… und das mit einer rasanten Geschwindigkeit. So deutlich habe ich den Winter noch nie auf mich zukommen sehen. Fast eine halbe Stunde verlieren wir hier pro Tag – drei Stunden in einer Woche, die die Sonne früher untergeht.
Das Wetter hat uns in den letzten Tagen unserer Reise mal wieder mit viel Nebel und Wind versorgt, aber auch wenigstens ein paar klare Stunden gegönnt, so dass wir die letzte Eis-Masse-Balance-Boje installieren konnten und Martin Doble einige Eischollen mit dem “hot water drill” vermessen konnte. Ich habe beim Vermessen geholfen, die Stunden draußen genossen und für mich aufgesogen in dem Wissen: es werden für eine lange Zeit die letzten auf dem arktischen Eis sein.
Gestern Nachmittag mussten wir dann die Arbeit zügig beenden und die Eisscholle verlassen. Die Welle unter den Schollen hatte so stark zugenommen, dass die ersten Schollen um uns herum auseinanderbrachen. Starker Wind aus Richtung der offenen See drückte seit Stunden Wasser und Welle in das Eis. Dort auf der Scholle zu stehen, die sich auf und ab bewegt wie alle anderen um einen herum und dazu die “Arctic Sunrise”, die beginnt Spielball der Wellen zu werden, lässt einen die Naturgewalten hautnah spüren und klein werden. So haben wir zügig zusammengepackt, die Geräte mit dem Kran an Bord gebracht und sind selber schnell die Leiter zur “Arctic Sunrise” hochgeklettert. Wir wollten nicht das Gleiche erleben wie John Fletcher, der am Tag zuvor sein Lasergerät der See zum Opfer bringen musste.
John vermisst mit dem Laser die Oberfläche der Eisschollen, was ihm genaue Rückschlüsse auf ihre Dicke liefert. Diese detaillierte, kleinräumige Untersuchung ermöglicht ihm, die “gröberen”, von Satelliten durchgeführten Vermessungen der Dicke des arktischen Meereises zu korrigieren. Sein Messgerät war draußen am Schiff verankert, als sich Eisschollen mit solcher Kraft gegen das Schiff pressten, dass die gesamte Verankerung sich löste und samt Johns Geräten in den Tiefen des arktischen Ozeans versank.
Die weiße Landschaft hier kann sich friedlich und ruhig ebenso wie wild und kraftvoll zeigen. Ich mag beides gern, auch wenn die letzte Nacht wieder eine ziemlich rauhe mit wenig Schlaf war. Es war, als wollte uns der arktische Ozean zum Abschied noch einmal ganz deutlich machen, wo wir uns befinden.
Nun sind wir auf dem Rückweg nach Longyearbyen auf Spitzbergen. Die ersten Sachen werden zusammengepackt. Eine seltsame, ruhige Stimmung liegt über dem Schiff. Jeder scheint ein bisschen in Gedanken versunken zu sein – vielleicht schon zu Hause oder vielleicht auch ein bißchen wehmütig vor dem bevorstehenden Ende der Expedition. Heute Abend jedoch wird erst einmal gefeiert: Geburtstag von Faye, Haussie und John und natürlich auch das Ende unserer Arktis-Expedition 2009.
Auch der letzte Abschnitt unserer Fahrt geht hiermit zu Ende: Die vier Eis-Masse-Balance-Bojen sind erfolgreich installiert und senden in den nächsten Wochen und Monaten auf ihrer Drift durch die Fram-Straße Daten der Schmelze. Zusammen mit den Vermessungen der Eisschollen werden Peter Wadhams und sein Team neue Erkenntnisse zur Geschwindigkeit der Schmelze des arktischen Meereises gewinnen und diese in die Rechenmodelle der Klimaforscher einfließen lassen.
Wir werden in den nächsten Wochen, sobald die verschiedenen Wissenschaftlerteams ihre Daten näher ausgewertet haben, weitere Ergebnisse der Expedition veröffentlichen. Rechtzeitig vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen, um auch auf dem Weg über die Wissenschaft den Staatschefs noch einmal deutlich zu machen: Es ist Zeit zu handeln! Dies war das Ziel unserer Arktis-Expedition, die ein Puzzleteil in der weltweiten Greenpeace-Arbeit zum Klimaschutz ist. Wir müssen viele Wege beschreiten, um zu überzeugen und Veränderungen zu bewirken. Nur so sind wir erfolgreich. Ich bin froh, ein Teil dieser internationalen Organisation zu sein, die Unterstützung von hundertausenden Menschen erfährt und darum Expeditionen wie diese durchführen kann …
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[...] in unserem Kampagnenteam für diese Expedition schon gemacht. Umso froher sind wir alle, auf eine erfolgreich verlaufene Expedition zurückblicken zu können. Natürlich werden wir uns unsere Arbeit noch genauer anschauen und [...]