Die Taschenspielertricks von EnBW

13. Oktober 2009 · von Viktoria Thumann

Man munkelte schon lange, diverse AKW-Betreiber würden die Stromproduktion bewusst drosseln, um ihre alten Schrottreaktoren bis nach der Bundestagswahl am Netz behalten zu können. Was bisher als Unterstellung der Atomkraftgegner gewertet werden konnte, liegt Greenpeace nun als internes Dokument vor. Es beweist, dass der Stromkonzern EnBW über mindestens anderthalb Jahre die Stromproduktion seines Atomkraftwerkes (AKW) Neckarwestheim 1 gezielt herunter geschraubt hat. Damit konnte EnBW vermeiden, dass der alte Reaktor im Juli 2009 im Rahmen des vereinbarten Atomausstiegs vom Netz genommen werden musste.

Wie das geht? Jedem AKW ist eine bestimmte Strommenge zugewiesen, die es produzieren darf bevor es abgeschaltet werden muss – so zumindest sieht es der Atomkonsens vor. Bei Neckarwestheim 1 wäre diese „Reststrommenge“ in diesem Sommer aufgebraucht gewesen. Der Reaktor wäre ausgeschaltet worden und Deutschland hätte einen Schrottmeiler weniger am Netz gehabt. In der Hoffnung auf einen Politikwechsel und damit verbunden einen eventuellen Ausstieg aus dem Atomausstieg wollte der Konzern dies jedoch vermeiden.

So wurde den Unterlagen zufolge zunächst 2007 eine „kommunikative Vorbereitung“ für die Drosselung der Stromproduktion vorgeschlagen. Also: Welchen Bären binden wir der Öffentlichkeit auf, so dass bloß keiner unsere wahren Beweggründe errät? EnBW behauptete die Stromproduktion senken zu müssen, um den Kraftwerkspark „wirtschaftlich optimal“ fahren zu können. Der Plan ging auf – vorerst zumindest.

EnBW drosselte die Stromproduktion des Reaktors. Und zwar rapide. Produzierte Neckarwestheim 1 von 1990 und 2006 noch jährlich zwischen 5,4 und 6,3 Terawattstunden Strom, waren es 2007 nur noch 4,7 und 2008 sogar nur noch 3,8 Terawattstunden. Der Konzern brachte den laufenden Reaktor damit wie erhofft über die Bundestagswahl.

Tobias Münchmeyer, Atomexperte bei Greenpeace, findet es

unfassbar skrupellos, wie EnBW ihren alten Schrottmeiler über die Wahlen gerettet hat.

Neckarwestheim 1 ist der zweitälteste Reaktor in Deutschland – er liegt bei der Störfallhäufigkeit auf Rang zwei. Er bestätigt damit die Regel: Je älter ein Reaktor ist, desto anfälliger ist er für einen Störfall. Oft sind es viele einzelne Komponenten, die zu einem Störfall beitragen. Hier ein kaputtes Ventil, dort ein Fehler in der Pumpe – wenn sich neben technischen Mängeln noch ein Bedienungsfehler einschleicht, ist das der Mix aus Katastrophen entstehen können.

Neckarwestheim 1 ist wie viele andere Reaktoren eine tickende Zeitbome. EnBW hat den Zünder in voller Funktion über den Wahltermin gerettet. Das nun vorliegende Papier kann EnBW einen Strich durch die Rechnung machen. In dem Dokument sieht Münchmeyer den

Beweis für den vorsätzlichen Verstoß eines Energiekonzerns gegen den Atomkonsens. Die Öffentlichkeit und Politiker von SPD, Grünen und Linken wurden zwei Jahre lang getäuscht. Das zeigt, das EnBW kein vertrauenswürdiger Akteur für weitere Energiepläne in Deutschland ist.

Bleibt abzuwarten ob die Verantwortlichen über diesen Betrug urteilen werden.

UPDATE:
Das ZDF hat in seinem Magazin Frontal 21 zum gleichen Thema berichtet. Der Beitrag lässt sich hier ansehen.

Kommentare

  • Ex-Öko

    Clever! Und nicht verwerflich, denn es ist die Strommenge festgelegt und nicht das Datum. Und auf politische Richtungswechsel zu hoffen, zeugt von diplomatischem Geschick.

    Es geht eben auch anders als mit der Greenpeace-Piraten-Methode. Darauf sollte man übrigens mal rechtlich korrekt antworten, nämlich indem das Seerecht angewendet wird!

    Und ich habe euch zwei Jahrzehnte finanziert…

    13.10.2009 um 19:59 Uhr · Antworten

    • Michse

      Und einige von der Sea Shepherd Conservation Society werfen Greenpeace vor sie wären zu zurückhaltend. Niemanden kann man es recht machen.

      14.10.2009 um 21:20 Uhr · Antworten

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