Nachhilfe für Nestlé und Milupa

22. Februar 2010 · von Benjamin Borgerding

Als BWL-Student lernt man im ersten Semester, dass es zur erfolgreichen Unternehmensführung ratsam ist, Rohstoffe möglichst billig einzukaufen, um die Kosten bei der Produktion niedrig zu halten.

Nach dieser Philosophie ist alles recht, was billig ist. Da ist es gut, dass der Verbraucher auch noch ein Wörtchen mitzureden hat und dies in zunehmendem Maße auch tut. Wenn ihm nicht gefällt, wie ein Produkt hergestellt wird, kann er das tun, wovor sich Unternehmen mehr als alles andere auf der Welt fürchten: es nicht kaufen.

Deshalb lernt der BWL-Student dann im dritten Semester, dass ethische Unternehmungsführung bei den Verbrauchern gut ankommt und es unter Umständen sinnvoll ist, auf bestimmte Rohstoffe zu verzichten.

Die Kaufentscheidung der Konsumenten ist eine mächtige und mittlerweile überaus bewährte Waffe gegen unternehmerische Willkür. Doch nur, wer informiert ist oder sich informieren kann, ist dazu in der Lage, dieses Schwert auch zu führen. Sonst kann es passieren, dass man ausgerechnet eine unschuldig aussehende Packung Babymilchnahrung aus dem Supermarktregal nimmt und damit unwissentlich eine erstaunliche Anzahl von Vergehen an der Umwelt unterstützt.

Entscheidungsträger bei den Unternehmen Nestlé und Milupa sind anscheinend nicht über das erste BWL-Semester hinaus gekommen – oder sie haben im dritten Semester gepennt. In Nestlés und Milupas Babymilchprodukten steckt nämlich immer noch Milch von Kühen, die Gen-Futter erhalten. Und das obwohl Gen-Pflanzen nachweislich die Umwelt schädigen, die zunehmende Abhängigkeit zwischen Bauern und Chemiekonzernen zementieren und die Ernährungsicherheit gefährden.

Um Verbraucher darüber aufzuklären, haben Greenpeace-Aktivisten am Samstag in deutschen Supermärkten kleine rote Warnplaketten auf Packungen von Nestlé und Milupa-Babynahrung gepappt – darauf die klare Botschaft: “Umweltgefahr: Für dieses Produkt bekommen Milchkühe Gentechnik-Futter.” Bereits in der letzten Woche hat Greenpeace den Gentechnik-Ratgeber “Milch für Kinder” veröffentlicht, in dem sich Verbraucher über die Verwendung von Gen-Tierfutter bei der Herstellung von Schulmilch, Babymilchnahrung und Trinkmilch informieren können.

Nestlé hat dem Online-Dienst Glocalist zu der Aktion heute eine Stellungnahme gegeben. Die Quintessenz:

Die Art der Fütterung der Milchkühe ist aus Sicht von Nestlé kein geeignetes Bewertungskriterium für die Qualität von Säuglingsmilchnahrungen, da sie keinerlei Auswirkungen auf die Produkte selber hat.

Dass es Greenpeace weder mit der Aktion noch dem Ratgeber darum ging, auf gesundheitliche Risiken für den Menschen hinzuweisen, ist der Presseabteilung bei Nestlé offenbar entgangen. Alexander Hissting von Greenpeace erklärt noch einmal im Schnellkurs “Unternehmensführung im 21. Jahrhundert”:

Die Verantwortung eines Lebensmittelherstellers bezieht sich nicht nur auf das Endprodukt. Er muss auch die Folgen des Produktionsprozesses verantworten.

Während die Folgen des Produktionsprozesses im Falle der Verfütterung von Gen-Futter groß sind, fällt die tatsächliche Kosteneinsparung mager aus: Umgerechnet auf die Frischmilchpreise sparen die Unternehmen pro Liter weniger als einen Cent durch das billigere Gen-Futter, im Falle von Milchnahrung sogar noch weniger.

Auch Milupa hat sich bei Glocalist zu Wort gemeldet. Wenigstens hat man im Hause Danone (Milupa ist ein Tochterunternehmen) das Gefühl, man müsste sich rechtfertigen und erklärt, dass gentechnikfreie Futtermittel angesichts der “aktuell vorherrschenden Marktbedingungen” schwer zu beschaffen seien. Klingt halbwegs überzeugend, ist aber total falsch. Hissting dazu:

Meist bezieht sich diese Angabe auf importiertes Sojaschrot. Alle Milchbauern in der gesamten EU könnten aber problemlos mit gentechnikfreien Sojabohnen versorgt werden.

Ich bin zuversichtlich, dass riesige multinationale Unternehmen wie Nestlé und Danone mittlerweile spitz gekriegt haben, dass es den Verbrauchern nicht wurscht ist, wo Produkte herkommen und wie sie hergestellt werden. Bei Nestlé bin ich mir da sogar fast sicher: In England wird Kit-Kat-Packungen künftig ein kleines Fair Trade-Siegel zieren. David Rennie von Nestlé UK weiß: “Verbraucher im Vereinigten Königreich interessieren sich zunehmend dafür, woher ihre Lieblingsprodukte stammen und wie sie produziert werden.”

Der Mann war offenbar ein Musterstudent.

Kommentare

  • Karin Schulz

    Lieber Benjamin,
    Ihren treffenden Beitrag zur “Genmilch-Diskussion” aus betriebswirtschaftlicher Sicht habe ich (als Nicht-Betriebswirtschaftlerin) mit großem Interesse gelesen und einiges dazugelernt. Bislang und auch bei unserer Kindermilch-Aktion am Samstag habe ich mich hauptsächlich mit gesundheitlichen und ökologischen Argumenten befasst.
    Hoffentlich nehmen auch Nestlé und Danone Ihre “Nachhilfe in Betriebswirtschaft” zur Kenntnis und verzichten endlich auf Milch von Kühen, die Gentechnik-Futter erhalten! Gesundheitliche und ökologische Argumente haben ja bisher leider noch kein Umdenken bei diesen Lebensmittelkonzernen bewirken können.
    Viel Erfolg für Ihr Nachhilfe-Engagement!
    Karin/Greenpeace Münster

    22.2.2010 um 19:30 Uhr · Antworten

  • Campact.de

    Schlechte Produkte finden, melden und gegen Firmen und deren Greenwashing protestieren:
    http://einkaufsnetz.org/
    http://abgespeist.de/
    http://marktcheck.at/

    Ähnlich wie bei den sehr erfolgreichen Protesten gegen Kohlekraftwerke und Atomreaktoren haben die Verbraucher die Marktmacht, nachhaltig und umweltfreundlich hergestellte Produkte zu bevorzugen und damit die Hersteller zu zwingen, nicht nur Greenwashing zu betreiben, sondern wirklich mitzumachen.
    “Das fanden auch 4.000 Bürger und schrieben an Nestlé – mit Erfolg. Auf Beschwerden von Verbrauchern reagieren Unternehmen also empfindlich. Gemeinsam können Verbraucher etwas gegen die systematische Täuschung im Supermarkt tun.”
    http://abgespeist.de/maggi_naturpur_bio/wie_nestl_reagiert/nestls_reaktion/

    23.2.2010 um 14:11 Uhr · Antworten

  • René Karges

    wir Verbraucher sind verunsichert! Wie kann man was erkennen?

    Woher weiß ich, wie die Kühe gefüttert wurden, die Milch für einen Schokoriegel oder den Lieblingskäse liefern? Und Milch ist als Zutat in vielen anderen Lebensmitteln enthalten.

    Und dann weiter, zum Beispiel: Gen-Mais.
    Wurden unsere Cornflakes aus Gen-Mais hergestellt? Auf der Packung steht nichts von genetisch verändertem Mais. Kann man sich da sicher sein?

    Wenn ich als Verbraucher, der sich mit solchen Fragen beschäftigt, schon unsicher bin, dann tappen gedankenlose Verbraucher garantiert in die Falle.

    Ich habe am Samstag keine roten Warnplaketten im Babymilchregal bemerkt.
    Aber ich bedaure, ein Jahr lang dieses Zeugs gekauft zu haben :(

    24.2.2010 um 09:59 Uhr · Antworten

  • Birgit Duckstein

    Hallo Ihr BWL Studenten und alle die dieses lesen! Warum rät man den Frauen nicht einfach Ihre Kinder ausschlieslich zu stillen. da braucht man sich nicht mit Nestle und CO zu befassen. MfG B.Duckstein

    14.3.2010 um 14:39 Uhr · Antworten

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