Die Laborknolle der BASF

17. Februar 2010 · von Benjamin Borgerding

“Wat der Bur nich kennt, dat frät hej nich” pflegte meine Oma zu sagen.

Es fiel dem Bauern (und meiner Oma) relativ leicht, sich an diese Maxime zu halten: Wenn ihm jemand eine blaue Kartoffel auftischte, ließ er einfach die Finger davon. Er vertraute ganz dem Urteil seiner Sinne.

Die Kartoffel Amflora von BASF, über deren Zulassung die EU-Kommission bald entscheiden wird, ist nicht blau. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie eine stinknormale Kartoffel. Pech für den Bauern: Genau das ist sie nicht.

Die Amflora ist gentechnisch verändert worden. Man hat ihr einprogrammiert, dass sie die Bildung der Stärke “Amylose” herunterfährt und nur noch die Stärke “Amylopektin” produziert. Die Kartoffel soll auf diese Weise eine bessere Performance bei der industriellen Stärke-Gewinnung erzielen als herkömmliche Kartoffelsorten.

Der schwarzgelben Regierungskoalition ist daran gelegen, dass der Anbau dieser Laborknolle erlaubt wird. Das hat sie auch in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) dürfte nicht ganz wohl damit sein. Als sie am Montag in einem Interview mit der Mainpost nach der Amflora gefragt wurde, antwortete sie ausweichend, jeder Antrag auf Amflora-Anbau würde von ihr “genau geprüft und abgewogen” werden, und:

Die gentechnisch veränderte Stärkekartoffel Amflora soll ausschließlich für eine industrielle Verwertung angebaut werden. Das unterscheidet Amflora wesentlich von anderen Projekten.

Das ist so schon mal nicht ganz richtig, denn die BASF hat auch die Verwendung als Futtermittel beantragt. Und nicht nur das: Obwohl die Kartoffel für die industrielle Stärkegewinnung entwickelt worden ist, hat BASF in weiser Voraussicht die Erlaubnis für eine 0,9-prozentige Verunreinigung von Lebensmitteln erbeten.

Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass die Kartoffel auch auf Esstischen landen wird. Das weiß auch BASF.

Bei Pflanzguterzeugung, Ernte, Lagerung, Transport und Verarbeitung könnte die Amflora mit Lebensmittel-Kartoffeln vermischt werden, das begehrte Amylopektin könnte auch als Lebensmittelstärke Verwendung finden. “Tatsächlich wäre es schwierig, die Verarbeitung gentechnisch veränderter und konventioneller Kartoffeln zu trennen,” sagt auch der Geschäftsführer des Stärkeherstellers Südstärke.

Schlechte Nachrichten für argwöhnische Bauern also. Dabei hätten sie allen Grund im Falle der Amflora skeptisch zu sein:

Das Gewächs ist resistent gegen die Antibiotika Kanamycin und Neomycin. Ihre Antibiotikaresistenz-Gene könnten von Bakterien im Tier- oder Menschendarm aufgenommen werden. Ein solcher “horizontaler Gentransfer” könnte dazu führen, dass am Ende nicht nur die Kartoffeln gegen die Antibiotika resistent sind, sondern auch Krankheiterreger. Kanamycin und Neomycin könnten dadurch bei der Behandlung von Krankheiten ihre Wirkkraft einbüßen.

Dazu kommt, dass die Amflora auch markttechnisch überflüssig ist. Es gibt konventionelle Alternativen, etwa die Marke Eliane des Stärkeherstellers Avebe. Auch das Fraunhofer-Institut hat gemeinsam mit Emsland Stärke und der Pflanzenzüchter Europlant eine Amylopektin-Kartoffel vorgestellt, die einen ähnlich hohen Stärkegehalt wie die Amflora aufweist – und das, ohne dass man an ihren Genen herumgebastelt hätte.

Über weitere unkalkulierbare Risiken, die mit dem Amflora-Anbau verbunden wären, klärt die Greenpeace-Broschüre “Die Gen-Kartoffel von BASF” auf. Eine Leseempfehlung, die nicht nur ostfriesischen Bauern ans Herz gelegt sei.

Kommentare

  • rudi

    die Amflorakartoffel wird wie das Endlager Asse enden. Einfach unbeherrschbar!!!!

    17.2.2010 um 22:01 Uhr · Antworten

  • Invalid

    Sind in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik alle völlig abgedreht?

    20.2.2010 um 02:29 Uhr · Antworten

  • Karin Petersen

    Ich findes es unverantwortlich, was die Industrie -< in diesem Fall die Pharmaindustrie mit uns macht. Das schlimme daran ist, daß unsere Politiker
    diesen Mist zum teil auch noch unterstützen.
    Ich ernähre mich seit langer Zeit überwiegend biologisch und ich denke man kann
    in der heutigen Zeit gar nichts anderes mehr machen, wenn man sicher gehen will vernünftige Nahrung ( Lebensmittel) auf den Tisch bekommen will.

    21.2.2010 um 22:04 Uhr · Antworten

  • Boh Ey

    1) Welche Krankheiten bekämpft man mit Kanamycin oder Neomycin??? (Beide sind für systemische Anwendung beim Menschen gar nicht zugelassen)
    2) Das Resistenzgen existiert ja schon jetzt in Bakterien und macht schon jetzt andere Erreger resistent
    3) Wenn die Knolle nutzlos wäre, würde man sie nicht produzieren….
    4) An der Amylopektin-Kartoffel wurde wohl auch herumgebastelt, nur mit anderen “gentchnischen Methoden”

    Bauernfängerei, dieser Artikel, mehr nicht…

    22.2.2010 um 06:39 Uhr · Antworten

    • Simon Brücken

      Nochmal: Züchtung ist keine Gentechnik. Auch wenn du’s noch 5 mal behauptest. Nützlich ist die Knolle für den Profit des produzierenden Unternehmens.

      22.2.2010 um 10:15 Uhr · Antworten

    • Benjamin Borgerding

      1) Kanamycin und Neomycin werden von der Weltgesundheitsorganisation WHO als „besonders wichtige antibakterielle Substanzen“ eingestuft. Kanamycin wird als Reserveantibiotikum zur Behandlung von Infektionen mit multiresistenter Tuberkolose angewendet.
      2) Was für Bakterien? Es handelt sich hier nicht um die Verwendung eines Gens aus einem Bakterium wie bei vielen transgenen Maissorten, die auf diese Weise Schädlingen abwehren sollen. Die Antibiotikaresistenz-Gene in der Amflora haben keine solche praktische Funktion, sondern sind als “Markergerne” lediglich ein Erfordernis des technischen Verfahrens. Falls auf deiner Seite keine Verwechslung vorliegt, entschuldige bitte meine Vermutung.
      3) Hmn. Dein Vertrauen in den Fortschritt in allen Ehren, aber es wäre nicht das erste Mal, dass die Menschen etwas produzieren, dass sich hinterher als deutlich weniger nützlich erweist, als ursprünglich angenommen.
      4) In der Presseerklärung zur Amylopektin-Kartoffel von Emsland Stärke und Europlant wird versichert, dass “diese innovative Kartoffel ohne den Einsatz von Gentechnik” entwickelt worden ist. Es besteht kein Grund, daran zu zweifeln. Geliches gilt für die Eliane von Avebe: “It is the world’s first amylopectin potato starch obtained through traditional well accepted breeding techniques.”

      22.2.2010 um 11:31 Uhr · Antworten

      • Boh Ey

        Okay, bei Punkt 1, und da Kanamycin auch als Augentropfen und Neomycin als Antibiotikum zur Darmdesinfektion verwendet wird, gebe ich Dir recht, es ist ärgerlich dass sich solche Resistenzgene nicht mehr eliminieren lassen, vielleicht sollte man doch schon kritischer solchen Kartoffeln gegenüberstehen, wenn es Alternativen gibt….
        zu 2) Das Resistenzgen wurde doch aus Bakterien isoliert und gekoppelt an ein “nutz”-Gen in die Kartoffel gebracht, um dann “erfolgreiche” Einpflanzungen leicht selektieren zu können.
        4) Jajaja, das habe ich vermutet, aber “Züchten” ist ja auch ein bischen Gentechnik, da sucht mal halt in der Natur nach Varianten, kreutzt sie und eliminiert die “Fehlversuche” eben nicht durch Kanamycin und Neomycin sonder durch ausrupfen…
        Solange man nur fragwürdige Einzelexperimente aber nicht die ganze Technik kritisiert, kann ich damit leben :-)
        Und “Gentechnik” kann auch in der konservativen Variante schiefgehen – siehe Pit Bull Terrier….
        Vielen Dank für die Antwort, jedenfalls!

        22.2.2010 um 21:10 Uhr

  • Olaf Nedden

    Hallo Herr Borgerding,
    ich bin sicherlich auch kein besonderer Freund von gentechnischen Veränderungen in unserer Umwelt.
    Auch ist es müßig über den therapeutischen Wert von Kanamycin zu diskutieren.
    Was mich allerdings schon beschäftigt, ist die Frage, inwiefern eine Kartoffel antibiotikaresistent ssin kann. Meines Wissens werden Kartoffeln bisher nicht mit Antibiose bekämpft eher durch Verarbeitung in der Industrie und durch Verspeisen.
    Handelt es sich nicht vielmehr um eine gentechnisch eingebaute Eigenschaft, die Bakterien, die mit der Kartoffel in kontakt bringen resistent gegen bestimmte Antibiotika macht? Selbst wenn eine Kartoffel Husten haben könnte, wurde man bei einer Antibiose wohl eher den Hustenerrreger als die Kartoffel mit Antibiotika bekämpfen!?
    Gruß,
    ein Ratloser

    03.3.2010 um 13:56 Uhr · Antworten

    • Benjamin Borgerding

      Hallo Herr Nedden, es ist tatsächlich verrückt, dass eine Kartoffel, die niemals Schnupfen haben wird, resistent gegen Antibiotika sein sollte, aber genauso ist es. Aber die Kartoffel ist ja auch nicht deswegen resistent gemacht worden, um sie vor einer Erkältung zu bewahren. Die Antibiotikaresistenz-Gene werden als sogenannte Markergene verwendet, um die Zellen zu finden, die das veränderte Gen aufgenommen haben – eine überholte und riskante Technik.

      03.3.2010 um 17:27 Uhr · Antworten

      • Olaf Nedden

        Hallo nochmal Herr Borgerding,
        danke für Ihre Antwort, doch leider beantwortet sie meine Frage nicht:
        Was ist resistent an der Kartoffel?
        Kanamycinresistenz heißt doch in etwa, dass die Kartoffel unempfindlich für Kanamycin ist, bzw. dass Kanamycin ihr nicht schadet.
        Eine Kartoffel kann man mit Kanamycin aber ohnehin nicht bekämpfen, höchstens die Bakterien, die sie befallen.
        Wie wirkt sich die gentechnische Veränderung an der Kartoffel aus?
        (Ein Mensch kann ja gegen ein Antibiotikum auch nicht resistent werden, höchstens können dies Krankheitserreger, die den Menschen erkranken lassen.)
        Vielen Dank für Ihre Antwort

        03.3.2010 um 21:08 Uhr

      • Telematik2

        Von den Gegnern wird vermutet, die DNS-Sequenz mit dem Reisistenzgen könnte irgendwie von der Kartoffel in das Bakterium kommen und so eine zunehmende Antibiotikaresistenz erzeugen.

        Nun kommte das Gen aus resistenten Bakterien und es gibt sie also schon, diese resistenten Bakterien. Ausserdem tauschen die Bakterien in der Regel nur untereinander Gensequenzen in Form von Plasmiden (kleine DNS-Ringe, die unabhängig vom Hauptgenom im Bakterium herumschwimmen) aus, über sogenannte Sex-Pili – es entsteht eine molekulare Röhre zwischen zwei Bakterien über die werden Plasmide getauscht. “Sex” mit Kartoffeln haben Bakterien in freier Wildbahn eher nicht – es handelt sich um ein sehr virtuelles Risiko, das gering ist gegen die mit zunehmendem Antibiotikaeinsatz unaufhaltsame Ausbreitung von Resistenzen auf oben beschriebenen Weg. Desweiteren sind Kanamycin und Neomycin sehr toxische Aminoglycoside, die üblicherweise beim Menschen Systemisch gar nicht eingesetzt werden. Da sie auch Kartoffelkeimlinge abtöten können, kann man sie aber benutzen um die erfolgreich genmanipulierten Kartoffelkeimlinge zu selektieren, alle Keime bei denen die Einpflanzung von Resistenzgen plus Nutzgen nicht geklappt hat, können in der Petrischale duch den Antibiotikaeinsatz vernichtet werden.
        Letztendlich sind die Resistenzgene für die Zielpflanze überflüssig und auch unbedenklich, daher hat die Kartoffel ja auch nach ordnungsgemässem Prüfverfahren die Zulassung bekommen…

        04.3.2010 um 09:10 Uhr

  • Harald

    Danke für die Broschüre “Die Gen-Kartoffel von BASF” – höchstinteressant aber auch wahnsinn was da getrieben wird!

    21.4.2010 um 10:58 Uhr · Antworten

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