Arktis in Not: Das Große Schmelzen

13. August 2012 · von Benjamin Borgerding

Wäre die Arktis ein Mensch, würde man tiefes Mitleid für sie empfinden. Es ist, als wäre sie krank in die Notaufnahme eingeliefert worden und hätte sich da auch noch Krankenhausbakterien eingefangen. Schicksalsschläge für den Patienten Arktis geben sich quasi die Klinke in die Hand.

Schmelzendes Meereis in der Tschuktschensee in Alaksa. Ganz in der Nähe will Shell nach Öl bohren. - (c) Jiri Rezac / Greenpeace

Schlimmer noch: Im Falle der Arktis potenzieren sich die Schicksalsschläge gegenseitig. Durch das Abschmelzen des Eises können Ölkonzerne wie Shell oder Gazprom in bisher unerreichbare Regionen vordringen, um unter beträchtlicher Gefährdung des dortigen Ökosystems nach noch mehr Öl zu bohren und das Problem der globalen Erwärmung weiter zu verschärfen.

Bei Menschen misst man das Fieber mit einem Thermometer, beim Patienten Arktis schaut man sich die Eisfläche und die Eisdicke an. Jüngste Berechnungen und Prognosen geben wenig Anlass zu der naiven Hoffnung, dass die Arktis die Abwärtsspirale irgendwie von selbst wieder verlassen hätte.

Wissenschaftler der Universität Hamburg haben in der letzten Woche für den Monat September einen historischen Tiefstand für die Eisbedeckung in der Arktis vorausgesagt:

Die Arktis als “Frühwarnsystem” des Klimawandels macht sich erneut deutlich bemerkbar: Meereis-Experte Lars Kaleschke vom KlimaCampus, Universität Hamburg, erwartet im September, zum Zeitpunkt des jährlichen Minimums der Eisbedeckung in der Arktis, eine Fläche von nur noch etwa 4,1 Millionen Quadratkilometern. Dies wäre der geringste Wert seit Beginn der Satellitenmessungen in den 1970er Jahren.

Doch hurra!: Trotz stetig abnehmender Eisfläche haben die Wissenschaftler außerdem festgestellt, dass die Eisdicke in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen hat: “Ich musste mehrfach die Brille putzen, bis ich den Zahlen auf meinem Computer endlich glauben konnte!” kommentiert Kaletzke den verblüffenden Befund.

Der letzte Absatz war nur ein Scherz. Die Realität, dieser humorlose Bürokrat, hat leider keine freudigen Überraschungen dieser Art parat und folgt lieber stur den Naturgesetzen. Im Jahr 2004 bedeckten noch 13.000 Kubikkilometer Meereis die Arktis. 2012 ist dieser Wert auf 7.000 Kubikkilometer geschrumpft. Im April 2010 hat die europäische Raumfahrtbehörde einen Satelliten in den Orbit befördert, um mit seiner Hilfe die Eisdicke in der Arktis zu bestimmen. Seitdem funkt CryoSat2 schlechte Nachrichten aus dem All. Eine Auswertung der neuesten CryoSat-Daten zeigt: 900 Kubikkilometer Meereis sind innerhalb des letzten Jahres verloren gegangen. Wenn das Schmelzen in dieser Geschwindigkeit weitergeht, könnte die Arktis bereits in zehn Jahren im Sommer eisfrei sein.

Das Große Schmelzen in der Arktis hat konkrete Auswirkungen auf ein fragiles Ökosystem – unter anderem Heimat des Eisbären – und verstärkt den Treibhauseffekt, da das Meereis Sonnenstrahlen reflektiert und mit einem stärkeren Temperaturanstieg zu rechnen ist, wenn es nicht mehr da ist. Wissenschaftler der Universität London haben die neuen Zahlen zur Eisdicke außerdem zum Anlass genommen vor versteckten Risiken zu warnen, bis hin zu Auswirkungen auf den Jetstream, die für Wetterschwankungen in niedrigeren Breitengraden sorgen könnten (mehr dazu im lesenswerten Beitrag im Guardian).

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Kommentare

  • Accentbuster

    Hallo,

    leider verlinkt der bit-ly-Link im tweet auf die Vorschau und nicht auf die veröffentlichte Seite (http://blog.greenpeace.de/blog/2012/08/13/arktis-in-not-das-grose-schmelzen/?preview=true&preview_id=26296&preview_nonce=2896766c0e):

    Das Große Schmelzen in der Arktis. Beitrag im Greenpeace Blog: http://bit.ly/R9eGeE #SaveTheArctic

    Ohne die Parameter ab /?preview hinten zu entfernen, kann Otto-Normalverbraucher diesen Beitrag also gar nicht sehen :(

    Grüße!

    13.8.2012 um 17:31 Uhr · Antworten

    • Sara Westerhaus

      Danke schön für den Hinweis! Wir schicken gleich den richtigen Link noch mal über Twitter.

      15.8.2012 um 12:03 Uhr · Antworten

  • Erna

    Geht die Alarmistenhetze also fröhlich weiter. Vielleicht sollte GP auch mal die offiziellen Daten der IARC veröffentlichen (so’ne Grafik hat schon einiges für sich). Darin stellt man fest, dass die Eisbedeckung jedes Jahr im März/April erneut ca. 14 Mio. km2 erreicht, unabhängig davon wie stark die Abschmelzung im September/Oktober war.

    http://www.ijis.iarc.uaf.edu/en/home/seaice_extent.htm

    Darüber hinaus gibt für das strake Abschmelzen logische Gründe (http://www.wetter-center.de):
    …Verantwortlich für die dünne Eisdecke ist wahrscheinlich in erster Linie nicht der Klimawandel, sondern der Wind. Weht der Wind wie im vergangenen Winter vom Festland auf das Meer hinaus, drückt er dabei das Packeis Richtung Norden. Auf diese Weise entstehen vor der Küste offene Wasserflächen, die bei einer Lufttemperatur von -40°C sehr schnell auskühlen. Neues dünnes Eis bildet sich und wird vom Wind sofort wieder abtransportiert. Je nach Windstärke und -kontinuität entstehen verschieden große Dünneisflächen…
    .
    Ach ja und von der Zunahme des Meereises in der Antarktis wollen wir ja erst garnicht anfangen.

    15.8.2012 um 11:37 Uhr · Antworten

    • Andersdenkender

      Arktis – Abnahme:
      http://nsidc.org/news/press/2007_seaiceminimum/20071001_pressrelease.html
      Das Eisvolumen schmilzt noch stärker.
      Wir halten also in guten Deutsch fest:
      Gemessene höher Treibhausgaskonzentrationen führen zu einer durch Messungen bestätigten höheren Durschnittstemperatur die zu einer durchschnittlich höheren Temperatur des Meeres und natürlich der Luft führt wodurch das Eisvolumen und die Ausbreitung abnimmt. Oder liegt es doch einfach nur am Wind?
      Erinnert mich an “Der Wind, der Wind, das himmlische Kind” :D
      Haben sie da noch eine Quelle zu der Windsache?

      21.8.2012 um 10:33 Uhr · Antworten

    • stefan

      erna, aus der von dir verlinkten grafik geht auch hervor, dass die 10 mio qkm marke 1980 für 3 1/2 monate, 2011 für 5 monate unterschritten wurde.

      21.8.2012 um 16:00 Uhr · Antworten

  • Erna

    @Andersdenkender
    Guten Morgen auch schon aufgewacht?
    ..Gemessene höher Treibhausgaskonzentrationen führen zu einer durch Messungen bestätigten höheren Durschnittstemperatur…
    Wo hast Du denn das her? Schon mal das in der neusten Version gelesen
    http://www.eike-klima-energie.eu/uploads/media/Hug-THE_Artefakt_II.pdf
    (und gellle die “wissenschaftlichen” Quellen nicht vergessen).
    .
    Im Übrigen wir sind mittlerweile bei 2012 angekommen. Was ist denn nach der “Rekordschmelze” 2007 passiert? Wie groß war denn die Ausdehnung im April 2008? Wie groß wird denn die Ausdehnung im April 2013 sein, soll ich jetzt mal die Wetterfröschin spielen und eine Schätzung abgeben?

    21.8.2012 um 15:38 Uhr · Antworten

  • Erna

    @Alle
    Und dann noch die große Preisfrage. Wie doch war die globale Durchschnittstemperatur 1990 und und Heute??? Kommt schon, ihr wisst doch wo man die Antwort findet. Ich spare mir mal den Link.

    22.8.2012 um 13:37 Uhr · Antworten

  • peng

    Habe gerade auf Welt Online einen interessanten und aktuellen Artikel gefunden, der GP bestimmt schwer im Magen liegen wird. Interessant sind auch die zahlreichen Leserkommentare.
    http://www.welt.de/wirtschaft/energie/article108744622/Oekostrom-soll-selbst-2050-noch-nicht-marktfaehig-sein.html

    22.8.2012 um 18:38 Uhr · Antworten

    • andersdenkender

      Laut der Heft “Erneuerbare Energien und nachhaltige Entwicklung” das vom Ministerium für Umwelt, Natur und Reaktorsicherheit haben EE schon 2025 aufgrund externer Kosten “Marktreife”.
      Das geht auch aus der Studie hervor die ich bereits in dem Kontext gepostet habe (da sie sie sicher geöffnet haben wissen sie ja worum es geht ;) ).
      Ja ist Welt neuerdings eine wissenschaftliche Quelle?

      22.8.2012 um 19:02 Uhr · Antworten

      • Bruno Straub

        Die Welt ist sicher keine “wissenschaftliche Quelle”, die Dena, bzw. die RWTH Aachen schon eher. Setze Dich doch einfach mal mit den Aussagen auseinander. Wenn Du nur für “Andersdenker Schnellschüsse” Zeit und Muße hast, verschone uns bitte.
        Für eine dezidierte Auseinandersetzung mit diesem hochsensiblen Thema wären wir Dir sicher dankbar!

        22.8.2012 um 23:42 Uhr

      • andersdenkender

        Ist das jetzt an mich gerichtet? Oder an Peng?

        23.8.2012 um 06:15 Uhr

      • Erna

        @andersdenkender
        Steht da auch was drin, ob die derzeitige Produktion mit Verseuchung von Landschaften und Menschen bei PV/WKA/Seltenen Erden umgestellt wird und was es kostet? Wenn Sie sich den zuletzt geposteten Link dazu durchgelesen haben wurde eindeutig festgestellt, dass sich die Kosten bei einer tatsächlich “ökölogischen” Produktion erheblich erhöhen würden.
        .
        Und wenn die EE immer günstiger werden, wiedo steigt der Preis z. B. bei GP Energy kontinuierlich?

        23.8.2012 um 08:32 Uhr

      • Erna

        Für die die es noch nicht gelesen haben hier nochmals Ausschnitte aus dem Bericht des BR:

        Doch obwohl Seltene Erden gerne für “Grünen Technologien” wie Solarzellen und Windkraftanlagen eingesetzt werden, sind sie nicht umweltfreundlich. Über die schmutzige Kehrseite der Produktion vor allem in China erfahren Verbraucher hierzulande in der Regel nichts.

        Den Preis für den Abbau Seltener Erden zahlt in China die Bevölkerung: Offizielle Angaben über die Strahlenbelastung der Bergarbeiter gibt es zwar nicht, es ist aber bekannt, dass die Sicherheitsstandards im chinesischen Bergbau extrem niedrig sind. Schätzungen gehen von rund 10.000 Toten pro Jahr aus. Die Bevölkerung in den Abbaugebieten lebt zudem in völlig zerstörten Landschaften, klagt über vergiftete Brunnen und Getreide, das nicht wächst.

        23.8.2012 um 08:49 Uhr

      • Andersdenkender

        Erna, mach es doch mal konret:
        Mit Quellen und allen Rechnungen. Wieviel seltene Erden verbrauchen EE? Welchen Anteil haben diese am Gesamtverbrauch? Ja, letztendlich, wieviel Menschen sterben wirklich? Das ist ein wenig schwieriger als eine Zahl in den Raum zu werfen. Aber doch nicht zu schwierig für sie, oder?
        “Und wenn die EE immer günstiger werden, wiedo steigt der Preis z. B. bei GP Energy kontinuierlich?”
        Alle Preise steigen wegen Inflation. Konventionelle Energie verschmutzt Luft, Wasser und Erde. Schlechte Luft? Schlechtes Wachstum von Pflanzen. Schlechte Erde? Kein Wachstum auf der Erde. Verschmutztes Wasser? Das baldige Ende einer dortigen Zivilisation. Und das bezahlen wir auch. Indirekt.

        28.8.2012 um 17:57 Uhr

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