Am Sonntag haben wir nach einer Woche Transit Nioghalvfjeds Fjorden auf 79 Grad Nord erreicht. Zunächst noch in Nebel gepackt eröffnete sich für uns am Montagmorgen um vier eine beeindruckende Landschaft. Sofort ging es los mit dem Helikopter und die ersten Messgeräte wurden ausgebracht.
Der Gletscher 79° Nord ist einer der größten Gletscher Grönlands. Er allein macht zehn Prozent der Fläche des gesamten grönlandischen Schelfeises aus. In mehreren verzweigten Fjorden “ergießt” er sich ins Meer, wobei sein Hauptast eine gigantische schwimmende Gletscherzunge ist: 35 Kilometer breit, 80 Kilometer lang und vorne an der Seeseite – der dünnsten Stelle – circa 100 Meter dick.
Die Wissenschaftler sind auch hier auf der Suche nach warmem subtropischen Wasser und vermessen die Veränderungen auf dem Eis. Noch zeigt der Gletscher keinen dramatischen Rückgang. Genau das macht ihn auf der einen Seite so interessant, denn die Daten, die die Forscher jetzt aufnehmen, sind Vergleichsdaten. Wenn der Gletscher anfängt zu schmelzen, helfen sie, die Prozesse hinter der Schmelze noch besser zu verstehen.
Der Gletscher ist zudem besonders interessant, weil er durch eine tiefe Rinne, die unterhalb des Meeresspiegles liegt, weit hinein in das grönländische Inlandeis verbunden ist. Derzeit werden Gletscher und Inlandeis durch die massive Gletscherzunge vor ihnen wie durch einen Korken stabil gehalten. Wird letztere jedoch durch steigende Temperaturen instabil und bricht sogar ab, zieht man den Korken aus der Champagnerflasche. Das Eis kann ungehindert in den Ozean strömen, so wie der Champager aus der Flasche quillt. Und dieses Eis trägt sofort zum Meerespiegelanstieg bei. Wir sind alle gespannt, ob die Forscher erste Anzeichen einer Veränderung des Gletschers sehen oder wie die Temperaturen im Wasser des Fjordes aussehen.
Aber zunächst heißt es den Tag so ausgiebig wie möglich zu nutzen, denn unsere Zeit hier ist knapp. Wir haben bei der Fahrt durch das dicke Packeis zwei Tage verloren. Das Wetter ist uns zum Glück wohlgesonnen, die Sonne scheint. Nur die Temperaturen sind deutlich in die Tiefe gegangen. Minus zehn Grad haben wir draußen und alles funktioniert nicht mehr so unproblematisch wie sonst. So arbeitet zum Beispiel die Pumpe für das Helikopterbenzin nicht mehr einwandfrei. Und Steve, unserer Kameramann, und ich hatten heute auf dem Gletscher beim Aufnehmen von Video-Statements Probleme mit dem Mikrofon und der Scharfstellung. Ganz davon abgesehen, dass man trotz diverser Kleidungsschichten – ich trage mittlerweile zwei lange Unterhosen unter meiner normalen Hose – irgendwann vor allem Nase, Fingerkuppen und Füße einfach kalt, kalt und nochmal kalt sind. Aber ebenso wie die Seekrankheit ist die Kälte nichts gegen das, was ich – meine Augen, alle Sinne – auf dem Gletscher erleben können.
Ein besonderes Erlebnis hatte ich auch am Sonntag: Wir waren mit dem Kajak unterwegs . und das auf dem 79ten Breitengrad! Eric, unser Experte hier an Bord für Polarexpeditionen, hat eine kleine Tour geführt und ich hatte Glück, dabei sein zu können. Eine besondere Perspektive, so plötzlich auf Höhe mit den Eischollen zu sein und nicht mehr auf der sicheren starken “Arctic Sunrise”. Ein toller Ausflug und schön, mal für einen kurzen Moment echte Ablenkung zu haben. Einen wirklich spürbaren Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit gibt es hier auf dem Schiff nicht. Wir wollen die Tage so gut wie möglich nutzen und so werden sie voll gepackt. Und wenn es zwischendrin Freiraum gibt, gibt es doch immer noch etwas, was erledigt werden sollte. Auf das Trimmrad schaffe ich es immerhin fast jeden zweiten Tag. Das brauche ich auch, denn sonst fehlt mir die Bewegung.
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Sarah
Trotz der ausführlichen Beschreibungen der schwierigen Verhältnisse dort würde ich am liebsten schon bald auch mal dorthin und mir von dem ganzen selbst ein Bild machen.
Bisher bin ich nichtmal bis nach Skandinavien gekommen, geschweige denn darüber hinaus
Dabei mag ich diese nördlichen Regionen der Erde 100 mal lieber als die üblichen, warmen Touristenmagneten!zu haben mich einmal in diese Richtung aufzumachen.
Sehr schöner Bericht, aber ein wenig kurz. Hätte gerne mehr erfahren!
10.9.2009 um 13:57 Uhr ·
Iris Menn
Hi Sarah, die Berichte gehen noch ein bißchen weiter, so daß Du hoffentlich noch ein bißchen länger an der schönen kalten Expedition “teilhaben” kannst. Gruß aus Spitzbergen, Iris
13.9.2009 um 11:38 Uhr ·