Die großen Energiekonzerne soufflieren der Politik gerne die Schlagworte, mit denen sie die Menschen von ihrer Sache überzeugen wollen. Wie Roboter plappern viele Politiker – nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel oder CDU-Fraktionsvorsitzender Voker Kauder – das Mantra der großen Vier nach: „Wir brauchen die Kernkraft als Brückentechnologie“, „Ohne Kernkraft droht uns eine Stromlücke“…
Irgendjemand aus dem Kreis der Journalisten, die den Herren und Damen aus der schwarz-gelben Regierungskoalition die Mikros vor die Nase halten, sollte mal den Mut aufbringen und rund heraus erwidern: „Bullshit!“
Im letzten Jahr hat bereits das Greenpeace-Energiekonzept „Plan B“ aufgezeigt, dass Deutschland seine Stromversorgung in vierzig Jahren vollständig auf Erneuerbare umstellen könnte – und das auch bei einem vorzeitigen Ausstieg aus der Atomkraft (bis 2015). Nun hat eine Studie des Umweltbundesamt (UBA) bestätigt: Mit dem nötigen politischen Willen klappt schon 2050 die Energieversorgung mit Öko-Strom – und zwar tutti e completo:
(…) bereits mit der heutigen Technik und dem derzeitigen Konsumverhalten ließe sich das Ziel, nur noch regenerative Energien zu nutzen, erreichen. Die Voraussetzung ist laut einer UBA-Studie der Ausbau der Netze und der Stromspeicher.
Und das mit der Brückentechnologie? Der Präsident des Umweltbundesamtes Jochen Flachsbarth erklärt, dass längere Laufzeiten für AKW die nötigen Investitionen in die Erneuerbaren gefährden könnten. Hm, nach einer Brücke klingt das nicht.
Eine beim Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Auftrag gegebene Teilanalyse rechnet vor, wie die Energiewende mit Hilfe regionaler Energiepotentiale – also vor allem mit Wind- und Solarkraftanlagen – geschultert werden kann, ohne dass es dafür des Muts zur Stromlücke bedarf:
Die Experten haben die Wetterdaten der Jahre 2006 bis 2009 ausgewertet, um zu untersuchen, ob die Abhängigkeit von Sonne und Wind zu einer unsicheren Stromversorgung führt, wie oft von der Stromwirtschaft behauptet. Die Wissenschaftler kommen nun zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall ist. Wind- und sonnenarme Phasen nämlich könnten zum Beispiel durch Wasserstoff oder Methan aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden.
Jedes Mal, wenn Merkel & Co. davon faseln, dass Deutschland auf die „Brückentechnologie“ Atomkraft noch nicht so bald verzichten könne, bewahrheitet sich somit wieder einmal das kluge, alte, deutsche Sprichwort: „Kannicht“ wohnt in der „Willnicht“-Strasse.
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Energiesparfuchs
Wenn wir uns größtenteils vom Stromnetz verabschieden, geht alles schneller und billiger (www.bio-wasserstoff.de). Damit sparen wir Stromnetze zur Fernübertragung, Fernwärmenetze, unzählige Tiefbohrungen (Geothermie), Treibstoffraffinerien und deren Verteilnetze). Die Grundbausteine sind Biomassevergasung (z.B. http://www.h2patent.eu/index.php , andere Firmen können das auch) und Ökostrom (Elektrolyse). Solarwärme und Wärmepumpen helfen zusätzlich beim Energiesparen. Das heutige Erdgasnetz wird für die Nutzung von Wasserstoff modifiziert (ist in Teilen sowieso geplant, um überschüssigen Ökostrom zwiischenzuspeichern). Der Kunde stellt Strom und Wärme am Ort des Verbrauchs mittels Brennstoffzellen (KWK-Anlagen) selbst her bzw. betankt seine Fahrzeuge mit H2 (Straßenbahn, Bus, LKW etc.). Die Ernährung ist weltweit gesichert (http://biowasserstoff-magazin.richey-web.de/sonderausgaben.htm und das Buch von Karl-Heinz Tetzlaff “Wasserstoff für alle”). Der Aufbau genossenschaftlicher Strukturen im Energieerzeugungsbereich ist möglich, damit die Energieversorgung demokratisiert werden kann.
08.7.2010 um 17:28 Uhr ·
exkommunist
Sehr geehrter Herr Energiesparfuchs, ich würde von Ihnen gerne konkrete Zahlen sehen!
Fagen wir mal mit den 85TWh (28 Mrd m^3) Wasserstoff an, die wir lt. o.g. Studie brauchen, um die Intermittenz der Erneuerbaren auszugleichen. Oder mit den ca.
200TWh, die wir lt. Studie 2050 aus 23GW Leistung aus Biomasse brauchen.
Was sind Ihre Zahlen ?
Und haben Sie sich schon einmal mit der Frage der Wasserstoffspeicherung
auseinandergesetzt ?
– exk
13.7.2010 um 23:35 Uhr ·
Energiesparfuchs
Unter http://www.biowasserstoff-magazin.de z.B. im Heft Nr. 19 steht der Bedarf an Biomasse und im Heft Nr. 18 steht alles zum Rohrleitungstransport und den Speichermöglichkeiten. Zur Vertiefung ins Zahlenwerk das Buch “Wasserstoff für alle” von Karl-Heinz Tetzlaff. Für einen Blog alles zu umfangreich.
17.7.2010 um 09:04 Uhr
exkommunist
Zunächst erst einmal: Das ist die erste Studie (die ich kenne), die die Frage beantwortet: gegeben die bekannten Wettervoraussetzungen der letzten Jahre (in diesem Fall 2006-2009), was ist die Speicherkapazität, die gebraucht wird, um die Versorgung des Landes zu sichern. Ich halte das für sehr verdienstvoll im Sinne einer rationalen Diskussion aller Energieoptionen. In der Kurzzusammenfassung steht dazu:
“Auch das Problem der Fluktuationen erneuerbarer Energien kann gelöst werden. Das zeigen die Ergebnisse unserer Simulation. Die Fluktuation kann zu jeder Zeit sicher ausgeglichen werden – da sich die unterschiedlichen Erzeugungsarten der erneuerbaren Energien, die Speicher und das Lastmanagement gut ergänzen können.” (S.10).
Die entsprechenden Zahlen, und die dahinterstehende Technik stehen nicht in der Kurzzusammenfassung. Ich habe diese herausgesucht und nach der Methode von David MacKay (http://www.withouthehotair.com) in fassbare Maßeinheiten übersetzt. Ich wähle hierbei für “Leistung” die installierte Gesamtleistung aller Kernkraftwerke in Deutschland (angesetzt mit 20GW), kurz “DKKW”, sowie für “Energie” die Speicherkapazität aller Pumpspeicherwerke, kurz “DPSW” in Deutschland, angesetzt mit 6.6GW * 8h ~ 50GWh = 2.5 DKKW* Vollaststunden . Falls ich mich verrechnet habe, bitte ich um Korrektur.
Die Studie geht davon aus, dass nur die aktuell geplanten Pumpspeicherwerke verfügbar sein werden (4.1.1, S. 47). Zusätzliche chemische Energiespeicher (4.2.2) sollen auf der Basis von Elektrolyseuren Wasserstoff erzeugen (und daraus ggf. Methan über die Sabatier-Reaktion). Die Gase sollen in Salzkavernen oder Porenspeichern gespeichert und bei Bedarf in ein spezielles H2-Netz bzw. in das bestehende Erdgasnetz eingespeist werden (S. 47).
“Bei der Methansynthese weichen wir von der Prämisse ab, hier nur die am Markt verfügbare Technik einzubeziehen. Das im Folgenden vorgestellte Verfahren ist jedoch grundsätzlich technisch realisierbar, denn die Methansynthese wurde in Demonstrationsprojekten erprobt.” (S. 47).
Ich betrachte im Folgenden nur den Wasserstoff-Fall. Dafür werden 44GW ~ 2 DKKW Elektrolyseurleistung (7.3.3, S. 124) und 30GW ~ 1.5 DKKW (7.3.3.1, S. 125) Gaskraftwerke für die Rückverstromung eingeplant. Es sollen 85 TWh=85000GWh=1700 DPSWs = 177 DKKW * Vollasttage (thermisch) Wasserstoff gespeichert werden können (7.3.3.1, S. 126).
Um es noch einmal klar zu sagen: Hinter der Aussage, Energieversorgung aus Erneuerbaren ist 2050 machbar, steckt mehr als eine Vertausendfachung der heutigen langfristigen Elektroenergiespeicherkapazität. Für den Fall von Methan sind die Größenordungen ähnlich (75TWh).
Rechnet man das auf das Gasvolumen bei Normaldruck um, so können wir davon ausgehen, dass wir heute ca. 20Mrd m^3 Gas speichern können (4.1.2.4, S. 55). Im Falle von H2 benötigen wir für die 85TWh 28 Mrd m^3 Gas und im Falle von Methan für die 75 TWh 7.5 Mrd m^3.
Damit liegen wir deutlich in den heute vorhandenen Grössenordnungen für Gasspeicher, und die Studie versichert, dass die geologischen Potentiale für den entsprechenden Ausbau vorhanden sind. Die Vertausendfachung im Vergleich zu den heute vorhandenen Pumpspeicherwerken reduziert sich auf etwas mehr als eine Verdopplung im Vergleich zu den heute vorhandenen Gasspeichern.
Die vorgeschlagene Lösung des Speicherproblems besteht also im massiven Ausbau der chemischen Energiespeicherung in Form von Wasserstoff oder Methan, die
durch Elektrolyse aus nicht genutztem Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt
werden.
Ein weiterer Vergleich: der CO2 -Ausstoss der Energiewirtschaft liegt heute bei ca. 200 Mrd m^3/Jahr, also eine Grössenordnung höher, und damit ist CCS geologisch eine deutlich grössere Herausforderung, denn Mengen dieser Grössenornung müssten jedes Jahr verschwinden (http://www.umweltbundesamt-daten-zur-umwelt.de/umweltdaten/public/theme.do;jsessionid=4454320C03C7AF388B104884EABBB119?nodeIdent=2842, http://de.wikipedia.org/wiki/Kohlenstoffdioxid)
Noch einige weitere Zahlen aus der Studie:
Die Installierte Gesamtleistung EE beträgt 259,9 GW ~ 10 DKKW (7.3.4, S. 133). Die Höchstlast beträgt 125 GW, mit Lastmanagement 81,5GW (7.4.2.2, S. 152). Damit werden die 2-3-Fache Menge an Erzeugungkapazitäten im Vergleich zur Höchstlast vorgehalten.
Genauer ist es (7.3.4, S. 133)
Onshore Wind 60GW (~ 3DKKW)
Offshore Wind 45GW (~ 2DKKW)
Photovoltaik 120GW (~ 6DKKW)
Biomasse 23GW (~ 1 DKKW)
“Ein Umbau der Stromerzeugung auf 100% erneuerbare Energien in 2050 ist möglich, aber gleichwohl ambitioniert” (S. 10).
– exk
08.7.2010 um 22:14 Uhr ·
exkommunist
Sorry, der Link zu McKay ist http://withouthotair.com , was ich hiermit korrigiert habe.
Er hat übrigens die chemische Energiespeicherung nicht erwogen. Sein Fazit
zu GB ist (nach meinem Verständnis), dass CO2-freie Energien das Land
dort versorgen können, wenn die im Lande machbaren erneuerbaren Kapazitäten
in deutlichen Grössenordnungen entweder duch Kernkraft oder durch Solarthermie aus
der Wüste ergänzt werden.
– exk
08.7.2010 um 22:25 Uhr ·
Energiesparfuchs
??? Der erste Link ist http://www.bio-wasserstoff.de/. Von Mckay war keine Rede.
09.7.2010 um 07:56 Uhr
genervter
hört dieser Wasserstoff-Spam eigentlich auch mal wieder auf?
09.7.2010 um 09:07 Uhr
Telematik2
“bullshit” ist schon in der richtigen Sprache…
Überzeugt doch erst mal die hier
http://www.ftd.de/politik/international/:umstrittene-technologie-wo-die-atomkraft-wiedergeboren-wird/50129947.html
die bauen nämlich alle gerade neue Kernreaktoren…
09.7.2010 um 09:13 Uhr ·
trailblazer
Wieso muss man die überzeugen? …lass sie doch machen. Wie heißt es doch: Nur weil ein anderer vom Hochhaus springt, …
09.7.2010 um 16:00 Uhr ·
Lili Fuhr
Wenn wir schon nicht Fußballweltmeister werden können, dann wollen wir wenigstens Weltmeister im Klimaschutz werden. Aber in dem Sinne haben wir uns noch lange nicht für’s Finale qualifiziert (http://klima-der-gerechtigkeit.de/2010/07/09/wir-wollen-weltmeister-werden/). Und mindestens eine gelbe Karte in der Klimafinanzierung haben wir auch schon (siehe dazu z.B. http://klima-der-gerechtigkeit.de/2010/07/02/deutschland-wird-seine-kopenhagen-zusagen-nicht-einhalten/).
09.7.2010 um 18:01 Uhr ·