Erpresst BP die US-Regierung?

03. September 2010 · von Michelle Bayona

Brennende Deepwater Horizon (c)Greenpeace

Eine Runde Mitleid für BP! Der katastrophengebeutelte Konzern meldet, die Havarie der Deepwater Horizon habe ihn bis heute 8 Milliarden Dollar gekostet – Reinigung, Bohrlochschließung und Strafzahlungen inklusive. 20 Milliarden für einen unabhängig verwalteten Entschädigungsfonds stehen noch an. Jetzt kommt es noch dicker: Eine neue Regelung gefährdet die Tiefseepläne des Ölmultis. Der Gesetzentwurf des amerikanischen Repräsentatenhauses sieht härtere Auflagen für die Erschließung neuer Ölquellen vor und knüpft die Vergabe neuer Bohrlizenzen an folgende Bedingungen:

  • Weniger als zehn Todesfälle im Onshore- und Offshore-Betrieb
  • Ín den vergangenen sieben Jahren keine Strafen über zehn Millionen Dollar aufgrund von Verstößen gegen das Luft- und Wassersauberkeitsgesetz (Clean Air / Clean Water Acts)
  • Keine überdurchschnittliche Anzahl von Verstößen gegen die Arbeitssicherheitsbestimmungen

Unnötig zu sagen, dass sich das Thema Tiefseebohrungen für BP damit ganz schnell erledigt haben könnte.

Trotzreaktion?

Tja, da investiert man schon eine ordentliche Summe in die Schadensregulierung und bekommt trotzdem eins auf den Deckel! Was also tun? BP hat sich entschieden und holt zum Gegenschlag aus:

Da ihnen durch das neue Gesetz wirtschaftliche Einbußen entstehen, könne man eventuell auch nicht mehr für die Folgeschäden der Katastrophe im Golf von Mexiko voll aufkommen.

Immerhin stammen etwa 11 Prozent der weltweiten Produktion des Konzerns aus dem Golf. Nicht nur Christoph von Lieven, unserem Öl- und Energie-Experten bei Greenpeace, bleibt ob dieser Dreistigkeit fast die Spucke weg. Er sagt dazu:

BP erpresst jetzt die US-Regierung, statt für den von ihnen verursachten Schaden geradezustehen. Diese Dreistigkeit zeigt, dass die Konzerne zu mächtig sind! Im Interesse der Menschen und der Natur muss dieser Arroganz endlich Grenzen gesetzt werden! Wir fordern von den verantwortlichen Politikern der EU und von der OSPAR (Übereinkommen für den Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantik) einen Stopp neuer Tiefseebohrungen und strenge Sicherheitsvorkehrungen und eine unabhängige Überprüfung aller Offshore-Plattformen.

Eine klare Drohung!

Dass BP trotz personalstarker Krisenkommunikation schon so manches Mal verbal ins Klo gegriffen hat, kennt man bereits. David Nagle, Vizepräsident von BP America, setzt noch einen drauf:

Falls wir die Ölfelder nicht weiter betreiben können, wird das einen grundlegenden Einfluss auf unsere Einnahmen haben. Das macht es schwieriger für uns, Dinge wie diese (Hilfs-)Programme zu finanzieren.

Hilfsprogramme? Aha, daher weht der Wind, denn BP hat ja nicht nur brav die von der US-Regierung und den Bundesstaaten veranschlagten Kosten bezahlt, sondern sogar freiwillig Gelder locker gemacht: 100 Millionen US-Dollar, um Plattformarbeiter zu unterstützen, die ihre Jobs aufgrund des US-Moratoriums verloren haben. 500 Millionen US-Dollar für ein auf zehn Jahre ausgelegtes Forschungsprogramm, das die Auswirkungen der Ölpest im Golf untersuchen soll. 77 Millionen, um den Tourismus in Florida, Louisiana, Mississippi und Alabama anzukurbeln,…

Ob man dabei leicht verdrängt, dass BP durch die eigenen massive Sicherheitsmängel, unter anderem 390 Wartungsmängel, die Katastrophe im Golf selbst ausgelöst hat? Richtig, war ja noch etwas: 11 tote Bohrarbeiter, zahlreiche tote Tiere und Pflanzen, 780 Millionen Liter Öl im Meer,  6,8 Millionen Liter giftiges Lösungsmittel, …

Kommentare

  • Energiesparfuchs

    Bleiben sie an der Sache dran. Sie werden noch viel mehr Dinge entdecken, die sie erschüttern werden.

    03.9.2010 um 16:29 Uhr · Antworten

  • Ingo Wendt

    Es ist äußerst dreist, keine Frage … doch leider muss man auch konstatieren, dass sich hier nur wieder zeigt, dass Geld die Welt regiert.
    Und letztendlich sind wir als Verbraucher alle mit Schuld daran, weil wir nicht mit Weitsicht konsumieren … also die Masse.

    03.9.2010 um 18:30 Uhr · Antworten

  • laupi

    ich finde es ein bisschen zu einfach, den verbrauchern die schuld in die schuhe zu schieben, denn vielen leuten fehlt ganz einfach das geld um umweltschonend zu konsumieren.

    04.9.2010 um 14:03 Uhr · Antworten

  • Björn

    Naja, die meisten Leute würden erstmal MEHR kosumieren, wenn sie das Geld dazu hätten!
    (“umweltschonend” und “kosumieren” paßt auch nicht wirklich gut zusammen !)

    05.9.2010 um 19:47 Uhr · Antworten

    • Energiesparfuchs

      Wohin wollen sie denn ? In die postmaterielle Zukunft ? Wenn sie mehr Geld in der Tasche haben, weil Energie billig verfügbar ist http://www.bio-wasserstoff.de/h2/Energiekosten/energiekosten.html, dann könne sie auch mehr Geld für Biolebensmittel ausgeben. 10 % der aktuellen Erdölförderung wandert z.Z: in den nichtenergetischen Bereich, der Rest wird in irgendeiner Form verheizt. Für beide Zwecke gibt es umweltfreundlichen Ersatz. Menschen mit mehr Geld in der Tasche machen auch eher mal Urlaub in einem Bio-Hotel. Warum soll Konsum immer nur schlecht sein ? Auch im Bereich Bio-Baumarkt gibt es viele Möglichkeiten. Man muss die Leute für umweltfreundliche Produkte begeistern und die Mängel der bisher verfügbaren Waren aufzeigen, dann wird es besser. Schließlich hängen daran auch Investitionen, Arbeitsplätze und Engagement.
      Mit der Einstellung Konsum ist immer schlecht erreichen sie gar nichts. Wir könnten heute schon viel weiter sein, wenn die Umweltbewegung sich von Beginn an darauf konzentriert hätte, die Bedürfnisse der Menschen zu akzeptieren und entsprechende Lösungen anzubieten.

      05.9.2010 um 20:13 Uhr · Antworten

  • random

    Soweit ich gelesen habe [1], gibt es eine Haftungsgrenze von 75 Millionen USD pro Unglück. Viele Ausgaben seitens BP im Zusammenhang mit dem Unglück dürften bereits freiwillig erfolgen. Dass Einschränkungen der Geschäftstätigkeit eines Unternehmens zu wirtschaftlichen Einbußen und damit verminderter Zahlungsbereitschaft führen, ist nicht sonderlich überraschend.

    Statt regulatorische Missstände anzuführen, wird hier jedoch überflüssig moralisch gegen BP polemisiert. Davon wird die Lage auch nicht besser. Berichten Sie lieber, was nicht bereits an der Oberfläche erkennbar ist, wogegen Leute sich empören sollten. Allerdings habe ich auch keine Ahnung, wie Sie nichttriviale Zusmmenhänge einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln, ohne sie zu langweilen. Entscheidende Dinge können Leute nur sehen, wenn sie Einzelbeispiele zwar wahrnehmen, aber auch davon abstrahieren können. Gehaltvolle Botschaften zu vermitteln ist nicht leicht, auch für PR-Leute. Ich kam nur grad zufällig hier vorbei, und das fiel mir auf. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!

    [1] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/alle-gegen-eine/1814332.html

    06.9.2010 um 13:23 Uhr · Antworten

  • Frage?

    was mich schon seit der Katastophen beschäftigt ist die Tatsache, daß der Golf von Mexiko die “Quelle” des uns bekannten Golfstromes ist. Wie man weiß transportiert er das im Golf vom Mexiko erwärmte Wasser an unseren europäischen Küsten vorbei zur Arktis
    Wann ist das Öl bei uns und noch schlimmer, wann ist das Öl am Nordpol? welchen Schaden wird es dort anrichten? Ist dann die Öl-Chemie-Mischung schon soweit mit Wasser durchmischt, daß meinen Befürchtungen unerheblich sind?

    09.9.2010 um 22:32 Uhr · Antworten

  • Jennifer

    Ich habe mich grad etwas über die Machenschaften von BP informiert und bin dabei auf diesen älteren Beitrag gestossen. Ich habe bei einem anderen Beitrag gelesen, dass BP mehrere Millionen Dollar jedes Jahr fürs Lobbying ausgibt. Ich kann mir also schon gut vorstellen, dass davon einige Dollar auch an die US Regierung geflossen sind.

    06.4.2011 um 16:49 Uhr · Antworten

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