Die Arctic Sunrise liegt dicht an Eisschollen „gedockt“ – in der Mitte der Framstraße zwischen Spitzbergen und Grönland. Die Fahrt hierher war in der Nacht ziemlich rauh, aber in der Koje liegend ging es ganz gut und am Morgen wurde es schon ruhiger. Zum Glück.
Peter Wadhams von der Universität Cambridge wird in den nächsten zweieinhalb Wochen Untersuchungen an sogenannten „pressure ridges“ durchführen. Das sind kleine „Eisgebirge“ die entstehen, wenn sich Eisschollen ineinander schieben. Sie machen fast die Häflte des Eisvolumens des arktischen Meereises aus und gehen als Folge des menschengemachten Klimawandels dramatisch zurück. Mit fatalen Folgen für Robben, die in den Verwerfungen Schutz suchen und ihre Jungen gebären, und Eisbären, die dort ihre bevorzugte Beute finden.
Wadhams und sein Team untersuchen die Prozesse hinter der Schmelze der „pressure ridges“, die offensichtlich vor allem auf ihrem Weg vom arktischen Ozean durch die Framstraße nach Süden (google Karte) deutlich schneller als bisher schmelzen.
Für ihre Untersuchungen führen sie zum einen die uns wohl bekannten CTDs (= conductivity, temperature, depth) durch, dass heißt sie messen Temperatur, Salzgehalt und Strömung entlang der Wassersäule.
Zum anderen werden sie auf ausgewählten Eisschollen mit „pressure ridges“ Bohrkerne entnehmen und jeweils eine sogenannte
„ice-mass-balance-buoy“ installieren. Das ist eine Boje, die über eine Bohrung durch das Eis installiert wird. Und während der weiteren Drift der Scholle misst sie – kurz gesagt – den Verlust an Eis. Die Daten werden per Satellit zurück zu uns an Bord übertragen.
„Ausgewählte“ Eisschollen heißt, dass einige Schollen aus einjährigem und andere aus mehrjährigem Eis bestehen sollen. Einjähriges Eis ist Eis, das einen Winter gefroren und nicht mehr als ein bis zwei Meter dick ist. Wenn dieses Eis eine oder mehrere Schmelzen im Sommer überdauert hat, wird es zu mehrjährigem Eis. Dieses ist gewöhnlich drei bis vier Meter dick.
Achtung: „Eisschollen“ sind etwas anderes als „Eisberge“, von denen ich die letzten Wochen immer wieder berichtet habe. Eischollen sind aus Meereis und schwimmen auf dem Ozean. Ihre Schmelze trägt daher nicht zum Meeresspiegelanstieg bei. Eisberge hingegen sind große Stücke Eis die von Eisschelfs oder Gletschern abbrechen und in den Ozean „fallen“. Sie tragen damit sofort zum Meeresspiegelanstieg bei.
Aber zurück zu den Eisschollen mit ihren kleinen Gebirgen. Die Untersuchungen von Wadhams und seinen Kollegen sind von besonderer Bedeutung, da neben der Ausdehnung auch die Dicke des arktischen Meereises in den letzten Jahren dramatisch zurück geht. Das Eisvolumen – Ausdehnung multipliziert mit der Dicke – ist der beste Indikator für die „Gesundheit“ des arktischen Meereises.
Von 2004 bis 2008 ist dieses Volumen um 57 Prozent zurückgegangen. Dies resultiert auch in einer Veränderung des Verhältnisses von jungem zu altem Eis. Mittlerweile sind es nur noch circa 30 Prozent altes Eis, der Rest (70 Prozent) ist junges Eis. Früher war das Verhältnis genau umgekehrt.
Wir haben mittlerweile eine „passende“ Scholle gefunden und Peter und sein Team haben mit den ersten Bohrungen begonnen. Auch ich bin auf die Eisscholle geklettert und habe mit angepackt. Ein seltsames Gefühl, so mitten in der Fram-Straße auf einer Eisscholle zu stehen. Man ist ein winzig kleiner Punkt. Von dort unten erscheint einem die Arctic Sunrise ziemlich groß – ist man wieder zurück ist wieder alles ziemlich eng und klein.
Neben den Wissenschaftlern haben wir in Longyearbyen auch meine Kollegin aus Norwegen Frida an Bord genommen. Nun sind wir zu drei Kampaigner an Bord – ein reines Frauen-Team. Insgesamt ist die Balance zwischen Frauen und Männern hier zwar nicht völlig ausgeglichen, aber doch o.k. In den verschiedensten Jobs an Bord sind Frauen ebenso wie Männer: Penny als Ingenieurin, Sarah als Bootsfrau, Faye und Yohena als Deckhands.
Während wir hier vor einigen Tagen unseren ersten Eisbär gesehen haben, sitzt unserer Fotograf Markus Mauthe in Finnland in einer kleinen Hütte und hofft ebenfalls auf Bären. Ein spannendes Warten. Seine Erlebnisse dort kann man in seinem Weblog nachlesen.
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I. Javelin
Hallo Frau Menn!
Ein sehr interessanter Bericht und ebenso lehrreich, auch für jemanden, dem der Begriff der Gletscherschmelze relativ vertraut ist. Positiv anzumerken ist ferner das gute Deutsch sowie die nahezu fehlerlose Orthographie, die man heutzutage, in Zeiten nicht nur der Eis-, sondern auch der Sprachschmelze – gerade im WWW -, nur mehr allzu selten antrifft …
Bleibt zu hoffen, dass die von Ihnen und den Wissenschaftlerteams gesammelten, neuen Erkenntnisse auch wirklich ihren Weg ‘in den Klimagipfel hinein’ finden und entsprechend Wirkung entfalten werden!
Ich danke Ihnen und Ihren Begleitern herzlich für Ihre äußerst wichtige Arbeit an einem der äußersten Ränder des humanoiden Ereignishorizontes!
MfG -
I. Javelin
19.9.2009 um 13:08 Uhr ·