Aus gegebenem Anlass möchte ich an dieser Stelle für das Wort “pessimal” werben. “Pessimal” ist zwar das Gegenteil von “optimal”, aber weit weniger populär. Ein Beispiel soll über den korrekten Gebrauch aufklären:
In einer Welt, in der eine deutsche Tageszeitung mit dem Aufmacher „Konservative gegen Kernenergie“ in den Kiosken steht, läuft es für die Atomlobby zwar nicht optimal, aber noch nicht „pessimal“. Man würde in diesem Fall vielleicht ironisch oder beschönigend von „suboptimal“ sprechen: Es läuft schon wirklich miserabel, aber da ist noch ordentlich Raum nach unten.
In einer Welt dagegen, in der es sich bei der so titelnden deutschen Tageszeitung nicht um die taz handelt, sondern um das Handelsblatt, läuft es für die Atomlobby tatsächlich annähernd „pessimal“: Viel schlechter geht es eigentlich nicht.
Wir können mit dem schönen Gefühl ins Wochenende gehen, dass wir tatsächlich in genau so einer Welt leben.
Der Titel des Handelsblatts vom Freitag beschließt eine für die Atomlobby durch und durch verkorkste Woche. Wer den Beitrag liest, erfährt von dem heillosen Durcheinander rund um die angepeilte Laufzeitverlängerung. Wenn die Bundesregierung die Laufzeitverlängerung durchboxt, wird es – das steht jetzt schon fest – von allen Seiten Klagen hageln: Die Energiekonzerne haben angekündigt, die Brennelementesteuer anzufechten, während einige rot-grün geführte Länder die geplante Umgehung des Bundesrates nicht hinnehmen wollen. Kanzlerin Merkel und der Regierung droht, was amerikanische Medienprofis einen Shit Storm nennen.
Es gibt da nur einen – wie ich finde eigentlich verlockenden – Ausweg für die von akuter Atomunlust geplagte Bundesregierung: Tee trinken, Beine hochlegen, Däumchen drehen, Atomausstieg geschehen lassen!
Die Laune von Atomkraft-Fans dürfte sich in dieser Situation nicht unbedingt aufgehellt haben, als sie (die Fans) gestern die Seiten der Welt aufschlugen. Auch Die Welt ist nicht unbedingt als atomfeindliches Hetzblatt verschrien, aber berichtete gestern:
Das auf Großkraftwerken basierende Geschäftsmodell der großen Energieversorger steht in seiner bisherigen Form vor dem Aus. Nach Einschätzung der international tätigen Managementberatung Boston Consulting Group (BCG) werden dezentrale Kleinanlagen schon in wenigen Jahren das Angebot der Stromerzeugung stark beeinflussen oder sogar dominieren
Kurz darauf heißt es in dem Artikel:
Das auf Großkraftwerke ausgelegte Geschäftsmodell der Energieriesen E.on, RWE, EnBW und Vattenfall überlebt sich. “Wir brauchen einen Kraftwerkspark, der sehr flexibel auf die schwankende Einspeisung der erneuerbaren Energien reagieren kann”
Das Zukunftsbild, das die BCG da entwirft, entspricht in diesem Punkt haarklein dem, das letztjährig auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) festgehalten hat.
Und auch der Mythos vom billigen Atomstrom hat mittlerweile soviele Risse wie ein Bodenfresko in Pompeji. Das Nachsager-Argument “Andere Länder bauen neue AKW, da darf Deutschland nicht aussteigen” hat auf mich nie wirklich scharfsichtig gewirkt, aber je höher die Baukosten für das AKW-Vorzeigemodell European Pressure Reactor (EPR) werden, desto offensichtlicher hirnrissig wird es. Da überrascht es auch nicht, was die New York Times heute über den angeblichen Kostenvorteil der Atomkraft berichtet:
An einem “historischen Wendepunkt” (“historic crossover”) sind die Kosten für Photovoltaik-Anlagen soweit gesunken, dass sie tiefer sind als die steigenden projizierten Kosten neuer Atomkraftwerke.
Ausgerechnet hat das John O. Blackburn, ein Ökonomieprofessor an der Duke University in North Carolina, USA. Der Artikel in der NYTimes heißt übersetzt “Die Atomkraft verliert Kostenvorteil”:
TweetWährend die Kosten für Solarstrom im Absinken sind, sind die Kosten für Atomkraft in den letzten Jahren stark gestiegen. [...] Einschätzungen von Baukosten [für AKW] – 2002 bei rund 3 Milliarden Dollar pro Reaktor veranschlagt – sind regelmäßig korrigiert worden auf einen Durchschnitt von 10 Milliarden Dollar, Tendenz vermutlich steigend.











Telematik2
Dann könnt Ihr ja endlich aufhören für Kernenergieverbote zu werben wenn sich das bald ökonomisch aufklärt….
(Oder vielleicht doch nicht? Habt Ihr wieder Peakleistung von Solarzellen mit Durchschnittsleistung von Kernreaktoren verglichen???)
30.7.2010 um 22:36 Uhr ·
Jonas
Wenn man sich die Mühe gemacht und auf den Link geklickt hätte: http://www.ncwarn.org/wp-content/uploads/2010/…/NCW-SolarReport_final1.pdf
Aber lieber erstmal unfundiert spekulieren. Wenn es etwas anzugreifen gibt, dann den prognostizierten Preis von ca. 20 Cent/kWh für Nuklearenergie. Angesichts der steigenden Preise, laut Paper auf Grund von neu entdeckten Schwächen bei Designs usw., kann ich mir das zumindest vorstellen, nachprüfen liegt außerhalb meines aktuellen Zeitkontingents.
12.8.2010 um 14:23 Uhr ·
Cendrillon
Deutschland ist nicht der Nabel der Welt.
China kauft im Augenblick heimlich, still und leise, die Uran-Vorräte dieser Welt auf.
Hier der Link:
http://www.goldinvest.de/index.php/china-kauft-jetzt-uran-wie-kupfer-vor-2-jahren-17628
Sieht nicht nach weltweitem “Ausstieg” aus. Eher im Gegenteil, meine lieben Greenpeace-Freunde.
31.7.2010 um 22:01 Uhr ·
Energiesparfuchs
In Asien interessiert der Atomausstieg hier nicht die Bohne, wie schon das Themenheft “Nuklearwasserstoff” des Biowasserstoff-Magazins beweist. Mit dem Favorisieren von Sonnen- und Windstrom allein kommt genau das Ergebnis raus. Das ist auch die letzte Bemerkung hinsichtlich des innovativen Energiekonzeptes unter http://www.bio-wasserstoff.de/. Greenpeace wird mit den weltweiten Resultaten dieser Politik leben müssen.
01.8.2010 um 11:24 Uhr ·
Cendrillon
Apropos Asien: Greenpeace veranstaltet Demonstrationen in verschiedenen europäischen Ländern. Wie wäre es denn, wenn Greenpeace Demonstrationen in der Volksrepublik China veranstalten würde?
Kein Mut vorhanden? Zu feige um in China zu demonstrieren? Wo ist das ökologische Heldentum? Wo ist die Robin-Wood-Mentalität?
Also liebe Greenpeace-Organisation: demonstriert doch mal in der Volksrepublik China.
01.8.2010 um 17:51 Uhr
Funghi
http://www.greenpeace.org/china/en/
01.8.2010 um 18:10 Uhr
Energiesparfuchs
Die Chinesen bohren auch überall nach Erdöl und dabei gibt es halt die üblichen Kollateralschäden. Der SMILE, wie von Greenpeace vorgeschlagen, wird es bestimmt nicht richten. Die v.g. Internetseite zeigt es ganz klar. Bietet endlich mal einen praktikablen Lösungsvorschlag an, kritisieren und protestieren allein hilft nicht mehr weiter. Und wie schon mehrfach gesagt, es sind Millionenstädte wie Tokio, Shanghai oder Peking mit grüner Energie vollständig zu beliefern. Allein mit Solarmodulen, Windrädern, Wasserkraft (Staudämme zerstören im übrigen häufig auch die lokalen Ökosysteme) und Biogas aus Gülle (oder doch lieber Mais, weil wir weniger Fleisch essen sollen ?) ist kein Staat zu machen, auch wenn ihr das euch noch so sehr wünscht.
01.8.2010 um 20:06 Uhr
blechtrommler
Hab den Text wirklich nur an ein paar Stellen angelesen und fast augenblicklich zum Kommentarfeld runtergescrollt. Wenn Lobbyisten über Lobbyisten herziehen, ist mein Maß für Toleranz und Langmut ausgeschöpft, und das Allergeringste, was ich Euch antworten muss, fängt mit A an und hört mit öcher auf!
31.7.2010 um 23:34 Uhr ·
Nordseescholle
Wenn man in China für offenen Protest sehenden Auges in den Knast wandert, ist wohl niemand ernstlich zu bewegen, sich für Aktionen freiwillig zu melden.
Märtyrer brauchen wir keine!
Aber nur, weil China seinen Energiehunger meint, nicht anders stillen zu können, dürfen wir doch bei uns nicht aufhören, auf nachhaltige und sinnvolle Energieerzeugung zu drängen! Der Plan B (www.greenpeace.de/fileadmin/gpd/user…/Klimaschutz_PlanB.pdf) ist sicher auch auf andere Länder umzusetzen und gibt Hinweise, wie es gehen kann.
Dass wir zusätzlich noch versuchen sollten, auch die neuen Riesen China und Indien dazu zu bewegen, ökologisch sinnvolle Stromerzeugung zu forcieren, ist klar. Alleine schon, weil die Zuwachsraten dieser Länder ansonsten die Bemühungen bei uns völlig an die Wand fahren.
GP ist aber auch nicht alleine für der Welten Rettung zuständig. Einjeder, der von GP mehr Einsatz fordert, darf gerne selber mitmachen und seine Nase in den Wind halten.
Hoffentlich können wir bei uns, aber eben auch in den USA, in China und Indien rechtzeitig ein Umdenken erreichen, damit auch unsere Enkel und Urenkel noch eine lebenswerte, artenreiche Welt vorfinden.
02.8.2010 um 13:21 Uhr ·