Genehmigungen, Schmenehmigungen – Shell will bohren

23. August 2012 · von Benjamin Borgerding

Schlechte Ideen sind oft umsonst zu haben. Shell hat sich seine schlechteste Idee seit langem trotzdem 4,5 Milliarden US-Dollar kosten lassen. Soviel Zaster hat der Konzern bereits für sein Arktis-Projekt hingelegt – d.h. v.a. für Equipment, Lizenzen und Genehmigungen. Weil die Zeit drängt, will Shell jetzt trotz nicht ausgestellter Genehmigungen so schnell wie möglich erste Bohrungen in der Tschuktschen- und der Beaufortsee durchführen.

Ursprünglich wollte der Ölkonzern bereits im Juli mit ersten Arbeiten vor der Küste Alaskas beginnen. Jetzt haben wir fast September und immer noch ist die Genehmigung für die Arctic Challenger durch die zuständige US-Behörde nicht erteilt. Dem Schiff fallen in Shells Notfallplan für einen Ölunfall in der Arktis wichtige Aufgaben zu. Die Challenger hat zum Beispiel eine große Haube an Bord, die sich im Falle eines Ölunfalls über die Stelle mit dem ausströmenden Öl senken soll.

Die schwimmende Bohrinsel Kulluk. Hier noch im Hafen von Durch Harbor in Alaska. - (c) Jiri Rezak - Greenpeace

Lange Zeit sah es so aus, als wäre dem 36 Jahre alten Eisbrecher nach vielen Jahren in Diensten der Ölindustrie im Ruhestand letzten Endes doch noch eine verdienstvolle Beschäftigung vergönnt: Kolonien aufgeweckter Raubseeschwalben und anderer Seevögel hatten die Challenger im Hafen von Long Beach, Kalifornien zu einem stählernen Vogelnest umfunktioniert, bevor Shell im Jahr 2007 begann, das Schiff für sein Arktis-Projekt umzurüsten und dem Ausdruck “Deckschrubben” eine völlig neue Bedeutungsdimension zu verleihen.

Shell will nun nicht länger warten, bis das schwimmende Vogelnest a.D. grünes Licht bekommt. Denn der Konzern steht unter erheblichem Zeitdruck. Die Bohrungen in der Arktis müssen abgeschlossen sein, wenn die Gewässer in den Wintermonaten erneut zufrieren. Mit dem US-Innenministerium wurden Bohrgenehmigungen bis zum 24. September (Tschuktschensee) und bis zum 31. Oktober (Beaufortsee) ausgedealt. Der Allerwerteste geht den Shell-CEOs also mittlerweile aufs buchstäbliche Grundeis.

Ein winziger Bereich menschlicher Aktivitäten ist mit noch höheren Risiken für die Umwelt verbunden als Offshore-Ölbohrungen – Offshore-Ölbohrungen in der Arktis zum Beispiel. US-Inneminister Ken Salazar hat erklärt, dass Shell keine Bohrerlaubnis für dieses Jahr mehr erhalte, sollte der Konzern vorgegebene Richtlinien nicht erfüllen. Aber Shell wäre nicht Shell, wenn Shell sich nicht auf die gute alte Strategie des fait accompli besinnen würde, die hat sich ja auch andernorts wunderbar bewährt.

Einem Bericht der Financial Times zufolge bearbeitet der Konzern gerade die US-Regierung, um eine Bohrerlaubnis zu erwirken, obwohl die ausstehende Genehmigung für die Arctic Challenger noch nicht erteilt ist. Shell will mit sogenannten “Top-Hole”-Bohrungen loslegen und obere Schichten des Meeresboden anbohren, die – toi toi toi – kein Öl enthalten. Shell nimmt wie üblich keine Gefangenen und hat am Montag bereits die schwimmende Bohrinsel Kulluk auf die zweiwöchige Reise in die Beaufortsee geschickt. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis man sich den Papierkram gleich ganz spart und auf lästige Genehmigungen einfach grundsätzlich verzichtet.

Bohrungen in der Arktis sind nicht nur für die Umwelt mit einem hohen Risiko behaftet, sondern auch für die Finanzen beteiligter Ölkonzerne. Während eines zwei Milliarden Dollar teuren Joint Ventures machten u.a. Shell und BP in den Achtzigern Bekanntschaft mit dem Phänomen der Ölmigration, aufgrund der die Bohrungen in der amerikanischen Arktis damals nicht das gewünschte zähflüssige Ergebnis zutage förderten. Das Wall Street Journal liefert dazu ein unsterbliches Zitat:

“Wir hatten am richtigen Ort gebohrt”, sagte Richard Bray, Leiter des Projektpartners Sohio Productions, dem Buchautor Daniel Yergin. “Wir waren schlicht 30 Millionen Jahre zu spät.”

Es ist ein bisschen wie in all den SciFi-Horrorfilmen, die einem einfachen Genre-Strickmuster folgen. Exposition: Mensch besucht einen unerforschten Planeten oder trifft auf eine fremde Lebensform. Ende: Der Reiz des Unbekannten ist erloschen, die fremde Lebensform ein einziger Albtraum. Anders als in “Alien” hätten wir es bei Shells Arktis-Projekt allerdings mit einer Lose-Lose-Situation zu tun: Shell verliert Milliarden investierter Dollar, die Menschheit verliert die Arktis.

UPDATE (31.08.2012): Wie leider Gottes nicht anders zu erwarten war, hat das US-Innenministerium dem Drängen von Shell nachgegeben. Salazar war so freundlich, Shell “Top Hole”-Bohrungen in der Tschuktschensee zu gestatten, obwohl die Challenger den TÜV der US-Küstenwache noch nicht erfolgreich passiert hat. Ein einziges  Trauerspiel.

Kommentare

  • neuling

    da war doch was mit der englischen Königsfamilie, die irren Anteil am Shell-Vermögen hat….fragen wir doch mal im Buckingham nach, wie das so mit dem lästigen Bürokram laufen soll…

    23.8.2012 um 17:36 Uhr · Antworten

    • peng

      Sind sie da nicht ein wenig falsch informiert? De englische Königsfamilie steht lediglich für BP. für Shell sind die niederländischen Parasiten zuständig.

      29.8.2012 um 21:29 Uhr · Antworten

  • Markus Winkelmann

    Es fehlen einen die Worte und die Erinnerungen an die an Deepwater Horizon kommen wieder zum Vorschein.
    Leider ist es wohl so, dass der Mensch schnell vergisst, wenn er nicht immer wieder auf Gräueltaten und Katastrophen hingewiesen wird, die durch menschliches Versagen zustande kommen.
    Und aus Fehlern lernen nur die Wenigsten, vor allem sind Worst Case Szenarien anscheinend nicht so schlimm, wenn genug Geld in die entsprechenden Taschen fließt.

    Was muss noch alles passieren, damit der Wahn ein Ende hat?
    Nicht mehr bei Shell Tanken, wird nicht ausreichen.
    Ich würde mir wünschen, dass die US Regierung, das Vorgehen und die Ignoranz von Shell, ebenso behandeln würde, als wäre dies ein Terroristisches Verhalten der USA gegenüber.
    Dann würde wahrscheinlich, weder die Arctic Challenger noch die Bohrinsel Kulluk in die Nähe der Arktis gelangen, sondern als ein neues Riff Verwendung finden.
    Aber leider wird dies nicht passieren, solange die USA Kriege für Öl anzetteln.

    23.8.2012 um 18:11 Uhr · Antworten

    • Andersdenkender

      Generell versuchen so wenig Öl wie möglich zu verbrauchen – und weil das ja sonst keine große Sache ist können das ja direkt alle machen ;)
      Wir müssen versuchen vom Erdöl loszukommen, da fällt mir ein das GP indirekt mit der Haltung gegen Biosprit einen Teil an der Verschmutzung der Arktis hat…Ich könnte jetzt sagen das GP die Arktis damit zerstört ist da gleiche wie GPs “Biosprit führt zu Hunger”. Im Grunde wahr, aber der Anteil ist lachhaft gering.

      24.8.2012 um 16:43 Uhr · Antworten

  • Andersdenkender

    Vielmehr eine Win-Win Sitution mit hohen verstecktem Risiko – Shell bekommt Öl und verkauft es an die Menschen, die Menschen bekommen also das Öl das sie wollen.

    24.8.2012 um 16:36 Uhr · Antworten

  • Lottina

    Einfach mal geltendes Recht aushebeln? Genehmigungen nicht abwarten? Wo leben wir eigentlich? Politiker die die Genehmigungen erteilen oder einfach weggucken,scheinen mir entweder unwissend oder bestechlich. Es wird Zeit, dass sie etwas dagegen setzen.

    29.8.2012 um 18:26 Uhr · Antworten

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