Wenn man an die Arbeit von Greenpeace denkt, dann sind es in der Regel die spektakulären Aktionen. Aber auch hinter den Kulissen wird wichtige Arbeit geleistet. Ein Interview mit Konsum-Kampaigner Jürgen Knirsch.
Welche Ausbildung hast du, wie bist du zu Greenpeace gekommen?
Ich bin Biologe und habe mich schon im Studium für die Themen Landwirtschaft und Entwicklungspolitik interessiert, später dann zu Pestizid-Exporten, Agrarhandel, Gentechnik und Welternährung gearbeitet. Ich kam 1999 zu Greenpeace.
Du bist bei uns berühmt-berüchtigt dafür, dass du ein großes Wissen hast. Wenn man dir eine Frage stellt, bekommt man in der Regel unglaublich viele Informationen. Auch wenn du meist mit gewohntem Understatement behauptest, auf dem jeweiligen Gebiet kein Experte zu sein…
Beim Schreiben meiner Diplomarbeit stellte ich fest, dass häufig wissenschaftliche Aussagen nie wirklich hinterfragt oder überprüft werden. Geht man jedoch ins Detail, stößt man man schnell auf Widersprüche,Fehlinterpretationen oder falsche Behauptungen. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Deshalb versuche ich, gründlich zu sein, Aussagen zu hinterfragen und Sachverhalte aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. So kommt dann eine Menge Wissen zusammen…
Womit beschäftigst du dich gerade?
Als Konsum-Kampaigner kümmere ich mich aktuell um Fragen wie “Macht ein CO2-Labelling für Lebensmittel Sinn?” oder “Wie kann man den Lebensmittelhandel nachhaltig machen?” Ebenso um Sozialstandards und den Beitrag von Greenpeace zur Verbesserung der Arbeitssituation. Ich unterstütze aber auch die Kolleginnen und Kollegen bei Gesprächen mit Firmen. Zum Beispiel in der Phase, in der wir unser Supermarkt-Ranking zum nachhaltigen Fischeinkauf erstellten.
Welche Erfahrung hast du in diesen Gesprächen gemacht? Wie reagieren die Firmen, wenn Greenpeace sich anmeldet?
Das ist ganz unterschiedlich. Manche Firmen sind sehr offen und sogar dankbar für Vorschläge. Zum Beispiel haben wir im Verlaufe eines Gespräches – in dem es um Klimaschutzmaßnahmen im Supermarkt ging – angeregt, dass es doch schön wäre, wenn die Kunden auch klimafreundlich einkaufen könnten und eben nicht mit dem Auto, sondern mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren. Dazu wäre es ganz gut, wenn es stabile und praktische Fahrradständer gibt, die möglichst auch noch überdacht sind. Das hat die Firma gern aufgegriffen.
In anderen Firmen begegnet man uns aber nicht so offen, fühlt sich schnell angegriffen. Da kann es auch schon mal sein, dass man kurz davor ist, das Gespräch abzubrechen. Die Gesprächskultur ist von Firma zu Firma unterschiedlich. Wenn man sich schon kennt, geht es oft leichter, unsere Forderungen anzubringen und konstruktiv zu verhandeln.
Es hängt also oft auch am persönlichen Kontakt?
Ja. Einmal hatten wir die Situation, in der meine Kollegin Iris einem Fischeinkaufsleiter ein Bild zeigte von einer uralten Koralle, die als Beifang in einem Fischnetz fing und zerstört wieder ins Meer geworfen wurde. Wie sich herausstellte, war der Einkaufschef in seiner Freizeit begeisterter Taucher und durchaus am Schutz der Meere interessiert. Er war sehr betroffen, als ihm durch das Bild klar wurde, wie zerstörerisch Fischereimethoden sein können und somit bereit, darauf zu achten, welcher Fisch in seiner Supermarktkette angeboten wird.
Bist du vor solchen Gesprächen aufgeregt?
Vielleicht ist es sogar gut, aufgeregt zu sein. Da fordert und erreicht man mit unter mehr.
Was gefällt dir an deiner Arbeit?
Mir gefällt sehr, dass ich bei Greenpeace auf unterschiedlichen Ebenen arbeiten kann, an einem Tag führe ich Gespräche mit Firmenvertretern, an einem anderen diskutiere ich mit den Greenpeace Gruppen, was wir konkret zum Thema Klima und Lebensstil machen können. Am nächsten Tag informiere ich eine Besuchergruppe über die Auswirkungen der Globalisierung. Ich finde es gut, dass wir so dicht am Menschen sind. Wir haben schon viel erreicht – es ist ein Vorteil in einer der größten und bekanntesten Umweltorganisationen zu arbeiten.
Das Arbeitsklima bei Greenpeace ist das beste, das ich je erlebt habe. Laut und fröhlich. Schade finde ich, dass es aber wenig Möglichkeiten gibt, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen zu treffen und auszutauschen. Und zwar nicht in Arbeitsgruppen, sondern zum Beispiel in einer Kantine. Der soziale Austausch ist wichtig, auch bereichsübergreifend.
Was kann bei Greenpeace noch verbessert werden?
Wir sollten transparenter sein. Zum Beispiel fände ich es gut, wenn wir einen eigenen Nachhaltigkeitsbericht herausgeben würden. Die Maßstäbe, an denen wir andere messen, sollten wir nicht nur selbst erfüllen, sondern dies auch dokumentieren. Auch im persönlichen Bereich, zum Beispiel weniger Fleisch essen.
Es ist klar, dass man nicht immer alles 100 Prozent umsetzen kann, aber das kann man auch zugeben.
Vielen Dank für das Gespräch!
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