Müll-Doku erobert Berlinale

24. Januar 2011 · von Ariane Hildebrandt

Heute kam die offizielle Meldung: 18 Monate Recherche, 70 Drehtage und 120 im Schnitt haben sich gelohnt – Valentin Thurns schockierende Dokumentation über weltweite Lebensmittelverschwendung und deren Folgen ist zur Berlinale zugelassen! “Taste the waste” wird in der von Publikum und Kritikern gleichermaßen heiß geliebten Sektion “Kulinarisches Kino” seine Uraufführung erleben.
Valentin Thurn sagt dazu:

Ich bin glücklich, dass das Thema nun so einem internationalen Publikum nahe gebracht werden kann und hoffentlich eine gesellschaftliche Debatte initiert.

Worum gehts?

“Taste the Waste” zeigt den skandalösen Umgang mit Lebensmittelabfällen beim Anbau, bei der Verarbeitung und im Handel ebenso wie Alternativen dazu auf. Er dokumentiert die Ungerechtigkeit an Mensch und Kultur: Unser verschwenderischer Umgang mit Lebensmitteln nimmt nicht nur anderen die Möglichkeit, sich zu ernähren, sondern belastet auch unsere Umwelt und unser Klima.

„Frisch auf den Müll“ – Der Trailer from tastethewaste.com on Vimeo.

Direktor Thomas Struck zeigt in der Berlinale Sektion “Kulinarisches Kino” Filme über den Genuss am Essen. Doch im Programm sind auch immer Filme, die einem den Appetit bewusst verderben wollen und aufklären über unhaltbare Zustände in der Lebensmittelbranche.

Termine

  • „Taste the waste“ läuft am 18. Februar um 9.30 Uhr im Berliner Martin-Gropius-Bau, zunächst im Rahmen des „Young Culinary Cinema“ vor ausgewählten Schulklassen , die anschließend mit einem passenden Menü verköstigt werden. Dieses wird zubereitet aus Lebensmitteln der Berliner Tafel von Sternekoch Michael Hoffmann, vom Magazin „Der Feinschmecker“ zum Koch des Jahres gekürt. Anschließend diskutieren sie unter anderem mit Greenpeace-Experten über das Thema.
  • Am 19. Februar 2010 um 10.30 Uhr findet im Haus der Kulturen der Welt die Wiederholung statt.
  • Der Film wird wahrscheinlich im Herbst in die Kinos kommen.

Im 20. Oktober des Vorjahres war die Dokumentation als Vorläuferprojekt bereits während der ARD Themenwoche Ernährung zu sehen und erlebte eine Riesenresonanz. Zahllose Interviews in TV, Radio und Print hatte “Mister Müll”, wie Thurn sich mittlerweile scherzhaft selber nennt, nach der Fernsehausstrahlung gegeben.

Aufreger Mindesthaltbarkeitsdatum
Dazu Greenpeace-Konsum-Experte Jürgen Knirsch:

Insbesondere die Festlegung des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) ist ein wichtiges Thema in diesem Zusammenhang, das keiner anspricht. Das MHD wird nicht etwa gesetzlich festgelegt, sondern von der Lebensmittelbranche selbst. Somit kreiert die Branche die Nachfrage für sich selber und produziert dabei noch mehr Müll.

Jürgen Knirsch hofft, dass so endlich Bewegung in das lange vernachlässigte und vielschichtige Thema kommt und fordert insbesondere von Ministerin Aigner, Taten folgen zu lassen:

Zunächst muss erst einmal das Ausmaß der Lebensmittelabfälle und Verschwendung erfasst werden. Wenn die konkreten Zahlen vorliegen, lassen sich die konkreten Stellschrauben bei der Lebensmittelproduktion, beim Handel und bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern identifizieren, um der Lebensmittelverschwendung ein Ende zu bereiten.

Teilnehmer am Parlamentarischen Abend (c)Ariane Hildebrand/Greenpeace

Teilnehmer am Parlamentarischen Abend

Rückblick: Greenpeace-Veranstaltung zur Lebensmittelverschwendung
Greenpeace hatte bereits am 28. Oktober 2010 zum Thema “Lebensmittelverschwendung” einen Parlamentarischen Abend in Berlin veranstaltet.

  • Valentin Thurn eingeladen, einen Ausschnitt seines Filmes vorzuführen.
  • Schirmherr war der Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Michael Goldmann.
  • Auch die Vorsitzende des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Eva Bulling-Schröter der Greenpeace-Einladung gefolgt.
  • Dazu referierte die Abfallwissenschaftlerin Felicitas Schneider über die von ihr erhobenen Zahlen in Österreich und übertrug sie auf Deutschland.
  • Greenpeace-Konsum-Experte Jürgen Knirsch kritisiert insbesondere, dass in Deutschland bisher keinerlei aktuelle und konkrete Zahlen zum Abfallaufkommen vorliegen – entgegen der Absichtserklärung von Landwirtschaftsministerin Aigner!

Schnittchen 2.0

Ernährungsschulung der besonderen Art (c) Greenpeace/Ariane Hildebrandt

Ernährungsschulung der besonderen Art

Das Catering zum Parlamentarische Abend lieferte Alf Wagenzink, Küchendirektor des Hotel Intercontinental Berlin. Aber Alf Wagenzink kann nicht nur nachhaltig Schmackhaftes zaubern, sondern hat auch das Abfallaufkommen in seinem Hotel in den letzten vier Jahren um 40 Prozent reduziert. Beim Parlamentarischen Abend ging es nicht darum, die MdBs besonders luxuriös zu verköstigen. Seine “Schnittchen 2.0″ waren  vielmehr eine kleine Schulung, die erneut bewies, dass die vom Handel vorgeschriebenen optischen Vorgaben sich nicht automatisch im Geschmack und der Qualität eines Produktes widerspiegeln:

Ur-Karotte vs. Dicount-Möhre (c)Greenpeace/Ariane Hildebrandt

Ur-Karotte vs. Dicount-Möhre

.

  • Die eher gräuliche Biosalami überzeugte mit Abstand gegenüber der farbenfrohen Discount-Salami.
  • Der Apfelcrumble aus Rubinetten, einer alten Apfelsorte aus dem 18. Jahrhundert schlug den schinbar makellosen Granny Smith.
  • Die lila Urkarotte wurde begeistert der nur orangefarbenen Normalkarotte vorgezogen.

Kommentare

  • Diosa

    hei, Ariane, was für ein tolles Video! Glückwünsche aus BCN!

    24.1.2011 um 22:41 Uhr · Antworten

  • Ulf Schwenke

    Bin begeistert!Dein Fan aus Ka

    25.1.2011 um 01:13 Uhr · Antworten

  • Volker Groß

    Hallo Ariane,
    toller Beitrag und ein gut gemachtes Video dazu!! Werde ich weiter empfehlen. Die Allmacht der Lebensmittelindustrie muss endlich reglementiert werden. Gruß aus B.

    25.1.2011 um 12:40 Uhr · Antworten

  • Marina

    Ich habe die Lebensmittel – und damit zusammenhängende Energieverschwendung
    bereits im vergangenen Jahr bei einem Bundestagsabgeordneten – im Rahmen
    des mehr oder weniger großen, eher relativ geringen Spendenaufkommens für die Tafel – zum Thema gemacht.
    Als Antwort darauf hieß es, “daß wir in einer Sozialen Marktwirtschaft dem Eigentums-Prinzip verpflichtet sind.” Er lehne Zwangsmaßnahmen, die Eigentum betreffen, ab, und er werbe vielmehr für die freiwillige Selbstverpflichtung. -
    Ich persönlich glaube, daß wir SO nicht weiterkommen.
    Es müßte für meine Begriffe eine bundesweite gesetzliche Regelung geben, um ENDLICH der Lebensmittelverschwendung Einhalt zu gebieten, der eine ÜBERPRODUKTION und mit entsprechendem, massiven Energieverbrauch voran-geht.
    Hier werden die Verbraucher von der übermäßigen Menge der Lebensmittel regelrecht erschlagen, während an anderer Stelle der Erde, nämlich in viel ärmeren Ländern, Menschen Hunger leiden müssen.
    Nach WELCHEN Kriterien wird das Mindesthaltbarkeitsdatum festgelegt – oder
    geht es frei nach Gutdünken? Das würde mich ernsthaft interessieren. – - -

    25.1.2011 um 20:15 Uhr · Antworten

    • Energiesparfuchs

      Was schlagen sie denn konkret vor, wie man die Sache regeln sollte ?

      25.1.2011 um 21:10 Uhr · Antworten

    • Amflora

      Ist doch völlig wurscht, welche Kriterien für das MHD gelten. Macht auch sicher jeder Hersteller anders.
      Es gibt für keinen Konsumenten eine Verpflichtung, die Sachen auf den Müll zu kippen, wenn das MHD überschritten ist. Es heißt ja eben auch MINDESThalbarkeitsdatum.
      Nur kann man danach weder Händler noch Hersteller haftbar machen, wenn es tatsächlich hinüber ist.oder man sich den Magen daran verdirbt. Das ist ja der Zweck des ganzen.
      Man könnte natürlich auch per Gesetz von vorneherein jegliche Haftung des Händlers/Herstellers ausschließen. Ist das vielleicht erwünscht? Wenn nicht, braucht es eben ein MHD und dann kann man sich nicht darüber aufregen.

      28.1.2011 um 18:24 Uhr · Antworten

  • Mario

    Dazu kommen die Lebensmittel aus der Überproduktion(die vernichtet werden) oder die wir anbauen um sie in Biogasanlagen zu verheizen auch noch dazu.
    Wir müßen alle umdenken!!

    25.1.2011 um 20:39 Uhr · Antworten

  • Daniel

    Ein toller Beitrag, ich wünsch mir mehr davon

    25.1.2011 um 20:45 Uhr · Antworten

  • Maulwurf

    “sondern hat auch das Abfallaufkommen in seinem Hotel in den letzten vier Jahren um 40 Prozent reduziert.”

    Wie hoch ist das absolute Abfallaufkommen?
    Wie hoch war das absolute Abfallaufkommen bei ihrer Verköstigung. Vorallem was wurden aus den pösen Discountprodukten?

    25.1.2011 um 23:25 Uhr · Antworten

  • gisela barall

    Hallo meine Tochter, kann stolz auf Dich sein! Gute Arbeit, elementar wichtiges Thema bzw. Zustand. Wuensche gute und viele Reaktionen in der Oeffentlichkeit, die eine Bewusstseinsveraenderung und neue Werte in Gang bringen.
    Deine Mami

    29.1.2011 um 16:39 Uhr · Antworten

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