/USA die Republik erschütterte. Als letztendlich 300 Traktoren von über 100.000 Menschen in Hannover empfangen wurden, waren die WAA-Pläne “politisch nicht mehr durchsetzbar”, wie sich der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht ausdrückte. Diese Gedanken schießen mir auf dem Weg nach Gorleben zur Verabschiedung des Trecks durch den Kopf.

Es sind 25 km von zu Hause bis nach Gorleben. Wieviele werden dort sein? Es ist Erntezeit. Vor allem Kartoffeln. Bauern arbeiten dann 16 Stunden am Tag oder mehr. Auch am Wochenende. Eigentlich hat keiner auch nur eine Minute Zeit. Als ich um die Ecke zur Endlagerbaustelle biege, bin ich schon in einem langen Zug von Traktoren, die aus allen Himmelsrichtungen anrollen. Der Hammer! Die Bäuerliche Notgemeinschaft schätzt den Zug auf 120 Trecker plus LKWs, wie den von Greenpeace mit der Castorattrappe oder einer von Greenpeace Energy. Sind es 1000 Menschen oder mehr? Ich weiß es nicht. Fest steht: Mit soviel Leuten und Schleppern hat keiner hier mitten im Gorlebener Wald zur Verabschiedung des langen Anti-AtomTrecks gerechnet. Jedes Fahrzeug wird einzeln bejubelt und mit guten Wünschen überschüttet.

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Fürs Blog schreiben am Trecker

(c) Daniel Müller / Greenpeace - Fürs Blog schreiben am Trecker

Es hat viele Situationen gegeben, die mir immer wieder die Tränen in die Augen treiben: Wenn alte Leute Demonstranten mit selbstgeschmierten Broten versorgen oder Menschen ihre ganze Existenz aufs Spiel setzen, wenn sie ihre teuren Traktoren dem Castor in den Weg stellen. Dies ist wieder so eine Situation. Ein Meer von Protestfahnen und Menschen, die alles zu Hause oder auf der Arbeit haben stehen und liegen lassen, nur um hier zu sein. Viele kennen sich seit Jahren oder Jahrzehnten. Viele sieht man nur einmal im Jahr, wenn’s drauf ankommt. Jetzt kommt’s wieder drauf an. Da die Frau, die sonst an der Supermarktkasse in Lüchow sitzt. Der Bäcker, der Dorfschullehrer, der Landarzt, ja auch der Landrat. Bei uns ist die Mehrheit im Kreistag gegen Atomkraft. Alle sind sie da und vor allem viele neue, junge Gesichter. Man gut, dass heute keine Schule ist, denn die Klassen würden nur sehr dünn besetzt sein. Unsere Kinder sind hier in Gorleben. Aus freien Stücken. Weil sie mit der Castorbedrohung aufgewachsen sind. Und weil sie wissen, dass es sich lohnt, Widerstand zu leisten. Dass die ganze “Familie” wieder beisammen ist, dass viele “Neue” dabei sind, macht mehr Mut als die Reden auf der Bühne. Wir werden es nicht zulassen, dass der Gorlebener Salzstock zum Endlager wird. Denn es gilt: Gorleben soll leben! Und wir werden auf der langen Fahrt nach Berlin zeigen: Gorleben ist überall! Die alten Slogans haben nichts an Aktualität eingebüßt.

UPDATE:

Ein Video vom Auftakt des Trecks gibt’s bei Graswurzel.tv.

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