Guten Morgen, Angie!

03. Dezember 2009 · von Benjamin Borgerding

Der Berliner Hauptbahnhof liegt wie ein riesiger Glaspalast neben der Spree. An der Südseite sind die gläsernen Fronten rechts und links zur Adventszeit mit leuchtenden Sternen verziert worden. Hinter dem Bundeskanzleramt auf der anderen Seite der Spree geht gerade die Sonne auf und taucht den Bahnhof in ein gelbes Licht. Ich sitze mit meinem Laptop hundert Meter vor dem Gebäude und frage mich, ob sich Bundeskanzlerin Angela Merkel morgens freut, wenn sie die Gardinen in ihrem Büro zur Seite zieht und ihr Blick auf den überdimensionalen Weihnachtsschmuck fällt.

Es dürfte ihr dann nicht entgehen, dass heute morgen etwas anders ist als sonst.

Klimabanner am Berliner Hauptbahnhof © Greenpeace/Benjamin Borgerding CC-Lizenz BY-NC-ND

Klimabanner am Berliner Hauptbahnhof

Seit Viertel vor acht in der Frühe konnte man ein Dutzend Kletterer dabei beobachten, wie sie sich an der sternbehangenen Fassade des Hauptbahnhofs herabseilen – von 46 Meter Höhe herunter auf etwa 10. Die Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit einen verschlafenen Blick auf die Kletterer geworfen haben, mögen zunächst vermutet haben, die Kletterer seien da, um ein paar Korrekturarbeiten an dem vertikalen Gestirn durchzuführen. Der letzte Schliff, um die Leute formvollendet in eine besinnliche Stimmung zu bringen.

Etwa zwei Stunden später dürfte Passanten allmählich klar werden, dass es die Kletterer keinesfalls auf Besinnlichkeit abgesehen haben. Meter für Meter rollen sie links und rechts an der Fassade zwei riesige Transparente ab. Links ist zuerst gescheiteltes Haar zu erkennen, dann ein Paar Augen, schließlich ein reliefartiges Porträt von Angela Merkel.

Vor dem Gebäude hat sich mittlerweile ein buntes Völkchen in allerlei Arbeitsmonturen versammelt: Feuerwehrmänner und Kletterer in rot, Polizisten in grün und blau, Greenpeace-Helfer in gelb – und jede Menge interessierte Bahnreisende. Alle blicken gebannt nach oben, vor allem auf die rechte Außenfassade. Dort klemmt das Banner hinter der Ecke eines Sternes fest. Da kann man nicht mal eben dran ziehen, die Kletterer müssen umdisponieren, sich nochmal anders abseilen, um das widerspenstige Stück Transparent zu befreien. Schließlich ist es geschafft, das Banner über die Sternecke geschwungen. Die Botschaft erscheint in dicken Lettern. Auf einer 18 mal 28 Meter großen Flächen steht: „Frau Merkel! Klima retten – Jetzt oder nie!“

Ganz unrecht hatten die Menschen also nicht mit ihrer morgendlichen Ahnung: Tatsächlich geht es hier um „Korrekturarbeiten“: Unter das Relief auf der anderen Seite wird noch ein zweites Transparent abgerollt. Die Aufschrift: „Klimaschutz jetzt! Kopenhagen 2009!“.

Korrigiert werden müssen nämlich nicht die Sterne, sondern die deutschen Anstrengungen in der Klimapolitik. Wenn am 7. Dezember die UN-Klimakonferenz beginnt, muss Merkel endlich ihrem bislang unverdienten Ruf als „Klimakanzlerin“ gerecht werden. Deutschland muss eine Führungsrolle im internationalen Klimaschutz übernehmen. Denn nur mit einer scharfen Klimapolitik aus Deutschland und Europa kann das 2-Grad Ziel erreicht werden und die weltweite Klimakatastrophe noch verhindert werden.

Also Angela: Besinnlichkeit ist diesen Advent nicht angesagt, Taten sind gefragt. Gutes Klima steht nicht in den Sternen, sondern muss gemacht werden.

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