Kein Spaß auf der Happy Ranger

16. November 2009 · von Benjamin Borgerding

„Happy Ranger“. Das klingt vergnüglich, nach einem heiteren Ausflug in den Schwarzwald vielleicht. „Happy Ranger“ heißt jedoch das Schiff, das derzeit in der Ostsee unterwegs ist und Dampferzeuger für den Neubau des Europäischen Druckwasserreaktors (EPR) im finnischen Olkiluoto (OL3) an Bord hat. Dem fröhlichen Gesellen haben sich deswegen heute Nachmittag 25 mutige Greenpeace-Aktivisten im Fehmarnbelt in den Weg gestellt:

Fünf Schlauchboote mit Anti-Atom-Flaggen und dem Banner Atomkraft schadet Europa und das Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise begleiten den Schwerlastfrachter, sechs Aktivisten mit weiteren Bannern haben die Bordkräne der Happy Ranger erklettert.

Nuclear technology transport protest

Ein Greenpeace-Aktivist klettert an Bord der Happy Ranger (c) Doerthe Hagenguth/ Greenpeace

Was hat es mit der Fracht an Bord der Happy Ranger auf sich?

Bezeichnet man den Reaktordruckbehälter als das Herz, so sind die Dampferzeuger so etwas wie die Lungenflügel des EPR, der derzeit in Olkiluoto gebaut wird. Dieser Atomkraftreaktor der dritten Generation gilt dem französischen Atomkonzern AREVA als Aushängeschild, das er am liebsten der ganzen Welt um den Hals hängen würde. Zumindest Finnland dürfte sich mittlerweile wünschen, sie hätten sich von AREVA nicht um den Finger wickeln lassen. Das EPR-Pilotprojekt in Olkiluoto gerät mehr und mehr zum Desaster.

AREVA hat den EPR-Reaktor gemeinsam mit Siemens entwickelt, um mit seiner Hilfe eine weltweite Atom-Renaissance einzuläuten. Daraus wird wohl nichts: Eklatante Sicherheitsmängel des Reaktors wurden nicht nur durch Studien enthüllt, sondern offenbarten sich immer wieder während der Bauarbeiten in Okiluoto und im französischen Flamanville, wo derzeit ein weiteres EPR-Kraftwerk gebaut wird.

Zuletzt haben die Aufsichtsbehörden von gleich drei Ländern in einer gemeinsamen Erklärung auf einen Riesenschnitzer im Sicherheitsdesign des Reaktors hingewiesen. Die Aufsichtsbehörden von Frankreich (ASN), Großbritannien (HSE/ND) und Finnland (STUK) bemängeln, dass Kontrollsystem und Sicherheitssytem im Reaktor nicht voneinander getrennt funktionieren, so dass im Notfall beide zeitgleich ausfallen könnten. Dass dieses Problem erst fünf bzw. drei Jahre nach Baubeginn der Kraftwerke zur Sprache kommt, ist eine ungeheure Fahrlässigkeit.

Greenpeace-Aktivisten im Schlauchboot protestieren gegen  gegen den Schiffstransport von Atomtechnologie zur Baustelle des Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto (OL3) (c) Doerthe Hagenguth/ Greenpeace

Greenpeace-Aktivisten im Schlauchboot protestieren gegen gegen den Schiffstransport von Atomtechnologie zur Baustelle des Atomkraftwerks im finnischen Olkiluoto (OL3) (c) Doerthe Hagenguth/ Greenpeace

Sicherheitstechnisch hat sich der EPR bislang nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Bis August 2009 hat die finnische Atomaufsichtsbehörde seit Baubeginn im Jahr 2005 mehr als 2.200 Sicherheits- und Qualitätsprobleme notiert. Auch gegen Terrorangriffe aus der Luft sind EPR nicht ausreichend geschützt.

Zu den mannigfachen Sicherheitsmängeln kommen Verzögerungen beim Bau und explodierende Kosten: Der Reaktor in Olkiluoto etwa sollte Anfang 2009 ans Netz gehen, daraus wurde dann 2011. Zuletzt hat der finnische Energiekonzern erklärt, der Reaktor werde frühestens im Juni 2012 fertig, es könne aber auch noch länger dauern. Proportional zur Baudauer wachsen auch die Baukosten. Aus ursprünglich veranschlagten 3 Milliarden Euro Gesamtkosten sind bei der letzten Prognose 5,3 Milliarden geworden.

Kommentare

  • Holger

    Sehr gut! Glueckwunsch zur feinen Aktion. Es ist schlimm, das deutsche und franzoesische Firmen ihre gefaehrliche Atomtechnik einfach so in der Welt verteilen duerfen. Viel Erfolg noch, ich bin auf Bilder gespannt.

    16.11.2009 um 18:00 Uhr · Antworten

  • Thomas Thiele

    Hallo Benjamin,

    spätestens, wenn man sich einmal die aufwändig recherchierte Reportage von arte.tv über den Umgang mit (wieder-)aufzubereitendem, radioaktivem Material und dessen merkwürdige “Kreisläufe” angesehen hat, weiß man, dass man von der Atomkraft eher heute als morgen die Finger zu lassen hat.

    Spätestens, wenn man die auf russischem Boden unter freiem Himmel abgestellten Container mit für die Wiederaufbereitung nicht mehr geeignetem, radioaktivem Material, das wohl überwiegend, aber nicht ausschließlich aus Frankreich stammte, gesehen hat, weiß man, welche tickenden Zeitbomben noch auf uns zukommen. Da braucht’s noch nicht mal mehr einen Salzstock “Asse”.

    Insofern ist es nur konsequent, den Neubau von Reaktoren zu unterbinden.

    Der Film aus arte sollte man zum Pflichtprogramm für jeden Bürger machen.
    Denkt man zudem noch die nicht allzu lang zurückliegende Meldung aus dem internationalen Kernforschungszentrum im südfranzösischen Cadarache (nahe Manosque), wo – man könnte fast sagen “so nebenbei beim Saubermachen” – 30 kg nirgendwo inventarisiertes Plutonium gefunden wurden, so kann einem halbwegs intelligentem, westlichen Bürger angesichts dieser Schlamperei und der resultierenden Gefahren nur noch Angst und Bang werden.

    Mein Motto:
    Unabhängig vom Idiom,
    seid nicht pro Atom!

    Viel Erfolg weiterhin

    18.11.2009 um 23:30 Uhr · Antworten

  • Thomas Buiter

    Ich bin sicher kein Freund von Kernenergie und finde die Aktion auch durchaus gelungen. Ich möchte dazu aber eine Frage loswerden: Ist das betreten eines ausländischen Schiffes auf hoher See nicht ein riskanter und dazu illegaler Akt? Ich erninnere mich, dass Greenpeace ein weniger waghalsiges Unternehmen vor einiger Zeit als inaktzeptabel bezeichnete.

    Liebe Grüsse

    Thomas

    21.11.2009 um 14:11 Uhr · Antworten

  • Dieter

    Hallo

    Muss leider dort Arbeiten.
    Höre aber wahrscheinlich auf. Alles grosser murcks.
    Wie kann ich Greenpeace beitreten?

    Gruß Dieter

    26.11.2009 um 18:20 Uhr · Antworten

  • Lena Hassler

    Ich würde gerne Greenpeace beitretten.
    Ich bin aber erst 13 Jahre alt.
    Würde das trotzdem gehen?
    Und wie kann ich Greenpeace beitreten?

    27.8.2010 um 14:16 Uhr · Antworten

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