Nachttauchgänge

18. August 2010 · von Regine Frerichs

Dry Tortugas, Nachts
Wind 0, See 0 Meter, Luft 28 °C, Wasser 30°C, sternenklar, Mondsichel

Pünktlich um 20:00 Uhr legte unsere “Mermaid”, das kleine Jetboot, von der Arctic Sunrise ab und fuhr in die Abenddämmerung. Ein Wolkenband zog sich dunkelblau am Horizont entlang, wie eine Urwaldkulisse, Bäume, Pflanzen und Tiere gegen den Abendhimmel zeichnend. Rosa und orangefarbene Umrisse gaben dem Abendhimmel etwas Gemaltes, etwas Gewolltes, das die Phantasie beflügelt.
An unserem Tauchplatz angekommen, befestigte ich die “Mermaid” an einer Ankerboje und schnell machten wir uns tauchfertig. Heute Abend nur zu viert, stiegen wir am Ankertau hinab in die Dunkelheit, befestigten unten ein Blitzlicht, welches weithin zu sehen war, so konnte man den Rückweg leicht finden.

Schwärze unter Wasser

Scrawled Cowfish (Lactophrys quadricornis) im Nationalpark Dry Tortugas, Florida (c) Todd Warshaw / Greenpeace

Scrawled Cowfish (Lactophrys quadricornis)

Nachts ist es unter Wasser schwarz. Ohne Lampe kann man absolut nichts sehen. Nur der Blick nach oben zeigte die leuchtende, durch die Wellen hin und her flackernde Mondsichel, deren Licht aber lange nicht nach unten durchdrang. Im Schein unserer Lampen stöberten wir durchs Riff, Fotograf und Filmer nahmen auf, was die Nacht hier unten zu bieten hatte. Kleine bunte Federsterne mit weißen Spitzen filtrierten das Wasser nach Kleinstlebewesen, eine große Languste saß unter ihrem Stein, Seeigel, die wir bei Tage nicht gesehen haben, zeigten sich jetzt auf der Suche nach Nahrung. Das Riff war sehr zerklüftet und unser Weg führte uns durch Canyons und durch kleine Höhlen. Einige wenige See-Anemonen mit grün leuchtenden Spitzen konnte ich entdecken, sowie Seespinnen und an einer Steilkante stand ein Barakuda in der leichten Strömung. Wo man auch hinleuchtete veränderte sich der Untergrund, die Schatten bewegten sich mit unserer Bewegung. Alles außerhalb des Lichtkegels entschwand dem Blick und ließ die nur leise knisternde Welt um uns herum sehr klein werden. Leuchtende Fische entschwanden ins Dunkel, ein blau phosphoreszierender Schwamm unter einem Überhang glühte unwirklich im Taschenlampenlicht und die sich in der Strömung hin und her bewegenden Pflanzen zauberten mehr Leben in den Blick als da war.

Rückfahrt zur Sunrise

Nach 45 Minuten verließen wir wieder diese unwirkliche Welt, stiegen aufs Boot und machten alles fertig für die Rückfahrt zur Arctic Sunrise durch die warme Nacht. Mitterlweile war es ganz dunkel geworden. Die Mondsichel hinterließ auf dem Wasser einen breiten Pfad, dessen tausende kleine Wellen, vom Wind hineingedrückt, das Mondlicht aufsplitteten und glizernd zurückwarfen.

Die “Mermaid” setze sich in Bewegung und fuhr zügig zurück zur “Sunrise”. Auf dem Weg sprangen immer wieder kleine silbern aufblitzende Fische über die Wellen. Der Fahrtwind war immer noch warm, fast wie am Tage. Die Luft wehte weich um uns und das Motorengeräusch war das einzige, was zu hören war. Wir fuhren auf ein paar kleine, warme Lichter in der Ferne zu, die unsere 50 Meter stählerne Zivilisation markierten.

Delfine in Sicht!

Als alles wieder an seinem Platz war, machte sich die Kunde breit, dass Delphine am Heck der Arctic Sunrise seien. Und so standen wir noch eine lange Zeit am Heck, und sahen, wie sich Fische im Lampenschein sammelten, Sepia und Seenadeln. Jedesmal, wenn ein Delphin näher kam, schossen die Fische davon. Es war eine Mutter mit einem Jungtier – recht klein. Das Jagen des Babydelphins war nicht sonderlich erfolgreich, wobei ich mir auch nicht sicher bin, ob er es ernsthaft versucht hat. Ich habe ja schon viele Delphine gesehen, aber noch keinen so albernen! Der Babydelphin machte unter Wasser Purzelbäume, schwamm auf dem Rücken und jagte den springenden Seenadeln nach. Er schlug Haken und machte nicht den Eindruck, als ob er die Jagd ernst nähme. Ab und an kam die Mutter ins Blickfeld, sprang aus dem Wasser und schlug mit der Fluke auf die Wasseroberfläche. Auch wenn die Tiere nicht gerade im Lichtschein der Hecklampen waren, hörte man sie doch häufig ganz in der Nähe atmen: Das typische Geräusch der plötzlich ausgestoßenen Atemluft; wer es einmal gehört hat, wird es immer wieder erkennen!

Grüße von Regine

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