“Kameras aus, hier dürfen Sie nicht filmen”

05. April 2011 · von Tobias Münchmeyer

Tobias Münchmeyer berichtet von seiner Tschernobyl-Reise.

Wir fahren mit hoher Geschwindigkeit Richtung Norden. Die gelben Warnschilder “Jagen verboten, Hund an der Leine führen” fliegen an uns vorbei. Auf der Weggabelung nach Tschernobyl liegt ein riesiges Stein-Ei, 2 Meter lang, etwas bequem auf der Seite. Ein Tschernobyl-Denkmal. Von wem? Für wen? Das Ei als Symbol des Lebens? Ein Ostersymbol? Auferstehung? Oder steht es für die Egg-Heads, die bis heute versichern, wie sicher die Atomkraft ist?

(c) Alexej Akulow - Der SarkophagDie Kontrolle geht schnell und wir sind in der “Zone”. Das ZDF-Team ist erfahren. Jeder von uns war schon einige Male in Tschernobyl. Kurzer Stopp bei der Agentur Tschernobylinform. Ich ziehe meine staubabweisende Schutzkleidung an. Wir treffen auf ein japanisches Filmteam. Der Kameramann bittet: “Stay like this, stay likes this, pleeeaase, just for moment!”. Er filmt den Greenpeace-Schriftzug auf meinem Rücken. Weiter geht es in den “Roten Wald”. Aussteigen. Kontaminationsmesser und Geigerzähler rauschen. 13 Mikrosievert pro Stunde. Plötzlich sind diese Zahlen viel greifbarer als vor Fukushima. Unzählige Berichte und Interviews machen diese Zahl so griffig, als wenn mir jemand eine Temperatur nennen würde: “25 Grad Celsius” oder “minus 4 Grad Celsius”: Man weiß, wie sich das anfühlt. 13 Mikrosievert pro Stunde, über hundertfache Hintergrundstrahlung, lange sollte man da nicht herumstehen.

Pieter Breughel (der Ältere): "Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle" (1565)Am Verwaltungsgebäude vorbei geht der Weg parallel zum Kühlwasserkanal. Auf der blauen Brücke stehen häufig Männer und füttern mächtige Fische (Welse?) mit Brotresten. Jetzt ist alles zugefroren. Eine perfekte Eisfläche, die Märzsonne spiegelt sich kalt. Wie eine kleine Fata Morgana legt sich Pieter Breughels “Winterlandschaft mit Eisläufern” über die Szenerie. Sie passt perfekt. Das Licht, die Perspektive, aus der ich auf die Eisfläche blicke, das Schilf und die Bäume am Rande. Ich schließe kurz die Augen und höre Kinderrufe, das Schrappen von scharfen Kufen, Hockey-Schläger-Holz auf Eis geschlagen, läutende Kirchenglochen, Torjubel, Krähengesang. “Kameras aus. Hier dürfen Sie nicht filmen”, schnarrt unser Fremdenführer. Ich öffne die Augen, es ist still, das Eis ist leer und Breughel ist weit weit weg.

Das Dörfchen Tschernobyl auf dem Rückweg. “KAFE BAR” steht an einer Scheibe geschrieben. Es gibt wohl bessere Orte für ein Café als diesen. Ein Park wird gebaut mitten in Tschernobyl. Bänke werden aufgestellt. Jedes Café-Schild – jede Parkbank, jede Alltäglichkeit wird zum makabren Scherz, als wenn Tschernobyl ein großes rotes Minuszeichen wäre, das den größten Gewinn in einen riesigen Verlust verkehrt.

Die radiologische Endkontrolle am Checkpoint “Ditjatki”. Man steigt in einen Kasten, legt beide Handflächen auf eine Plastikfolie und wartet. Nach 10 Sekunden ertönt ein Piepen und ein Licht geht an. Die grüne Lampe trägt die Aufschrift “sauber”, die rote Lampe die Aufschrift “dreckig”. Nicht sehr differenziert und vertrauenswürdig. Das Licht leuchtet für mich und ich bekomme kurz einen Schrecken: Die Lampen sind so schlecht montiert, dass nicht ganz klar ist, welche nun leuchtet, grün oder rot. Ich schmunzele etwas bitter, entscheide mich für “sauber”, gehe durch und freue mich auf die Heimfahrt nach Kiew.

Kommentare

  • Thomas Herrman

    haallooo grüssts euch,

    mir ist das ja egal!
    mfg
    Thomas

    06.4.2011 um 15:31 Uhr · Antworten

  • Marina

    Derart surreal wirkt die Szene, wie oben beschrieben, daß einem glatt ein eiskalter
    Schauder über den Rücken laufen würde …

    06.4.2011 um 19:12 Uhr · Antworten

  • Kosmik Klaus

    Das Ei haben Künstler (Manfred Storm?) dort platziert, im Inneren sollten Briefe an die Zukunft sein!

    07.5.2012 um 10:30 Uhr · Antworten

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