Berlin, ehemaliger Grenzübergang Bornholmer Straße. Wir haben den 09. November, vor genau 20 Jahren haben hier hunderte Ostberliner ihre ersten Schritte „rüber“ gemacht – in den Westen, in die Freiheit. Damals war auch eine junge Physikerin unter ihnen, Angela Merkel. Heute wird sie mit einigen jener Zeitzeugen, diese Schritte symbolisch wiederholen und um 15 Uhr die Brücke überqueren.
Jetzt ist es 13 Uhr. Schon zwei Stunden vor Ankunft der Kanzlerin haben sich jede Menge Zaungäste eingefunden. Es ist viel Polizei vor Ort, dennoch herrscht eine entspannte Atmosphäre. Eine Frau hält die Tageszeitung vom 10. November 1989 in die Höhe und erzählt: „Unser Sohn ist damals über die Tschechei geflüchtet. Wir haben ihn dann am Flughafen in West-Berlin abgeholt und er hat sich gefragt wie wir dorthin gekommen sind. Der hatte vom Mauerfall gar nichts mitgekriegt.“
14.10 Uhr. Die Polizei hat gerade die Straße abgesperrt und weiter vorne zusätzliche Absperrgitter aufgestellt. Schnell springen die Menschen über die Gitter vor denen sie sich eben noch gedrängt haben. Jeder möchte einen Platz ganz vorne ergattern. Dabei gibt es noch gar nichts zu sehen.
14.15 Uhr. Auf dem Dach eines Hauses gegenüber erscheinen nach und nach Leute. Die Jugendlichen hinter mir haben das sofort gesehen. „Altah, kuck ma ey, sind das Scharfschützen, oder was?“ Die Dachbesucher ziehen sich gelbe Jacken über und gleich darauf halten vier von ihnen zwei kleine Banner in die Höhe. Was darauf geschrieben steht, lässt sich nicht erkennen. Dennoch haben die Jungs recht schnell kapiert. „Ey nee, keine Scharfschützen, das is Greenpeace, ey. Cool!“
Ich dränge mich durch die Massen ans Absperrgitter, um besser sehen zu können. Auch hier haben die meisten Leute schon die Greenpeace-Kletterer entdeckt und starren nach oben, um zu sehen was auf dem Dach passiert. Neben mir fragt ein kleiner Junge einen der Polizisten: „Warum stehen da oben Männer?“ Die Antwort des Polizisten: „Weil die unserer Kanzlerin etwas kundtun wollen, die wollen unseren Politikern etwas mitteilen.“ „Für oder gegen Angela Merkel?“ „Ich glaub’ gegen Angela Merkel.“
Na, ob das so ganz stimmt? Nach einigen weiteren Minuten haben die Aktivisten über das komplette Hausdach ein Banner entrollt. „1989 Mauerfall in Berlin, 2009 Klimawende in Kopenhagen!“ und „Make climate change history – act in Copenhagen!“ ist darauf zu lesen. Es geht hier nicht darum, gegen Angela Merkel zu protestieren. Vielmehr wollen die Aktivisten ihr diese Botschaft übermitteln. Die Kanzlerin muss bei den nahenden Klimaverhandlungen in Kopenhagen ihrer Rolle als „Klimakanzlerin“ gerecht werden und dafür sorgen, dass die internationalen Staats- und Regierungschefs ein Nachfolgeprotokoll von Kyoto beschließen. Darum geht es.
Genauso formuliert es auch ein Herr, der vorbei läuft während unsere Klimaexpertin Anike Peters ein Interview gibt. Er zeigt auf das Banner und ist total begeistert. „Super. Das ist es, was jetzt wichtig ist. Die Vergangenheit ist vorbei.“ Immer wieder zeigt er auf das Banner. „Darum geht es heute. Prima Aktion. Danke!“
Irgendwie ist es ein ergreifender Ort. Immer wieder dringen Wortfetzen, von Menschen an mein Ohr, die von damals erzählen. Ich persönlich war leider noch zu jung, das damals alles so richtig zu verstehen. Umso mehr bin ich froh, heute hier zu sein. Gleichzeitig hoffe ich, bald einen genauso wichtigen Moment der Zeitgeschichte miterleben zu dürfen. Dann, wenn sich unsere Politiker endlich richtig für unser Klima und damit für meine und unser aller Zukunft einsetzen.
Tweet













[...] Aktuelle Blog-Posts zum Thema: Panke & Prenzlguide Blog – Wir sind das Volk – 20 Jahre Fall der Berliner Mauer Im Treibhaus – Das ist es, was jetzt wichtig ist [...]