Heute Morgen um halb neun ein Camp-Plenum: Wir müssen mit unseren Kräften haushalten! Jeden Tag von morgens bis spät abends fahren und dann noch Camp-Aufbau, das geht nicht. Dann kommen wir nicht bis Berlin. Der Zeitplan wird gestrafft.
Dann geht es nach Salzgitter. Vor dem Rathaus werden wir als erstes vom stellvertretenden Bürgermeister empfangen. Ein Zeichen, dass auch hier in der Region der Widerstand sich bis in offizielle Kreise vorgearbeitet hat. In Lüchow-Dannenberg gibt es seit Mitte der neunziger Jahre eine stabile Mehrheit im Kreistag gegen die Atomanlagen. Es gab Jahre, da haben die Kommunalpolitiker der Polizei das Befüllen ihrer Wasserwerfer aus dem kommunalen Trinkwassernetz verweigert. Auch bundesweit ist die Mehrheit der Bevölkerung seit Jahren für den Atomausstieg – ohne, dass etwas passiert. Demokratie?
Wir haben wieder bestes Wetter, die Sonne brennt. Wir haben den ganzen Vormittag immer neue Gesichter aus dem Wendland und der übrigen Republik im Treck. Immer mehr schließen sich uns an. Auf dem Weg zum Volkswagenwerk Salzgitter ist der Zug selbst zweispurig kilometerlang. VW-Arbeiter empfangen uns am Werkstor. Die IG-Metall überreicht dem Anti-Atomwiderstand einen goldenen Motor aus dem VW-Werk – damit dem Widerstand die Kraft nicht ausgeht. “Der Motor ist aus purem Gold – genauso wie die Asse dicht ist”, erklärt der Betriebsratsvorsitzende. Ingo, Hummel, VW-Arbeiter und Gewerkschafter, fährt selbst den Treck mit. Die Allianz zwischen Umweltbewegung und Gewerkschaften gibt es also wirklich. Am 5. September demonstrieren die Gewerkschafter zeitgleich mit uns in Frankfurt. Auf beiden Demos werden Grußworte der jeweils anderen Bewegung auf Großbildleinwand eingespielt.
Bei der Energiewende zieht man an einem Strang. Alle Parteien bekommen ihr Fett weg. Aber vor dem VW-Werk wird deutlich: Keiner will hier einen Wahlsieg von Schwarz-Gelb. Alle wollen die Energiewende. Alle wollen Arbeit. Die Erneuerbaren Energien haben bis jetzt schon 300.000 Arbeitsplätze geschaffen. Wieviele arbeiten in der Atomindustrie? Noch 12.000 Leute? Der Jobboom bei den Wind- und Solarfirmen würde mit einer Verlängerung der AKW-Laufzeiten zusammenbrechen. Aber es geht nicht nur um Arbeit, es geht vor allem um Sicherheit. In Salzgitter wohnen und arbeiten 30.000 Menschen direkt in der Umgebung des geplanten Atommüllendlagers Schacht Konrad. Und jeder hier kennt die Geschichte von der havarierten Atommülldeponie in der Asse. Keiner will den Schiet hier haben.
Am frühen Nachmittag geht’s zurück auf Ludwigs Acker. An der Straße über dem Camp-Platz setzen Lüchow-Dannenberger Bauern einen mitgebrachten Granitstein als Geschenk für die Bevölkerung in Salzgitter: “Strahlend Giftig Ewig” steht auf der Inschrift. Auch ein Zitat der eigenen Geschichte. Beim Urtreck vor 30 Jahren hatte man einen großen Findling in Hannover zurückgelassen – als immerwährenden Stein des Anstoßes. Jetzt lädt der Pastor von Bleckenstedt zum Kaffeetrinken in der Kirchengemeinde ein. Danach Freibier bei Germania Bleckenstedt, dem örtlichen Sportverein.
Die Mischung der Leute macht diesen Treck aus. Wie langweilig, wenn die ganze Szene hier homogen wäre. Schließlich können Hippies spießiger sein als der größte Bürgerspießer. Aber hier treffen Bauern, fahrende Zimmerleute, Freaks und Althippies aus dem Treck die Bürger in Bleckenstedt. Und jeder kann vom anderen etwas für sich mitnehmen. Die Leute sind offen und freundlich hier – egal wie jemand aussieht. Das ist einer der wenigen positiven Nebeneffekte, wenn eine Region zum Atomstandort benannt wird: Der gemeinsame Gegner baut Vorurteile in den eigenen Reihen ab. Und viele fangen an über das Thema Atomkraft hinaus nachzudenken, was alles in diesem Land schief läuft und was man selbst in seinem Alltagsleben ändern kann. Morgen geht es weiter in Richtung Wolfenbüttel, zur Asse, dem Waterloo der deutschen Atomindustrie.
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pierre
na das hört sich doch nach einer bunten demo an.
den goldenen vw-motor finde ich die beste geschichte heute
pierre
31.8.2009 um 22:12 Uhr ·
Lichtbildner
Moin zusammen
Einen guten Beitrag um die Endlagerdebatte habe ich im Deutschlandradio Kultur gehört. Hier der Link zum hören:http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=3&broadcast=348687&datum=20090831&playtime=1251720564&fileid=25f0d55a&sendung=348687&beitrag=1026209&/
und hier der Link zum nachlesen:http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1026209/
Na bis dann in Berlin, gute fahrt wünsche ich noch.
mfg
Lichtbildner
01.9.2009 um 09:53 Uhr ·
Sabine
Hey, ich bin so stolz auf euch, dass dieser Treck jetzt quer durch Deutschland rollt! Wir sind mit unserer Berliner BUND-Gruppe fleißig dabei, weiter für die Demo am Samstag zu mobilisieren. Schaut doch mal in unserem Blog vorbei.
Liebe Grüße aus der Anti-Atom-Hauptstadt
01.9.2009 um 10:48 Uhr ·
Sabine
Ach so, die Adresse ist:
http://www.kohle-nur-noch-zum-grillen.de
01.9.2009 um 10:48 Uhr ·
Eugen Meyer
Also ich finde diesen Treck nicht so gut. Wisst ihr was ein Traktor an Treibhausgasen in die Luft pustet? Bei dieser Strecke? Da bleibt die Umwelt auf der Strecke
02.9.2009 um 10:00 Uhr ·