Biblis A: Gepfuscht wird Laufzeitlang

20. Oktober 2009 · von Viktoria Thumann

Lieber krank als mit einem Bein im Knast. Spiegel Online liegen Informationen vor, viele Mitarbeiter im AKW Biblis A genau nach diesem Motto gehandelt haben. Ein ehemaliger Elektroinstallateur hat ausgepackt.

Der Techniker verweist darauf, dass Umbauten an dem alten Reaktor als extrem schwierig gegolten hätten – das Motto sei gewesen: “In Biblis nichts anfassen, da steht man mit einem Bein im Gefängnis.” Viele Mitarbeiter hätten Arbeiten nicht ausführen wollen, da sie “gezwungen gewesen wären, Pfusch machen zu müssen”, womit sie sich rechtlich selbst in Gefahr hätten bringen können. Man habe sich dann beispielsweise lieber krank gemeldet, und Fehler durch falsche Messungen seien dem TÜV gar nicht erst mitgeteilt worden.

Der Betreiber RWE bestreitet dies natürlich. In Biblis A sei alles mit rechten Dingen zugegangen und der Reaktor sei sicher. Das Ökoinstitut Freiburg hat die Anschuldigungen überprüft.

Unbestritten ist: Jene Teile der Anlage, an denen der Elektromonteur arbeitete, sind wichtig für die Sicherheit des Reaktors. (…) Mögliche Folgen von Fehlern seien

  • falsche oder fehlende Signalweiterleitungen,
  • falsch oder gar nicht arbeitende Stell- und Regelantriebe von Armaturen,
  • Fehlfunktionen von Schaltern oder Motoren und
  • Kurzschlüsse.

Derartige Zwischenfälle können als sogenannte meldepflichtige Ereignisse eingestuft werden. Von ihnen hat es im Reaktor Biblis A seit Inbetriebnahme 1974 mehr als 400 gegeben, das AKW gehört zu den störanfälligsten in Deutschland.

Im südhessischen Biblis stehen die Reaktoren A und B derzeit still. Das ändert aber nichts daran, dass ihr Betreiber RWE mit den beiden Blöcken regelmäßig Schlagzeilen macht. Erst gestern war bekannt geworden, dass einige Rohre in Biblis B nicht richtig gekennzeichnet sind. Im Juli, als dieser eigentlich wieder angefahren werden sollte, war es wohl der Pannenserie im Konkurrenzkraftwerk Krümmel zu verdanken, dass der Reaktor erst einmal nicht ans Netz ging. RWE ließ zunächst Sumpfsiebe nachrüsten. Eine Maßnahme, die der Betreiber eigentlich erst im Folgejahr vornehmen wollte, obwohl sie wesentlich für die Sicherheit eines Reaktors ist. Sind diese Siebe verstopft, ist die Kühlung bedroht. Das kann im schlimmsten Fall zu einer Kernschmelze führen.

Das AKW Biblis war von jeher eine Gefahr. Schon Ende 1987 kam es in Block A beinahe zu einer nuklearen Katastrophe. Ein Kühlmittelverlust-Unfall konnte nur durch Glück noch beherrscht werden. Fast zehn Jahre später, im Oktober 1996 erklärte das hessische Umweltministerium die Stilllegung von Biblis A sei unumgänglich. Ausschlaggebend waren dabei vor allem der mangelnde Nachweis der Erdbebensicherheit, die dringend erforderliche Errichtung eines Notstandssystems und andere Mängel. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Deutschland eine Umweltministerin, die der Atomkraft und den Kraftwerksbetreibern freundlich gesonnen war: Angela Merkel. Die Stillegung wurde auf Anweisung Merkels verhindert.

Heute, noch einmal 13 Jahre später, ist Biblis A immer noch aktiv. Und heute wie damals könnte ein endgültiges Abschalten des Schrottreaktors durch Angela Merkel verhindert werden. Es ist sogar zu vermuten, dass durch die voran gegangene lange Stillstandszeit des Reaktors genau hierauf spekuliert wurde. Ein Geheimpapier des Energieversorgers EnBW empfiehlt diese Taktik für dessen alten Reaktor Neckarwestheim 1. Auf Seite 14 wird das gleiche Vorgehen für Biblis A – den Schrottreaktor des vermeintlichen Konkurrenten – vorgeschlagen.

Merkels Angaben zufolge sind die deutschen Reaktoren die international sichersten.  Doch selbst wenn Biblis A der einzige deutsche Schrottmeiler wäre und RWE die Technik in den Griff bekäme, würde eine Laufzeitverlängerung nicht nur für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet eine Gefahr bedeuten. Schon im Jahr 2007 hatte eine Studie des Öko-Instituts bestätigt: Ein Terroranschlag auf das Atomkraftwerk Biblis würde sogar Deutschlands Hauptstadt bedrohen. Die schwarz-gelben Koalitionäre wären also auch im weit entfernten Berlin nicht sicher.

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