81 Grad Nord und 35 Minuten – nicht ganz der nördlichste Punkt unserer bisherigen Reise, aber der nördlichste Punkt, auf dem ich mich in meinem bisherigen Leben befunden habe. Nebel, Eis, minus acht Grad – ich habe Halsschmerzen, eine Erkältung versucht mich zu überrollen.
Nördlich von Spitzbergen (Svalbard) geht die Eiskante in einer kleinen Zunge nach Nordosten zurück und genau dort, dicht am Rand des arktischen Meereises, sind wir derzeit. Hier wollen wir die letzte der vier Eis-Masse-Balance-Bojen installieren – tief im arktischen Meereis, um einen langen Datensatz während ihrer Drift durch die Fram-Straße aufnehmen zu können. Die anderen drei Bojen sind bereits verteilt auf verschiedenen Eischollen weiter im Westen der Fram-Straße installiert und senden Daten.
Ergänzend zu den Daten, die die Bojen den Wissenschaftlern liefern, nimmt Martin Doble von der Universität Cambrigde (UK) mit einem sogenannten “hot water drill” die Dicke, Porosität und Struktur der übereinanderliegenden Eisblöcke zahlreicher Eischollen und “pressure ridges” auf.
Pressure ridges sind kleine Eisgebirge. Sie entstehen, wenn sich Eisschollen ineinanderschieben. Dieses “deformierte” Eis, vermuten die Wissenschaftler, schmilzt schneller als dünnes Eis. Um die Prognosen des Weltklimarates IPCC in Bezug auf die Schmelze des arktischen Meereises zu verbessern, sind neben dem Rückgang der Fläche des Meereises vor allem die Abnahme der Dicke und die Prozesse dahinter entscheidend. Um letztere genauer zu verstehen und dieses Wissen in den nächsten IPCC-Bericht einfließen zu lassen, fokussieren die Wissenschaftler hier an Bord ihre Arbeit derzeit auf die Eischollen und pressure ridges.
Ein “hot water drill” ist, wie der Name vermuten lässt, ein Bohrer mit heißem Wasser, genauer gesagt: heißem Wasserdampf, der mit hohem Druck aus einer Düse herauskommt. Vergleichbar mit der Wasserdampfdüse einer Espressomaschine zum Milchschäumen, nur in größerem Maßstab. Mit diesem heißen Dampf “bohrt” man durch die Eischollen und -gebirge und misst Dicke, Porosität und Eisblockstruktur. Dabei, sagt Martin, “erfühlt” man die Porosität und die Struktur der Eisblöcke, wenn das Bohren plötzlich leichter geht.
Der hot water drill ist nicht einfach zu handhaben. Mehrere Boxen mit einem Gesamtgewicht von 250 Kilogramm werden auf einen Schlitten gepackt und müssen über die Eisschollen zur Untersuchungsstelle gezogen werden. Wir wechseln uns ab, um Martin zur Hand zu gehen und wissen am Ende des Tages alle, was wir gemacht haben.
Während wir uns im dichten Eis des Arktischen Ozeans befinden, waren meine Kollegen diese Woche in New York bei den Vereinten Nationen, wo die letzte Vorbereitungskonferenz der Klimaverhandlungen vor dem großen Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember stattgefunden hat. Noch längst sind die notwendigen Vereinbarungen nicht erreicht, die Verhandlungen nicht “in trockenen Tüchern”, wie man salopp sagen könnte, wenn es nicht Verhandlungen von so besonderer Bedeutung wären.
New York hätte die Chance sein können, wo die Industrienationen endlich Verantwortung übernehmen, das heißt die entsprechenden finanziellen Mittel auf den Tisch legen, damit auch die Entwicklungsländer auf den Klimawandel reagieren können. 110 Milliarden Euro pro Jahr sind dafür nötig.
Es sind weniger als 100 Tage bis zum Klimagipel in Kopenhagen und bisher gibt es keinen klaren Verhandlunsgtext und keine klaren Vereinbarungen über die finanziellen Mittel, die von den Industrienationen zur Verfügung gestellt werden. Völlig unzureichend ist der Vorschlag der Industrienationen von 16 Prozent Reduktion der Treibhausgasemissionen bis 2020. Das ist weniger als die Hälfte von dem, was nötig ist (mindestens 40 Prozent), um den Klimawandel noch zu begrenzen!
Weder die Europäische Union, noch die USA mit Präsident Obama zeigen bisher echte Führungsstärke in den Verhandlungen. Lediglich Japan, das sich kürzlich zu einer Reduktion von 25 Prozent verpflichtete, zeigt ein Aufglimmen an Führungsstärke – obgleich auch diese Vepflichtung bei weitem nicht ausreicht. Bundeskanzlerin Merkel hat gar nicht erst am UN-Klimagipfel in New York teilgenommen.
Nach 20 Jahren Verhandlungen und Entschuldigungen, warum die Emissionen immer weiter steigen, ist die Grenze der Geduld überschritten. Die Industrienationen haben die Technologien und finanziellen Mittel. Wir brauchen keine Ausflüchte mehr. Wir brauchen Handeln – und zwar sofort!
Die EU wird bei den Klimaverhandlungen derzeit von Schweden geführt, das die EU-Präsidenschaft innehat. Nicht sehr vielversprechend, schaut man auf die Investitionen der staatseigenen schwedischen Firma Vattenfall in den Ausbau von Kohlekraftwerken. So sind auch die Worte des schwedischen Premierministers Reinfeldt in New York zur Führungsstärke der EU lediglich rhetorisch gut und wenig glaubhaft. Um diese große Differenz zwischen Reden und Handeln deutlich zu machen, haben wir am Montag dieser Woche erneut auf einem Kohlekraftwerk von Vattenfall in Deutschland protestiert.
Zeitgleich mit den UN-Klimaverhandlungen fand in New York die Premiere des Films “Age of Stupid” statt – ein Film über den Klimawandel. Ebenso wie in New York haben wir die Film-Premiere in Berlin begleitet und Live-Schaltungen zu unserer Expedition im Himalaya und unserer Arbeit in Indonesien durchgeführt.
Deutschland, Schweden, Indonesien, Arktis, Himalaya, USA – Greenpeace ist weltweit zum Klimaschutz aktiv, denn eine weltweite Unterstützung ist nötig, um den Staatschefs deutlich zu machen: Der Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember ist eure Chance, endlich zu Handeln und nicht länger nur zu reden! Übernehmt endlich Verantwortung!
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