Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie dunkle Lobbyarbeit funktioniert. Da steht in Brüssel endlich ein Gesetzentwurf auf der Tagesordnung, der schärfere Grenzwerte für Neuwagen ab dem Jahr 2020 vorsieht. Und schon unternimmt die deutsche Autoindustrie alles, um mit hinterhältigen Tricks die geplante EU-Verordnung aufzuweichen.
Anstatt die vorhandenen Spritspartechniken endlich voll auszureizen und mit deutschem Ingenieur-Know-How effiziente Autos zu entwickeln, versucht die Industrie nun, die Verantwortung für Klimaschutz dem Autofahrer unterzujubeln. Das geht aus dem Strategiepapier der sogenannten „Cars-21-Gruppe“ hervor, in dem die Autoindustrie eine dominante Rolle spielt. Laut dieses Plans sollen auch “Infrastruktur, Fahrerverhalten und andere Maßnahmen” in die Berechnung des CO2-Grenzwerts einfließen. Die Kunden sollen also die Versäumnisse der deutschen Autobauer beim Bau effizienter Fahrzeuge wettmachen, indem sie Schulungen für verbrauchsarmes Fahren absolvieren. Sparsameres Fahren soll dann den CO2-Grenzwert für die eigene Neuwagenflotte drücken. In der langen Liste der Tricks und Lobbymanöver zur Verhinderung schärferer Grenzwerte ist dies eine besonders absurde Vorstellung, die an Dreistigkeit kaum zu überbieten ist.
Und natürlich machen sich Volkswagen und Co. nicht selbst die Hände schmutzig. Die Drecksarbeit überlassen sie lieber dem Verbandspräsidenten der deutschen Autoindustrie (VDA), Matthias Wissman. Der trifft sich heute mit der EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard mit dem Ziel, den Gesetzentwurf der EU-Kommission durch Schlupflöcher auszuhöhlen. Wissmann, selbst über 30 Jahre lang im deutschen Bundestag, unterhält nach wie vor gute Beziehungen zur Politik, insbesondere zur Kanzlerin Angela Merkel. Er ist zweifelsohne ein politisches Schwergewicht und findet in Brüssel Gehör.
Der Gegensatz könnte krasser nicht sein: Während sich die deutschen Autohersteller bei jeder Gelegenheit – wie gerade wieder VW bei seiner Hauptversammlung im April 2012 in Hamburg – als die Nachhaltigkeitsweltmeister darstellen, zeigen sie bei der ersten Probe aufs Exempel ihre wahren Absichten. Noch auf der VW-Hauptversammlung profiliert sich Vorstandschef Martin Winterkorn mit markigen Sprüchen wie „VW – Im Umweltschutz die Nummer 1“, aber kaum wird es ernst, treten die Lobbyisten in Brüssel in Aktion, und dann ist ehrgeiziger Klimaschutz auf einmal völlig gleichgültig.
Greenpeace hatte wiederholt Herrn Winterkorn angeschrieben und aufgefordert, sich für ehrgeizige Klimaschutzziele auszusprechen. Bis heute blieb Herr Winterkorn eine Antwort schuldig. Blumig formuliertes Nachhaltigkeitsgeschwätz gab es im Überfluss, aber keinerlei konkrete Aussagen zu dem EU-Grenzwert. Dem mehrfach angekündigten Dialog um zukünftige Klimaschutzziele mit Greenpeace verweigert sich Volkswagen bis heute. Auf Anfragen gibt es noch nicht einmal eine Antwort. Die liefert jetzt der Verbandspräsident Wissman mit seinem Auftritt in Brüssel: Klimaschutz und Verbraucherinteressen sind der deutschen Automobilindustrie nicht wichtig.
Die EU-Kommission darf sich von Wissmann nicht über den Tisch ziehen lassen. Der im jetzigen Gesetzesentwurf von der EU für 2020 vorgeschlagene Wert von 95 Gramm CO2 pro Kilometer (knapp vier Liter Verbrauch) – und um den geht es im Kern – ist bereits ein magerer Kompromiss: Greenpeace hält für das Jahr 2020 einen Grenzwert von 80 Gramm CO2 pro Kilometer für klimapolitisch notwendig und technisch machbar. Es ist vor allem die deutsche Autoindustrie, die selbst diesen mageren und in keiner Weise ausreichenden Zielwert torpediert. Und das, obwohl sie selbst eingesteht, dass die Kosten für mehr Klimaschutz geringer sind als sie früher behauptet hat. Gerade die deutsche Autoindustrie scheint nicht begreifen zu wollen, wie sehr sie sich langfristig selbst schadet, indem sie das sorgsam gepflegte Image vom Innovations- und Nachhaltigkeits-Pionier untergräbt, indem sie den Fortschritt bremst. Denn der dreiste Versuch, die Autofahrer mittels „Eco-driving“ für die eigenen Versäumnisse in die Pflicht zu nehmen, ist zwar besonders unverschämt, dürfte aber keineswegs das letzte Schlupfloch sein, dass die deutschen Autolobbyisten in den Gesetzentwurf reißen wollen.
Fazit: Blumige Sprüche auf Hauptversammlungen haben offensichtlich nicht das Geringste mit den wahren Absichten eines Autokonzerns zu tun. Das gilt allerdings nicht nur für VW, sondern für alle.
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Seegert
Schsde:(
06.6.2012 um 18:05 Uhr ·
Conte
Gut gebrüllt und doch daneben. Der Autofahrer hat sehr wohl einen grossen EInfluss auf den Verbrauch – je nach Fahrweise von mehreren Litern auf 100 km. Insofern ist es zu fördern, dass auch die Fahrer geschult werden.
Dann die Infrastruktur: Grüne Welle ist effizienter als Rotes Stehen. Oder die neue Mode, Bushaltestellen in die Mitte der Fahrbahn zu bauen anstelle von sinnvollen Bushaltenischen. Warten, stauen, anfahren – ist sehr CO2-freundlich.
Es braucht alle, die Industrie, die auch vieles tut, die öffentliche Hand, die den Verkehr verflüssigen und nicht verhindern soll und schlussendlich den Fahrer, der ökologisch fahren sollte – und gleichzeitig damit auch noch gutes Kraftstoff-Geld sparen könnte.
06.6.2012 um 21:01 Uhr ·
Sara Westerhaus
Hallo Conte,
natürlich hast du Recht: auch Autofahrer können selbst Einfluss auf den Spritverbrauch nehmen. Das nimmt die Industrie jedoch nicht aus der Verantwortung – und diese einfach auf den Verbraucher abzuschieben, finden auch wir nicht richtig.
07.6.2012 um 10:25 Uhr ·
Gero Süptitz
Die Hersteller müssen ihre Technik deutlich verbessern, den Verbrauch kräftig verringern, der Spritpreis muss weiter deutlich erhöht werden und dann fangen die meisten Leute automatisch an sparsam zu fahren. Hab mir gerade für zwei Wo ein Auto ausgeliehen – 8l im Durchschnitt empfinde ich als SteinzeitTechnik – diesen Verbrauch hatten ich schon vor 20ig Jahren bei meinem ersten Auto und das war damals gebraucht und schon 10Jahre alt.
11.6.2012 um 19:39 Uhr ·
Klemens
Wenn ich das hier über die hinterhältigen Intrigen der Autolobby lese und an die perfide VW-Werbung im Fernsehn “Think Blue” denke, da kommt mir die Galle hoch. Ich als Autofaher brauch keine weiteren Belehrungen durch Spritspartrainings. Diese Spritspartrainings vom NABU in Kooperation mit VW sind albern genug. Ich frage mich, wo denn endlich das von VW seit Jahren angekündigte 3-Liter-Auto bleibt? Und ich erwarte, dass die Autoindustrie endlich einmal ehrliche Verbrauchsangaben für ihre Fahrzeuge anbietet.
07.6.2012 um 20:45 Uhr ·
Energiesparfuchs
Und was ist an dem 3-Liter-Auto “grün”, wenn es dann da ist ? Dürfen dann hunderte Millionen Chinesen und Inder damit rumdüsen oder ist das auch wieder nicht richtig ?
07.6.2012 um 20:55 Uhr ·
andersdenkender
3-Liter Auto ist grüner als 4/5/6l-Auto, oder?
Und man kann ja nicht gleich alle zwingen Fahrrad zu fahren…
07.6.2012 um 21:13 Uhr
Bruno Straub
Ihr von GP beißt euch immer wieder an der “Industrie” die Zähne aus …. Lieblingsgegner: VW ….. Scheint aber irgendwie auch Spaß zu machen ….. Und passt hervorragend ins David- Goliath Image.
Aber geht doch mal an Euere Freunde in den Stadtverwaltungen, die computerunterstützt in den größeren Städten die perfekte Rote Welle erzeugen, nur weil ihr Glaubensbild das verlangt!
Da könnte man eine Menge Sprit (und Nerven) sparen!!
07.6.2012 um 22:07 Uhr ·
peng
Und nicht zu vergessen, das System der Einbahnstraßen, welches in vielen Städten oftmals die Autofahrer zu kompletten Stadtrundfahrten zwingt
07.6.2012 um 22:22 Uhr ·
Bruno Straub
….oder lest doch mal den Dienstwagenfahrern die Leviten!
(Kritisch- weil GP-Förderer überdurchschnittlich oft “Dienstwagen fahren”? – Würde mich jedenfalls nicht wundern!)
08.6.2012 um 00:06 Uhr ·
kleinerhobit
@Bruno: Das ist wieder mal typisch für Sie! Hauptsache auf Greenpeace hier im Blog fleissig rumhacken ohne nachzudenken. Greenpeace hat seinerzeit schliesslich z.B. bei der Besteuerung von Dienstwagen eine Änderung vorgeschlagen. Schauen Sie mal hier: http://www.greenpeace.de/themen/verkehr/presseerklaerungen/artikel/oekologisches_reformkonzept_zur_firmen_und_dienstwagenbesteuerung/ansicht/bild/ Damit haben Sie wohl ein Eigentor geschossen, oder?
09.6.2012 um 12:30 Uhr ·
Bruno Straub
Hallo kleiner Hobbit,
Du hast recht. Es steht jetzt 2:0 für Dich.
09.6.2012 um 16:04 Uhr ·
stefan
bruno! tagsüber im netz! ich dachte, du wärst nur nachts aktiv.
09.6.2012 um 16:14 Uhr
Bruno Straub
Hallo stefan,
… ist normalerweise auch so. Habe wohl schlecht geschlafen ….. habe irgendwie geträumt, ich wäre unter den Granitzylinder eines Lageenergiespeichers geraten….
09.6.2012 um 16:30 Uhr
stefan
hihi … hoffe du bist noch fit genug zum fußball gucken!? oder gibt’s da drunten kein fernsehen?
09.6.2012 um 17:35 Uhr
Horst
Bin ich hier irgendwie richtig?
Da habe ich doch vernommen, dass Greenpeace sich für ein Verbot von E10 in DE einsetzt – endlich soll Schluss sein mit dieser Vergeudung! Fröhlich bin ich zu Greenpeace, um mich zu bedanken – und was finde ich zu E10? — Alles nur kalter Kaffee.
Wo ist die Meldung? Wo kann man sich bedanken? Endlich! Endlich mal etwas Vernünftiges von Greenpeace!
Und gleich dranhängen, was doch sooooo logisch ist: Es ist Zeit zum Sparen.
Natürlich können wir auf die Ingenieure in der Industrie warten, bis sie beim 3l-Auto angekommen sind. Dann haben wir nicht mehr 1 Milliarde Autos auf der Erde, sondern zwei oder gar drei. — Nix ist dann mit Benzineinsparung – alles zu spät.
Die meisten Kunden heute wollen aber immer grössere Wagen – Vans sind in! Ein Van mit 3l auf 100km? – Das wird wohl auch nix.
Und welche Firma soll sich gegen diesen Trend stemmen? (Sie wäre doch bald weg vom Fenster!)
An der Erkenntnis geht deshalb nichts vorbei: Es beginnt und endet beim Autofahrer.
Früher sagte man uns: “Was man nicht im Kopf hat, das muss man in den Beinen haben.” – Und heute? Da muss man formulieren: “Was man nicht im Kopf hat, das muss man im Tank haben!”
Erst denken – dann Alternativen suchen – und schliesslich auf diese Weise bis zu 50% der Fahrten einsparen — das ist der grosse Schritt.
Dann Eco-Fahrstil – auch das geht sofort!
Dann statt des grossen ein kleines Auto kaufen — oder am besten gleich die ganze graue Herstellungsenergie sparen und sich beim Carsharing anmelden.
Dann denen beim Carsharing “helfen”, noch effizientere Autos bereit zu stellen.
… glaubt mir: DAS ist der Weg zum Erfolg!
18.8.2012 um 12:52 Uhr ·