Bluesign – Umweltschutz nach Industrieinteresse?

14. November 2012 · von Manfred Santen

Greenpeace hat 14 Kleidungsstücke namhafter Outdoor-Marken untersucht. Alle Proben haben poly- und perfluorierte Chemikalien (PFC) enthalten. Diese Outdoorfirmen produzieren (abgesehen von Adidas, Fjällräven und Seven Summits) nach dem Bluesign Standard. Bluesign sorgt nach eigenen Angaben dafür, dass bei Herstellung und Veredelung von Natur- und Synthetikfasern keine umwelt-oder gesundheitsschädlichen Chemikalien in die Produktionskette gelangen. Allerdings ist der Einsatz von PFC erlaubt. Greenpeace fordert den vollständigen Verzicht von PFC und 10 anderer gefährlicher Substanzen aus der Textilproduktion.

Greenpeace hat 14 Kleidungsstücke namhafter Outdoor-Marken untersucht. Alle Proben haben poly- und perfluorierte Chemikalien (PFC) enthalten.

Industrie wichtiger als Umwelt und Verbraucher?

Nach Meinung von Bluesign haben die Produzenten von Outdoor-Kleidung das Recht PFC einzusetzen. Statt auf eine Verbannung setzt der Standard auf Risikokontrolle. Der Gedanke dahinter: Wie unter einer Glasglocke lassen sich gefährliche Chemikalien beherrschen – der Kontakt mit Menschen und der Umwelt lässt sich vollständig kontrollieren. Doch die Realität sieht anders aus: Vom arktischen Polareis bis in die Tiefsee, vom menschlichen Blut bis in die Muttermilch finden sich bereits Spuren von PFC. Einige Stoffe sind bioakkumulativ und können sich in Organen oder im Blut von Lebewesen anreichern und der Gesundheit schaden. Die Kontrolle dieser langlebigen Chemikalien kann durch kein Zertifikat garantiert werden. Früher oder später landen die Schadstoffe in der Umwelt – wenn nicht bei der Produktion, dann spätestens beim Tragen oder bei ihrer Entsorgung. Nur PFC-freie Alternativen bieten einen wirksamen Schutz vor Umweltbelastungen.

Bluesign will ab 2015 lediglich auf die sogenannten C8-Verbindungen (mit acht Kohlenstoffatomen) verzichten. Die kurzkettigen C6-Verbindungen sollen den Produzenten erhalten bleiben. Aber auch die C6-Verbindungen sind keine „grüne Chemie“. Kurzkettige PFC sind vielerorts im Grundwasser und Trinkwasser nachweisbar. Kein Aufbereitungssystem der Welt kann sie wieder herausfiltern. Das Umweltbundesamt ruft daher alle Hersteller auf, fluorfreie Alternativen zu verwenden. Die Behörde prüft, ob die kurzkettigen PFC auf die REACH-Liste für besonders besorgniserregende Stoffe gesetzt werden können (SVHC-Liste). REACH ist die europäische Chemikalienverordnung und regelt u.a. den Einsatz von gefährlichen Chemikalien. Ein Zertifizierungsstandard, der weiterhin den Einsatz von PFC zulässt, argumentiert der wissenschaftlichen Erkenntnis hinterher. Einem Standard, der den Einsatz von PFC erlaubt, geht es in erster Linie um die Wünsche der Industrie. Umwelt, Anwohner und Konsumenten stehen hinten an.

Instransparentes Kontrollsystem

Die Stärke des Bluesign Systems ist, dass die Zertifizierer Produktionsstätten besichtigen. Allerdings schweigt Bluesign dazu, welche Chemikalien die Hersteller in die fabriknahen Flüsse einleiten. Dabei machen es andere vor: Zum Beispiel arbeiten H&M und Marks&Spencer mit ihren Lieferanten an einem Kontrollsystem, das Daten im Internet offen legen soll.

Bislang entscheidet Bluesign, welche Chemikalien für Anwohner und Konsumenten akzeptabel sind. Würden die Abwasser- und Abluftdaten offen gelegt, könnte sich jeder selbst ein Bild machen. Es ist höchste Zeit für Bluesign und die Firmen, sich für strenge Standards und transparente Kontrollen zu entscheiden.

Kommentare

  • Florian

    Herr Santen,
    Ich hoffe sie sind kein Brillenträger, denn die wären höchstwahrscheinlich mit PTFE sprich Teflon beschichtet. Linsen übrigens auch. Hoffentlich haben sie keine seriösen herzbeschwerden, ihr bypass wäre nämlich aus gore-tex. Und ihr vegi stake bitte immer auf der alten messingpfanne, gell, denn die meisten haben eine Teflonbeschichtung. Fliegen dürfen sie auch nie mehr, denn die flugzeuge haben eine beschichtung, das ist gut, denn das spart nicht nur geld in der wartung sondern auch viel wasser.
    Ich versteh ihr problem gar nicht so richtig, denn der eisbär wird wenn schon an der klimaerwärmung zum opfer fallen aber sicher nicht diesen unbedeutenden rückstandspartikeln. Wären die substanzen so gefährlich wie erklären sie sich denn dass die menschen trotz einer kontaminierten muttermilch immer äler werden. Ich habe eine leise ahnung die sie wahrscheinlich nicht gerne hören. Sie werden älter weil es goretex gibt die nicht nur diese super jacken machen sondern eben auch produkte im medizinalbereich. Ein anderer grund könnte auch sein, dass ein viertel der chemie in die pharmabranche fliesst und lebenserhaltende bzw. Lebensrettende medikamente daraus machen. Ich für meinen teil bin zufrieden mit meiner funktionsjacke und froh gibt es medizin. Ich hoffe sie brauchen es nie. Ich bin übrigens auch ein kritischer konsument und möchte hier nicht zynisch etwas verniedlichen, sondern nur auf die verhältnismässigkeit aufmerksam machen. Das von ihnen bewirtschaftete problem ist in meinen augen eine veritable nullnummer, denn vor ein oaar jahren hätte man die von ihnen nachgewiesenen mengen an pfoa wohl mangels einer messmethode gar nicht messen können und was mich persönlich auch noch beeindruckt – das steht glaube ich auch im bluesignreport- die pfoa werte sind im verhältnis wie 1sekunde in 32 jahren. Also vergessen sies und steigen wieder auf AKW,s oder gehen schlauchbootfahren. Viel erfolg beim spendegeldersammeln.

    15.11.2012 um 20:34 Uhr · Antworten

  • Nevar

    Herr Santen,
    Was Sie hier in Ihrem Blog als Vertreter von Greenpeace offenbaren, raubt mir jede Illusion darüber, was Greenpeace heute ist oder zu sein vorgibt. Besonders gilt das für die Art, wie sie Menschen und Organisationen pauschal diffamieren, nur weil sie eine andere, gleichwohl fundierte Meinung als Sie vertreten, oder nur einen anderen Ansatz wählen, als Sie, Herr Sangen, das tun. Mit über 20 Jahren Berufserfahrung in Sachen Umweltschutz, auch bei NGOs, und einer guten Kenntnis der Textilindustrie bin ich einfach nur entsetzt über diesen Blog: Bluesign ist vor über 10 Jahren angetreten, nicht nur um die Ziele zu verwirklichen, die Sie mit DETOX erreichen wollen. Da geht es auch um Wasser-und Energieverbrauch, Produktsicherheit und Arbeitsschutz. Das System des Chemikalienmanagements bei bluesign ist wegweisend weit über die Textilindustrie hinaus. 10 der 11 von DETOX adressierten Substanzgruppen sind offensichtlich auch zu Ihrer Zufriedenheit bei Bluesign adressiert. Wer sich damit etwas näher auseinandersetzt, kann leicht erkennen, mit wie viel Idealismus und Durchhaltevermögen die Menschen bei Bluesign ihre Gründerjahre hinter sich gebracht haben. Die Frage, warum Bluesign heute (noch!) PFC-Ausrüstungen erlaubt, lässt sich mit Blick auf ein anderes anerkanntes Umweltlabel beantworten: FSC, das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zertifiziert. Auch beim FSC gibt es Umstände, unter denen Kahlschläge und Pestizideinsatz geduldet werden. Warum? Weil es unter gewissen Umständen einfach notwendig sein kann. Und weil ein Zertifizierungssystem, das die Industrie in der Breite verändern will, nicht mit idealistischen Maximalforderungen antreten kann, die den freiwillig (!) zertifizierten Unternehmen die wirtschaftliche Grundlage rauben würden. Nur so konnte FSC innerhalb von nur einem Jahrzehnt zu dem Gewicht kommen, das es heute hat. Bluesign beschreitet ebenso einen kooperativen, wenn Sie so wollen: industriefreundlichen Weg. Dass Greenpeace den Weg der Konfrontation wählt, mag legitim sein. Wie Sie dabei zu rhetorischen Vereinfachungen, Polarisierung, Pauschalisierung und Diffamierung greifen, um eine anders lautende Meinung zu diskreditieren, hat für mich schon einen beinahe braunen Beigeschmack. Da mache ich mir ernsthaft Sorgen um Greenpeace: Seid Ihr schon so verzweifelt, dass Euch jedes Mittel zum Zweck recht ist, auch die Verunglimpfung von beinahe Gleichgesinnten? Sei Ihr mittlerweile unfähig, oder unwillig, zu einer sachlichen Auseinandersetzung? Ist es Euch egal, welche Auswirkungen ein solcher Öko-Populismus auf unsere Zivilgesellschaft haben könnte? Denkt Ihr nur noch daran, wie Ihr mit markigen Sprüchen in die Schlagzeilen der Sensationspresse kommt, um Eure Spendenkontos zu füllen? Seid Ihr schon betrunken von der Macht, die Euch das Vertrauen Eurer Anhängerschaft und die Aufmerksamkeit der Presse beschert? Ich hoffe nicht – ehrlich!

    Apropos “wissenschaftlich”: PFCs sind unschönerweise fast ubiquitär nachweisbar sind, weil sie in Unkenntnis der Risiken in der Vergangenheit sehr sorglos verwendet und freigesetzt wurden, und zwar in vielen Anwendungen und Industrien. Sie aber behaupten zwischen den Worten, dass eine Textilproduktion mit kurzkettigen PFC nach Bluesign-Standard vergleichbare Belastungen verursachen würde. Wer solche Hypothesen aufstellt, sollte sie schon plausibel machen, besonders, wenn er von anderen Wissenschaftlichkeit einfordert. Ansonsten argumentiert er nicht “hinter der wissenschaftlichen Erkenntnis her” sondern er missbraucht angebliche Wissenschaftlichkeit als Deckmantel für seine Demagogie.

    So wird das aber nichts mit dem bitter nötigen Wandel zur Nachhaltigkeit. Was Greenpeace wohl auch übersehen hat: In der Outdoor-Industrie gibt es seit längerem eine intensive Zusammenarbeit, um einen wirklich nachhaltigen Wandel in der Industrie herbeizuführen. Diese Initiative hat mittlerweile auch wichtige Teile der Textilindustrie ergriffen, und findet auch bei Umweltorganisationen breite Anerkennung. Das ist kompliziert und langwierig, wenn man es wirklich systemisch und ökologisch anpacken will. Aber nur so kann es wirklich nachhaltig werden. Ist das Greenpeace wirklich so egal, wie es hier scheint? Ist alles was zählt, dass es hier eine Branche gibt, die man an einem kleinen, aber empfindlichen Thema packen kann und vor sich her durch die Medienlandschaft treiben kann? Rechtfertigt Ihr so, dass Ihr in einer Branche, die freiwillig und ohne Druck von aussen das Thema Nachhaltigkeit gemeinsam angeht, Konfrontation und Zwietracht sät? Nehmt Ihr dafür in Kauf, dass andere Nachhaltigkeitsthemen, die in der Summe viel gewichtiger sind, auf der Schlachtbank der Sensationsmeldungen geopfert werden?

    Ich hoffe aufrichtig, dass Greenpeace hier den Bogen nicht überspannt, und nicht zum selbstgerechten Öko-Hanswurst des Medientheaters verkommt. Das wäre ein herber Verlust für unsere Gesellschaft, der nicht wirklich in Eurem Interesse sein kann. Oder?

    Übrigends: Ich gehöre nicht zu Bluesign, und dieser Beitrag gibt meine ganz private, umwelt- und gesellschaftbewegte Sorge wieder, die hoffentlich ernstgenommen wird.

    17.11.2012 um 20:10 Uhr · Antworten

    • Manfred Santen

      Ja, der Bluesign-Ansatz ist an Punkten vorbildlich und in dem Sektor Kunstfaser-Textilindustrie gibt es derzeit kein besseres System, das Umweltschutz und Sozialstandards berücksichtigt. Und: ja, die Erfahrung und Expertise der Bluesign-Macher ist sicherlich nicht abzustreiten.
      Aber das alles schützt das System Bluesign nicht davor, an einigen Punkten zu pragmatisch im Sinne der Produzenten an die Sache heranzugehen, obwohl Umweltschutz und Vorsorgeprinzip einen anderen Ansatz erfordern. Das haben wir mit unserer Stellungnahme thematisiert.

      Nicht in jeder Anwendung ist PFC leicht zu ersetzten, stimmt. Trotzdem ist es aus Sicht von Greenpeace wichtig, dass sich die Branche ambitionierte Ziele setzt: Da wo es bereits Alternativen gibt, sollten diese sofort eingesetzt werden. Viele nutzen ihre Outdoorjacken eher in der Stadt als auf dem Mount Everest. Müssen diese Jacken wirklich 50.000mm Wassersäule standhalten und jeden Schmutzfleck abperlen? Sicher nicht. Wo noch keine Alternativen vorhanden sind, müssen innovative Lösungen her. Dieser Innovationsmotor kommt aber erst richtig in Gang, wenn ein klares Ziel und ein klares Ausstiegsdatum formuliert werden.
      Viele Outdoor-Marken setzen auf Nachhaltigkeit. Sie nutzen Biobaumwolle oder recycelte Materialien für ihre Produkte und haben zum Teil ein gutes Chemikalienmanagement. Firmen wie Patagonia versuchen außerdem ihre Lieferkette transparenter zu machen. Das ist gut so. Die Outdoorfirmen müssen sich aber auch den Kernproblemen ihrer Branche stellen, und dazu gehören nun mal die PFC. Fast alle Marken setzen PFC für eine ganze Bandbreite von Produkten ein. Das passt nicht ins Bild einer naturnahen und nachhaltigen Branche.

      Wir sehen an den Reaktionen auf unseren Report, dass die Outdoor-Marken sich des Problems durchaus bewusst sind. Von Jack Wolfskin über Mammut bis zu Patagonia verweisen fast alle Firmen auf eigene Anstrengungen langfristig nicht nur auf PFOA sondern auch auf andere PFC verzichten zu wollen – nur leider halbherzig ohne klare Zeitschiene und Zielvorgabe.

      Nach unserer Ansicht aber ist es an der Zeit jetzt zu handeln. Es müssen dringend Alternativen her, wenn es sie nicht in ausreichender Qualität gibt, müssen sie entwickelt oder optimiert werden. Offenbar braucht es da einen Anstoß, denn allein mit dem Bluesign-Ansatz ist es nicht getan.

      Auch geringe Rückstände können in der Summe zu einer nennenswerten Belastung werden. Wie hoch diese Belastung tatsächlich aussieht, darüber lässt sich nur spekulieren. Auf dem Weg von der Fabrik in den Laden können PFC-Rückstände ausgewaschen oder in die Luft abgegeben werden. Aus den gemessenen Rückständen lässt sich also nicht schließen, wie viel PFC in der Produktion tatsächlich eingesetzt wurde. Die Chemieindustrie wehrt sich seit Jahren erfolgreich konkrete Zahlen darüber vorzulegen, welche PFC in welchen Mengen wie eingesetzt werden. Es wird Zeit, dass die Chemieunternehmen hier endlich Klarheit schaffen.

      ps: den folgenden Satz hätten Sie sich sparen können: “…,hat für mich schon einen beinahe braunen Beigeschmack”. Ich verweise außerdem auf unsere blog-Regeln: http://blog.greenpeace.de/verhaltenskodex/

      21.11.2012 um 13:04 Uhr · Antworten

      • Nevar

        @Manfred Santen,
        vielen Dank für Deine nun doch differenzierte Betrachtung des Bluesign-Ansatzes. Das Problem mit dem Innovationsmotor, den Du beschwörst, ist aber auch, dass die Outdoor-Industrie nur einen Bruchteil der polyfluorierten Ausrüstungen verwendet, die von der Chemieindustrie hergestellt werden. Und Textil ist eine notorisch preissensible, sprich margenschwache Branche. Die heute (durchaus sinnvoll) hohen Hürden und Kosten der Zulassung neuer Chemikalien (REACH) sind für die Chemieunternehmen nicht unbedingt ein Anreiz für Neuentwicklungen, da die Amortisierung dieser Investitionen sehr unsicher ist. Wäre schön, wenn´s trotzdem funktioniert. Aber wer sich heute auf ein Ausstiegsdatum festlegt, stellt einen ungedeckten Blankoscheck aus, auch wenn er dafür gefeiert wird. Kann aber auch sein, dass zum hypothetischen Ausstiegsdatum keine Alternative vorhanden ist, und das Unternehmen mit “sauberen”, aber nicht konkurrenzfähigen Produkten dasteht. Nicht wirklich nachhaltig…
        Zum Thema “übertriebene Produkteigenschaften”: Ich kenne und sehe viele Menschen, die Outdoorjacken AUCH in der Stadt tragen, aber mit demselben Stück fahrradfahren, wandern, reisen, und, und, und. Warum? Weil diese Bekleidung einfach vielseitiger ist als andere Oberbekleidung, und sehr haltbar obendrein, da für den “Ernstfall” gemacht. Hochwertig, vielseitig, haltbar – passt eigentlich ganz gut in das Raster Eures Textilratgebers…
        Schmutzabweisung heisst doch auch, dass ich weniger waschen muss: das spart Wasser, Energie, Waschmittel, und lässt die Bekleidung so auch noch länger leben. Ich möchte nicht wissen, wie viel mehr die Mütter Englands in ein paar Jahren waschen müssen, wenn Marks&Spencer auf Euren Druck hin die Schuluniformen dann ohne Schmutzabweisung ausliefert. Ob das in der ökologischen Gesamtbilanz nicht ein Rückschritt wird? Der Klimaschutz lässt grüssen… Das wirft die ernstgemeinte Frage auf: Wie viele Gedanken macht sich Greenpeace tatsächlich über solche Wechselwirkungen? Ernsthaftes Bemühen um Nachhaltigkeit tut das. Deswegen ist die Antwort auf die PFC-Frage leider nicht so einfach, wie man sich das wünschen würde.

        Zum P.S. mit dem “Beigeschmack”: Bitte das richtig, und zwar als Feedback, zu verstehen, wie Deine Rhetorik im Originalbeitrag auf mich wirkt. Ähnliches finde ich in Euren Reports, zum Beispiel die “polarisierende Ausschnittsvergrösserung”, ein erhebliches Sendungsbewusstsein und die Sündenbocknummer. Auf die für mich erschreckenden rhetorischen (nicht inhaltlichen!) Parallelen wollte ich hinweisen, ohne dabei irgendjemandem faschistoide Absichten oder Gedankengut zu unterstellen. Mag sein dass es Situationen in Eurer Arbeit gibt, in denen solche Rhetorik als Ultima Ratio legitim sein mag – im Fall Bluesign ist das sicher mindestens so ein Overkill wie “50m Wassersäule” in der Fussgängerzone…
        Auf einem “Wir sind schlau und gut – Die sind dumm und böse”- Weltbild werden wir nun mal keine nachhaltige Gesellschaft aufbauen. Ich wünsche mir da von GreenPEACE dass sich Gewaltfreiheit nicht nur in den Taten, sondern auch in den Worten und Bildern widerspiegelt. Denn die prägen die Gedanken und das Weltbild vieler Menschen, die Euch vertrauen. Aber das wisst Ihr ja…

        25.11.2012 um 01:18 Uhr

  • Sebi

    Nevar bringt hier ein paar interessante Aspekte in die Diskussion ein. Da bin ich ja mal gespannt auf die Antworten von Herr Santen….
    Ich habe selber mal bluesign gegoogelt, soweit ich das beurteilen kann ist das ja tatsächlich ein sehr danzheitlicher und systematischer Ansatz und dass die Mehrheit der 14 untersuchten Brands bei bluesign mittmachen stärkt mein vertrauen in diese Anbieter nur, bluesign arbeitet da sicher in die richtige Richtung. Das Beispiel mit FSC finde ich spannend.
    Ich habe auch mal Pfoa gegoogelt, dabei stößt man auf ein amerikanisches Stewardship Programm. Demnach haben die 8 größten chemiehersteller seit 2006 den pfoa Verbrauch um satte 95% gegenüber 2000 reduziert. Ich finde das bemerkens- und erwähnenswert, leider sind solche Fakten im Greenpeace Bericht nicht enthalten. Insgesamt werde ich den Eindruck nicht los, dass hier ein Problem skandalisiert wird, dass von der Industrie schon erkannt wurde und mit bluesign ein Standard existiert, der das Problem managen kann.
    Bitte um ihre Meinung Herr Santen…

    18.11.2012 um 23:28 Uhr · Antworten

    • Manfred Santen

      Die Gefährlichkeit von PFC ist kein neues Problem. Doch noch immer werden PFC in vielen Anwendungen und Industrien eingesetzt. Obwohl die problematischen Eigenschaften von PFOA lange bekannt sind, setzt etwa die Textilbranche nach wie vor C8-PFC ein, die in der Umwelt und im Körper zu PFOA abgebaut werden. Auch bluesign erlaubt bisher den Einsatz von C8-PFC (insbesondere von Fluortelomeralkoholen).

      Auf Initiative der amerikanischen Umweltbehörde EPA haben sich führende Hersteller von Fluorverbindungen im PFOA-Stewardship-Programm 2010/2015 dazu verpflichtet, den Gehalt an PFOA in ihren Produkten deutlich zu verringern (mind. 95% bis 2010) und bis 2015 ganz zu vermeiden (das steht im Übrigem auch in unserem Report). Aus Sicht von Greenpeace ist das ein erster Schritt, der aber zu kurz greift. Auch die kürzerkettigen PFC haben problematische Eigenschaften, werden vom EPA-Programm allerdings nicht erfasst. Da das Programm freiwillig ist, gibt es zudem nach wie vor Hersteller, die PFOA herstellen und nicht im EPA-Stewardship Programm sind, etwa in China.

      Dass die Branche jetzt von C8-PFC auf kürzerkettige PFC umschwenkt, zeigt, dass der Vorsorgegedanke immer noch nicht in den Köpfen der Unternehmen angekommen ist. Auch diese kurzkettigen “Alternativen” werden in der Umwelt nicht abgebaut. Und: Im Vergleich zu längerkettigen Verwandten sind diese Substanzen leichter flüchtig und im Wasser leichter löslich. Somit ist mit einer größeren biologischen Wirksamkeit zu rechnen.

      Da die kürzerkettigen Substanzen in der Anwendung weniger effektiv sind als C8-PFC, wird man sie in größeren Mengen einsetzen müssen. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Belastungen mit PFC in den kommenden Jahren zunehmen werden. Eine jüngst veröffentlichte Untersuchung von schwedischen Frauen zeigt, dass die C4- und C6-Belastung im Blut innerhalb der letzten Jahre steil angestiegen sind. Eine Branche die mit Nachhaltigkeit wirbt, sollte auf diese Art von Chemikalien verzichten.

      21.11.2012 um 13:05 Uhr · Antworten

  • Peter Witte

    Diese Diskussion erinnert mich ein wenig an die Diskussion um die FKWs/FCKWs in Kühlschränken vor etlichen Jahren. Nach Meniung vieler Fachleute galten sie als praktisch nicht ersetzbar. Wo sind wir heute?
    Oder denken wir an die Einführung von Abgas-Katalysatoren in PKWs…
    Die Suche nach geeigneten Materialien/Techniken für welchen Zweck auch immer, ist nie zu Ende. Daher hilft es auch nicht Verweise vorzubringen, für welchen Zweck sich welche(s) Material/Technik bis heute als Bestes erwiesen hat.
    Wann immer man Defizite feststellt, sollte man Umgehungslösungen nur so lange verwenden, bis ein besserer Ersatz verfügbar ist. Ein Festhalten am Status Quo kann nie zielführend sein. Das würde nämlich Stillstand bedeuten.
    Ich kann daher die Initiative von Greenpeace nur nachdrücklich unterstützen, da sich hier wieder einmal zeigt, wie schwer es ist, von Innen Verkrustungen aufzubrechen.
    Ich denke auch, dass gerade die Hersteller, die sich am stärksten gegen diese Kritik stemmen, am Ende als Verlierer dastehen könnten.

    06.1.2014 um 12:59 Uhr · Antworten

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